Wir werden nicht weichen

#521

Das Bild hat zwar an sich nichts mit dem Artikel zu tun. Aber wenn man sich mit Unerfreulichem befassen muss, ist es angenehm, etwas Erfreuliches vor Augen zu haben.  © Freud
Das Bild hat zwar an sich nichts mit dem Artikel zu tun. Aber wenn man sich mit Unerfreulichem befassen muss, ist es angenehm, etwas Erfreuliches vor Augen zu haben.
© Freud

521 Artikel wurden bisher für diesen Blog verfasst. Bei allen nahm ich mir vor, sie nicht im Eifer und in Rage zu schreiben – nun, sie vielleicht so zu beginnen, aber mich dann auf die Ruhe zu besinnen und ihn erst dann zu Ende zu schreiben und zu veröffentlichen, wenn das Merkmal „sine ira et studio“, ohne Zorn und Eifer, erfüllt ist. Diesmal nicht. Denn diesmal reicht’s mir.

Der Wahlkampf war schon frustrierend. Freilich, am vierten Wahlsonntag in einem dreiviertel Jahr sind die Leute müde, wer wollte es ihnen verdenken. Es ist jedoch erschreckend zu erleben, wie unfasslich viele Menschen unfassbar schlecht informiert sind. Die – ganz wenigen – politischen Gespräche, die am Wahlkampfstand geführt wurden, und dies oft nur in der erkennbaren Absicht, sich die Wahlkampfgimmicks redlich zu erarbeiten, waren zu oft auf einem Niveau, das in unserem Gemeinwesen wirklich nur nachts um vier hinterm Bahnhof angetroffen werden sollte. Die Betonung liegt auf dem zweiten „zu“. Man kann den Eindruck bekommen, dass im Informationszeitalter zwar jeder Hansel über die Intimrasur von Micaela Schäfer informiert ist, aber über die Zusammenhänge dessen, was unser aller Leben wesentlich bestimmt, nichts Nennenswertes mehr weiß.

Wir ergehen uns in Nichtigkeiten. Wir meiden den Streit. Wir meiden Ideologien. Dabei ist Streit in der Demokratie nicht nur nichts Schlechtes, er ist nicht nur etwas Gutes, er ist essentiell. Und dabei geht es nicht um das übliche Klein-Klein, sondern es geht mehr und mehr ums Große, ums Ganze. Und das große Ganze kann nur der vernünftig beantworten, der eine politische Ideologie hat, also eine Weltanschauung, in der er unter Beachtung von konstanten Werten, die in einem stabilen Verhältnis zueinander stehen, die politischen Fragen bewertet und entscheidet.

Die Demokratie erfordert den informierten Bürger, den engagierten Bürger. Es reicht nicht aus, irgendeine Meinung nur zu fühlen. Wer seine Meinung nicht begründen kann, der soll sie trotzdem behalten dürfen, bitteschön. Aber er hat keinen Anspruch darauf, dass sie als Diskussionsbeitrag ernstzunehmen ist. Es kommt nämlich oft gar nicht so sehr darauf an, ob man für oder gegen eine Sache ist, sondern auf die Gründe dafür oder dagegen. Das Interessante kommt stets in jenem Satzteil, der mit „…, weil…“ beginnt. Dann erst nämlich erfährt man, ob das, was der Gesprächspartner da sagt, relevant ist. Eine gefühlte, aber nicht begründete Meinung ist nicht viel mehr als ein emotionaler Rülpser. Das verschafft demjenigen, der sich derart äußert, ein Gefühl der Erleichterung, aber es stellt keinen validen Gesprächsbeitrag dar.

Wozu nutzen die Menschen allzu oft die Möglichkeiten des Informationszeitalters? Für das neueste Katzen-Video (kann gerne ersetzt werden durch Hunde-Video, Baby-Video, Koch-Video). Für, natürlich, Sex, rauf und runter, in allen Spielarten. Für den Einkauf. Ist ja auch alles nett. Ich habe auch schon über irgendwelche Katzen-(Hunde-, Baby-, Koch-)Videos schmunzeln müssen. Wer nicht? Das Thema Sex lasse ich hier jetzt mal aus. Und Einkaufen im Internet ist zwar durchaus höchst problematisch für den Einzelhandel, für die Innenstädte und so weiter, aber er hat ja auch sein Gutes, wer wollte das bestreiten. Was aber nicht stimmt, das ist das Ausmaß dieser Form der Nutzung des Internet im Vergleich zu den ernsthaften, den seriösen Nutzungen.

