So schaut’s aus

# 527

Weil viele gefragt haben und noch fragen, weil die Antwort sowieso halböffentlich werden wird, weil ich noch lebe und weil das Tippen halbwegs wieder geht, hier die Geschichte der letzten vier Wochen. Zum Glück muß ich es nicht mit der Hand schreiben, denn meine Handschrift ist weg.

Ende Mai war ich in Berlin. Auf der Rückreise war ich ein Dauerhusterer und lahm wie ein 95jähriger, dem man den Rollator weggenommen hat. Als fit nahm ich mich dann wahr, wenn ich eine rauchen konnte: einen von dreißig oder vierzig Menthol-Zigaretten pro Tag. Also, ich kam aus Berlin zurück, und ich spürte: da ist etwas im Anzug. Ich besorgte mir Aspirin und Wick Medinait und was man halt so braucht. Und ich besorgte, natürlich, reichlich Zigaretten. Aber ich rauchte wenig, denn ich konnte nicht.

Das Wochenende war schlimm. Details sind nicht nötig, aber mir ging es wirklich schlecht, als ich am Montag beim Internisten vorstellig wurde. Ich rauchte nicht mehr. Nicht, weil ich internalisiert hatte, daß Nichtrauchen besser ist, sondern weil es nicht ging. Der Blutdruck war 220:140. Vor allem die 140 erschraken. Ich bekam vor allem Blutdrucksenker und rauchte weiterhin nicht. So ging die Woche rum. Es stand die Idee im Raum, das neue Nichtrauchertum durch ein paar Tage auf Teneriffa zu begehen, eine entsprechende Krankschreibung stand eh in Aussicht: ich war einfach zu schwach. So frug ich am 16. meinen Arzt, ob ich fliegen könne. Er bejahte. Am 18. ging es nach Teneriffa.

Der Flug ging ab Nürnberg, und da nehme ich immer die U-Bahn. Aber die wurde bestreikt, und so brachte mich eines dieser elfenbeinfarbigen Autos früh um 0500 zum Flughafen. Ich gab den Koffer auf und bestieg das Flugzeug. Bei der Landung muß es passiert sein. Ich weiß noch, daß die Welt nach rechts stürzte. Zum Glück war mein Rucksack links oben, dachte ich – wäre er rechts oben im Flugzeug gewesen, wäre er unerreichbar. In Teneriffa gibt es solche Förderbänder. Ich mußte mich mit beiden Händen festhalten, sonst wäre ich hingefallen. Und kein anderer bemerkte, daß die Welt zur Seite stürzte; komisch. Ich holte noch meinen Koffer, aber ich konnte nicht am Förderband stehen, sondern mußte mich setzen.

Ein Verwandter, der auf Teneriffa lebt, erwartete mich. Ich rief ihn an, um zu sagen, daß ich gelandet sei und gleich mit dem Koffer käme, aber aus meinem Mund kam nur unverständliches Blablubb. SMS schreiben ging gar nicht: ich war schon froh, wenn ich das Handy traf – einen bestimmten Buchstaben zu treffen, war ganz und gar unmöglich.

Als ich durch dir Sperre ging, sah mich der Verwandte an und schaltete schnell: Schlaganfall. Er übergab mich an zwei Sanitäter, die gerade vorbei gingen, und die brachten mich ins Krankenhaus. Und die Maschinerie lief. Krankenwagen, Krankenhaus, Untersuchungen, ins Bett fallen: es war gut.

Intensivstation. Kein Vergnügen. Nebenan lag ein Brite mit seinem dritten Infarkt. Da lernte ich das erste: Infarktpatienten haben Angst, Schlaganfallpatienten nicht. Und ich lernte das zweite: Viel Respekt vor denen, die dort arbeiten. Auf der Wachstation gibt es keinen Tag und keine Nacht, und jeder dort ringt. Und die Menschen dort kümmern sich, sie sind freundlich, sie lassen einen nicht allein. Es ist schwer, dort zu arbeiten, und sie machen es doch. Als ich das erste Mal meine Unterschrift sah: Unmöglich, das ist nicht meine Unterschrift, dieses Gekrakel.

Beim Schlaganfall geht im Krankenhaus nicht viel. Etwa nach dem Motto „Wenn überlebt, dann überlebt“, wird man bald entlassen. 60 % überleben den ersten, davon sind 65 % auf Hilfe angewiesen. Ich zum Glück nicht. Blutdruckmessen kann man auch daheim. Also ging es nach zwei Tagen an den Urlaubsort. Acht Tage später war ja der Rückflug geplant. Ich tat langsam. Man ist ja auf so manches vorbereitet, man weiß, daß man eine Pflegefall sein kann, daß es ein schwerer Kampf ist. Aber daß es jeden Tag schlechter geht – darauf ist man nicht vorbereitet. Ging es aber: schlechter, Tag für Tag. Die Ärztin, die mich begutachtete, um meine Flugfähigkeit zu prüfen, schüttelte nur den Kopf: „You cannot fly“ und rief die Ambulanz. Diesmal ging es – am Freitagmittag – ins Universitätsklinikum von Santa Cruz, der Hauptstadt von Teneriffa.

