Da irren Sie, mein Lieber

Gideon "Böss in Berlin" Böss © Gideon Böss
Gideon „Böss in Berlin“ Böss
© Gideon Böss

#533 Täglich lese ich die Tageszeitung DIE WELT, und darin auch häufig einen Beitrag von Gideon Böss. Er schreibt auch in der Achse des Guten (www.achgut.com), und ich bin beinahe jedesmal erstaunt, wie ein junger Mensch – Böss ist meines Wissens nach so um die (unter) 30 Jahre alt – so differenziert schreiben kann. Klares Denken ist keine Sachen von alten Knochen, denke ich mir oft, wenn ich etwas von ihm lese.

Aber jetzt ist ihm etwas passiert, etwas durchgerutscht, was er vielleicht vor Jahren auf Vorrat schrieb und nun im Zuge des Sommers veröffentlichte. Es heißt „Facebook ist eine wunderbare Schule der Toleranz“ und erschien auf welt.de hier: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article131656100/Facebook-ist-eine-wunderbare-Schule-der-Toleranz.html

Nun ja, lieber Herr Böss: Das ist nicht das, was ich von Ihnen gewohnt bin. Die simple Gleichung „wenn man einander kennt, tut man einander nichts“ stimmt nicht. Und zwar ganz und gar nicht. Nur, weil zwei Individuen darin übereinstimmen, den FC Bayern toll zu finden oder das Gegenteil davon, tolerieren sie sich nicht.

Die Konflikte dieser Erde leben nicht davon, dass die Konfliktparteien einander nicht kennen würden. Die Deutschen kannten die deutschen Juden so etwa 1942, als diese verschwanden. Die Türken kennen die Armenier (die, die noch übrig sind). Die Russen kennen die Ukrainer. Facebook & Co. liefern keinen Beitrag dafür, dass die Menschen gewaltloser miteinander umgehen, sie liefern nur einen Beitrag dazu, dass man die geposteten Bilder desjenigen kennt, den man gerade um die Ecke gebracht hat. Man weiß, welchen Film im Kino der zuletzt sah, den man jetzt als russischen Soldaten in der Wohnung stehen hat. Man weiß, mit wem die junge Frau befreundet war, die von einem islamistischen Mörder in die Luft gesprengt wurde. Aber verhindern – nein, verhindern tut das nichts.

Der Glaube, dass kein Raum für Hass sei, wenn man nur das Objekt des Hasses besser kennte, geht fehl. Das Problem ist nicht, wen man hasst, sondern dass man hasst. Manchen, der sozusagen auf der Kippe steht, kann man durch eine Reise nach Israel lehren, dass dieser Staat Mitwirkung und Schutz verdient (als einziger Rechtsstaat, als einzige Demokratie des Nahen Ostens). Aber denjenigen, der antisemitisch ist, wird man dadurch nicht ändern. Der wird vielleicht das Land toll finden, aber sich darüber beklagen, dass es so viele Juden hat.

Nein, geschätzter Gideon Böss, so sehr ich mag, was Sie sonst schreiben, so sehr widerspreche ich Ihnen diesmal. Facebook & Co. sind alles mögliche, aber keine „Schule der Toleranz“.

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