Wir leben in einer Zeit, in der eigenes Verhalten und nach außen gelebte „Meinung“ (siehe oben) in einem nachgerade schandhaften Verhältnis zueinander stehen. Ein Beispiel gefällig? Bitte: Fangen Sie im Café in einer Runde Menschen ein Gespräch darüber an, dass der Einzelhandel ja ganz schlecht dran sei. Man wird ihnen zustimmen. Schwärmen Sie von einem alteingesessenen Fachgeschäft, Radio-Fernseh-Laden mit großer Musikabteilung, das kürzlich für immer schloss. Man wird ihnen heftig zustimmen: da war der Service noch gut, man kannte die Mitarbeiter, wirklich kompetent, echt prima das Ganze. Und wenn dann alle geschwelgt haben in ihren wohligen Erinnerungen an eine ach so schöne Zeit, dann packen Sie Ihr neues iPhone aus und zeigen allen, dass Sie da 750 Lieder drauf haben, alle aus dem iTunes-Store heruntergeladen. Man wird das ganz toll finden, Sie spielen ein, zwei Titel an, alle sind begeistert von den neuen Möglichkeiten der Technik. Und der Witz an der Geschichte ist natürlich der, dass der alteingesessene Laden eben wegen der iPhones und wegen iTunes schließen musste (wobei natürlich andere Anbieter ebenfalls mit gemeint sind). Es geht nicht darum, nur die eine Verhaltensweise zu loben und die andere zu verdammen – aber es geht darum, dass die Menschen gefälligst (jawohl! gefälligst!) verstehen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Und genau an dieser Stelle werden Sie feststellen, dass es mit dem Sinn für die Wirklichkeit allzu vieler Menschen nicht sehr weit her ist. Und aus dieser Beobachtung ist die Forderung zu erheben, dass der Bürger seiner Verantwortung ganz anders gerecht werden muss, als er das in seiner allzu oft allzu satten Selbstzufriedenheit und Denkverweigerungshaltung zu tun beliebt.

Was im Informationszeitalter auf der Strecke bleibt, das ist die Information. Es kommen diejenigen in die Gunst insbesondere der Uninformierten, der Meinungsfühler, die mit marktschreierischen Methoden prima Lösungen für quasi gar keinen Aufwand verheißen. Das Informationszeitalter droht zur Ära der Scharlatane zu werden. Noch ist es nicht so weit, zum Glück. Aber wenn man sich ansieht, wer in Europa mit welchen Wahlergebnissen gewählt wurde, der verfällt entweder in arge Ängste ob der künftigen Entwicklungen oder ist ein ungemein in seinen Ansichten gefestigter Optimist.

Politik erfordert Verantwortung. Verantwortlich aber argumentiert nur der, der über eine Frage nachgedacht hat, und nachdenken kann man über etwas nur dann, wenn man davon etwas weiß. Also steht am Anfang der Meinungsbildung immer erst einmal die Arbeit des sich kundig Machens. Das ist allerdings allzu vielen viel zu mühsam. Es gilt aber die alte Erkenntnis, die Brecht in die Worte gepackt hat, dass, wer die Mühen der Ebenen scheut, den Blick vom Gipfel nicht verdient.

Die erste Erkenntnis dieses Wahlsonntags: Wir sollten noch weitaus politischer werden. Wir sollten auch so viel Führungsstärke und Wille dazu an den Tag legen, um eine Sache ganz offen anzusprechen: Wenn einer zu einem Thema nichts weiß, dann darf er dazu auch einmal schweigen. Und denjenigen, die etwas darüber wissen, zuhören. Und man sollte sich die, denen man zuhört, nicht danach aussuchen, ob sie einem so süße Versprechungen machen wie ein Rheumadeckenverkäufer auf einer Busfahrt in die schöne Holledau, sondern man sollte sich des eigenen, kühlen Kopfes bedienen.

Ob das anstrengend ist? Na freilich ist es das! Es sind aber immer die gleichen Gestalten, die einem erzählen, dass die Demokratie ohne Anstrengungen funktionieren würde. Deshalb: Weiter arbeiten, weiter überzeugen, weiter geradlinig bleiben, auf die erarbeiteten Erfolge verweisen, auf die Risiken, die anderswo zum Leid der Menschen wahr werden, hinweisen, eine klare Linie vertreten und halten, wenn auch mal ein Windchen weht.

Wir sind die CSU. Wir sind die Partei der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wie keine andere. Wir spielen nicht mit den Schmuddelkindern von links- oder rechtsaußen (das mit den „Schmuddelkindern“ bezieht sich auf ein einst bekanntes Lied des sozialistischen Bänkelsängers Franz Josef Degenhardt). Unsere Arbeit ist erfolgreich. Wie dürfen sie nicht dem billigen Zeitgeist anpassen, nur weil wir dann vielleicht heute ein Stimmchen mehr bekämen – würden wir uns doch zugleich die Zustimmung derer, die uns eben aus Grundsatzerwägungen wählen, für die Zukunft verspielen. Wir müssen unseren Standpunkt vertreten, für ihn werben, ihn zwar ständig weiter entwickeln – aber wir dürfen ihn nicht einer billigen Mode opfern. Wir sind wer. Wir sind wir. Und wenn so viele Menschen heute von Politik nichts mehr hören wollen, dann müssen wir sie eben wieder für die Politik begeistern. Wer sonst sollte das denn tun, wenn nicht wir? Und deswegen müssen wir vor allem eines tun: die eigene Politik konsequent vertreten. Sie erklären. Sie begründen. Dann wird auch die nächste Wahl wieder eine erfreulichere werden.

André Freud

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