Die Notaufnahme dort ist ein schrecklicher Ort. Menschen liegen zu dreißig, vierzig in ihren Betten und warten auf die Anordnungen der Ärzte. Menschen sterben. Einer, der wohl am Nachmittag noch durch seinen Garten spazierte, sprach nur noch mit der Wand und sah seine Frau nicht, die neben seinem Bett stand und verzweifelt war. Ich sah ihn später wieder; er hatte überlebt, aber war ein Pflegefall geworden. Andere wurden ins Zimmer am Ende des Flures geschoben, dort hätten sie mehr Ruhe – zum Sterben. Mal mit kleiner, mal mit großer Familie, mal mit Pfarrer. Wenn die Krankenschwester das letzte Tütchen bringt, mit den dritten Zähnen und dem Ehering, ist die Botschaft klar.

Man bleibt ewig Patient Nr. 2, weil es immer einen gibt, dem es schlechter geht. Irgendwann, lange nach Mitternacht, wird man wieder auf die Wachstation geschoben. Was ist los? Ein zweiter Schlaganfall? Es wurde ja ständig schlechter, also muß etwas vorgefallen war; aber was? Ich lallte, das tat ich zwei Tage nach dem Schlaganfall nicht. Die rechte Seite, das rechte Bein, den rechten Arm konnte ich nicht gut kontrollieren, was war da los? Wieder bekam ich einen Zugang gelegt, wieder bekam ich Sauerstoff. Wieder ein Schlaganfall? Nichts dergleichen. Im Laufe des Samstags erfuhr ich es: eine solche Verschlechterung ist, gerade bei einem, der es gut überstanden hat, ganz normal. Nein, das Problem hatte einen ganz unerwarteten Namen: Lungenentzündung.

Wieder Intensivstation. Bis Montagmorgen – und das ist lange, wirklich lange. Als ich erfuhr, daß ich eine Lungenentzündung habe, habe ich nichts mehr verstanden. Wo kommt die denn her? Und: Ist eine Wach- oder Intensivstation der richtige Ort, um eine Lungenentzündung loszuwerden? Als die Ärzte zu viert ums Bett standen und besorgt guckten, das Fieber auf über 39 °C gestiegen war und ich matt und müde war, habe ich nichts gemerkt. Erst später erschrak ich.

Ich schreibe hier sehr offen, aber was ich auf dieser, der zweiten Wachstation erlebte, das kann ich nicht schreiben. Aber ich weiß, daß ich dort nie wieder sein möchte. Dieser Ort existiert jetzt, während ich schon längst wieder zuhause bin, dort stehen zehn Betten, und ich war froh, daß eines für mich war – aber ich möchte dort wirklich nicht sein.

Weiß jemand, wie schwer es sein kann, den rechten Fuß in einen Schuh zu bekommen? Es kann ewig dauern, es kann eine Viertelstunde dauern. Aber ohne Schuh kein „Spaziergang“, nachdem ich von der Wachstation aufs Zimmer verlegt worden war, und ohne Spaziergang kein rechtes Gesundwerden, immer stur mit dem Infusionsgerät am Arm die Steinkacheln entlang, tagein, tagaus, und beim zweiten Mal dauerte es nur 14 Minuten, bis der Schuh angezogen war, und dann 13 und so weiter.

Im fremden Land versteht man die Schwestern nicht. Die Ärzte sprachen tolles Deutsch – der eine Neurologe studierte hier, der Internist war Deutscher, aber man erlebt Dankbarkeit in besonderer Weise, eben weil man sich nicht mitteilen kann.

Und dann ruft der ADAC an: „Wir holen Sie heim“. Ich war mehr als dankbar. Der ADAC schickte einen Arzt, der mit mir flog, mir Sauerstoff gab, der den Blutdruck maß und anderes mehr. Über Düsseldorf und München ging es ins Südklinikum – der Weg war idiotisch, aber ich war dankbar dafür, dass mich jemand heim brachte. Im Südklinikum wurde ich erneut untersucht. Der Arm trifft die Nase. Alle Reflexe sind noch da. Die Augen folgen dem Licht. Man schickte mich heim: der Schlaganfall sei uralt und ich hätte ihn ja überlebt. Die Lungenentzündung sei auskuriert, also läge kein Grund für eine Hospitalisierung vor. Und tschüß.

Lange nach Mitternacht kam ich zuhause an, müde, denn der Tag hatte um 0600 begonnen. Ich bin wieder da. Ich bin noch da. Dafür bin ich dankbar. Ich habe meine Geschichte erzählt. Danke denen, die ihren Anteil daran hatten. Und jetzt kämpfe ich mich zurück. Auch wenn die Beeinträchtigungen relativ gering sind: ich spüre sie sehr deutlich. Und ich will meine Handschrift wieder haben.

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