Guter Wille ist das Gegenteil von Qualität

#525

Stadtansicht Nürnbergs von 1493 aus der Schedelschen Weltchronik
Stadtansicht Nürnbergs von 1493 aus der Schedelschen Weltchronik

In Nürnberg gibt’s Galgenhof. Das ist, grob gesagt, das Viertel hinterm Bahnhof. Hier stand „vermutlich“, wie das Nürnberger Stadtlexikon gleich einschränkt, der Nürnberger Galgen, der vermutlich im Zweiten Markgräflichen Krieg 1517 von den Nürnbergern selbst abgebrannt wurde. 1963 verübte hier der als „Mittagsmörder“ berüchtigte Klaus Goßmann zwei seiner sieben Morde. Goßmann übrigens ist wohl mit 49 Jahren Haft – das Jubiläum steht am morgigen 1. Juni an – „Deutschlands längster Häftling“. Die wenig ansehnlichen Gebäude, in denen Gossmann diese beiden seiner insgesamt sieben Morde beging, sollen nun durch Studentenwohnheime ersetzt werden. Das ist gewiss zu begrüßen.

Nun ist der Nürnberger Stadtrat in konkreter Gestalt seines Kulturausschusses auf die Idee gekommen, eine Gedenktafel an die Hinrichtungsstätte anzubringen. Derlei kann eigentlich nicht schaden, fördert es doch Geschichtsbewusstsein und, man verüble mir nicht das altbackene Wort, Heimatbewusstsein. Bis hierhin also: eine kleine Randnotiz, nichts wirklich besonderes.

Nun aber kommt der Zeitgeist daher. Der Zeitgeist, der oft aus einer edlen, wie eine Monstranz vor sich selbst hergetragenen Gesinnung besteht. Es reicht nämlich nicht aus, dass dort sachlich darauf verwiesen wird, dass an jener Stelle – vermutlich – der Nürnberger Galgen stand. Nein, jetzt kommen sie alle daher, jene Schaumschläger und Wunderputzmittelverkäufer, und wollen den Text aufpeppen. Er soll zum Ausdruck bringen, dass „wir“ gute Menschen sind und selbstredend die Todesstrafe ablehnen. Angeblich soll sogar die „Justiz“, wie jemand sagt, gegen die Todesstrafe sein. Es ist nicht die Justiz, es ist der Gesetzgeber. Der nämlich hat die Todesstrafe mit dem Erlass des Grundgesetzes abgeschafft. Die Justiz setzt kein Recht, sie setzt es um. Aber mit solchen Kleinigkeiten soll man die Debatte wohl nicht unnötig belasten…

Was soll so eine plakative Selbstbelobigung? „Hier stand der Galgen, aber wir Heutigen sind ganz toll und finden die Todesstrafe ganz arg böse“ – das ist doch Kindergarten. Zum einen ist es eine beschämende Anmaßung, wenn wir uns im Jahr 2014 hinstellen und mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Nürnberger von vor 1517 zeigen, weil die noch so böse waren und die Todesstrafe praktizierten. Was soll das?

Man muss solche Dinge auch mal zu Ende denken, bevor man damit in die Zeitung will. Soll man denn auch dort, wo die Turnhalle der JVA stand, eine Gedenktafel aufstellen, um an die dort gerichteten nationalsozialistischen Verbrecher zu erinnern, mit der Massgabe, dass wir heutigen sie nicht mehr aufhängen würden?

Wer sich die Verhältnisse des ausgehenden Mittelalters ernsthaft vergegenwärtigt, wird sich schwer tun, seiner heutigen Ablehnung der Todesstrafe jenen Hochmut hinzuzufügen, der aus solchen anmaßenden, überheblichen Texten spricht, wie sie nun auf diese Tafel kommen sollen.

Hinter einem nüchternen Text „Hier stand der Galgen“ steht die Aufforderung an den Leser, selbst nachzudenken. Hinter einem „und wir von heute finden die Todesstrafe voll böse“ steht die Belehrung, was der Leser gefälligst zu denken habe. Woher kommt sie nur, diese Lust an der Gängelung?

André Freud

 

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