Agitation. Tag für Tag.

#519

Die Kritik an Martin Schulz wird in den NN natürlich nicht wirklich wiedergegeben... Bild: Foto-AG Gymnasium Melle, aus: Wikipedia; Lizenz CC-SA 3.0
Die Kritik an Martin Schulz wird in den NN natürlich nicht wirklich wiedergegeben… Bild: Foto-AG Gymnasium Melle, aus: Wikipedia; Lizenz CC-SA 3.0

 

Es ist erstaunlich. Die Nürnberger Nachrichten nennen sich, allen gegen Null laufenden Verkaufszahlen zum Trotz, eine „unabhängige Zeitung für Politik…“. Was tut eine Zeitung? Sie informiert. Das ist das wichtigste. „All the news that’s fit to print“ – diese Losung der New York Times gilt mehr oder minder als Motto für alles, was sich Zeitung nennt.

Für die Nürnberger Nachrichten gilt das nicht.

Am Samstag fand in Nürnberg der kleine Parteitag der CSU statt, der dem Europaplan der CSU gewidmet war. In der Nürnberger Zeitung ist komprimiert zu lesen, was im CSU-Europaplan steht. Da kann sich der Leser selbst eine Meinung bilden. In der Nürnberger Zeitung wurde berichtet, dass der CSU-Spitzenkandidat für die Europawahl Markus Ferber den SPD-Kandidaten Martin Schulz scharf angriff, was er ihm konkret vorwarf, und dass SPD-Chef Sigmar Gabriel und SPD-Vize Ralf Stegner darauf empört reagierten. Der mittelfränkische Europaabgeordnete Martin Kastler wird erwähnt.

Und was treiben die Nürnberger Nachrichten? Schon der Titel verrät es: „Seehofers nächste Wendung“ ist dort zu lesen, und im Untertitel: „CSU-Chef feiert auf Parteitag in Nürnberg plötzlich Rettung der Euro-Krisenländer“. Und in diesem nicht wirklich mit Wahrheit und Wirklichkeit in Verbindung stehenden Stil geht es dann weiter. Es ist schlichtweg nicht wahr, dass Horst Seehofer gefordert hat, Griechenland aus der Euro-Zone zu werfen, wie dort geschrieben wird. Die Position der CSU war eh und je, dass wir mit denen, die sich selbst anstrengen, solidarisch sind, dass aber jene, die sich selbst nicht bemühen und darauf hoffen, dass schon irgend ein anderer bezahlen wird, nicht damit rechnen sollten, dass wir diejenigen sind. Das steht so schon im Bayernplan, der letztes Jahr verabschiedet wurde. Die Nürnberger Nachrichten tun so, als hätten Griechenland, Spanien, Portugal, Irland die Krise deswegen gemeistert oder in den Griff bekommen, obwohl die CSU und die Bundeskanzlerin darauf bestanden, dass dort Reformen stattfinden – dabei weiß jedes Kind, dass diese Staaten heute das Schlimmste hinter sich haben, eben weil vor allem die CSU stets darauf bestanden hat, dass Hilfe dann kommt, wenn diese Staaten sich selbst auch anstrengen.

Horst Seehofer und Finanzminister Markus Söder haben den Rückzug solcher Staaten aus der Euro-Zone für den Fall gefordert, dass es dort keine Reformen gibt, mit denen die Ursachen der katastrophalen Finanzlage beseitigt werden. Eben dieser Forderung ist es zu danken, dass die Krise bewältigt wurde. Die Nürnberger Nachrichten aber schreiben „CSU-Chef feiert auf Parteitag in Nürnberg plötzlich Rettung der Euro-Krisenländer“ – als ob sie nicht wüssten, dass es genau das war, was die CSU, was Seehofer und Söder von Anfang an wollten, politisch vorangebracht und durchgesetzt haben. Dass es heute in diesen Ländern bessere Aussichten gibt, ist weitaus mehr der Verdienst der CSU als etwa der Verdienst des Kommunisten Alexis Tsipras – oder des SPD-Kandidaten Martin Schulz, der durch sein Eintreten für Euro-Bonds jeden Reformwillen in jenen Staaten blockiert hätte.

Der mittelfränkische Europa-Abgeordnete Martin Kastler wird in den Nürnberger Nachrichten mit keinem Wort erwähnt. Dabei erhielt Martin Kastler für seine Diskussionsbeiträge mit den meisten Applaus. Warum wohl? Damit der Name nicht bekannter wird? Weil schon die Namensnennung an sich aus Sicht der Nürnberger Nachrichten eine Wahlkampfhilfe darstellen würde? Warten wir doch mal ab, wie die Nürnberger Nachrichten nach der SPD-Europawahlkampfveranstaltung in Nürnberg „berichten“ werden.

Während in der Nürnberger Zeitung zu lesen ist, dass CSU-Mann Ferber dem SPD-Kandidat Martin Schulz ein doppeltes Spiel vorwirft, indem er in der Türkei den Türken Avancen für einen Beitritt der Türkei macht, während er in Deutschland sagt, dass er einen solchen Beitritt problematisch sehe, schreiben die Nürnberger Nachrichten dazu nicht viel mehr, als dass Martin Schulz scharf kritisiert wurde.

Der sogenannte Bericht der Nürnberger Nachrichten ist natürlich kein Bericht. Würde er als Kommentar gekennzeichnet sein – bitte, dann mag man über den Inhalt geteilter Meinung sein, aber jedermann müsste es als Kommentar hinnehmen. Das Problem ist, dass er nicht als Kommentar gekennzeichnet ist. Die Seite 4, auf der dieses traurige Stück zu lesen ist, ist mit „Politik“ überschrieben. Aber wer würde es denn noch wagen, an die Nürnberger Nachrichten den Anspruch zu richten, wenigstens ansatzweise zwischen Meldung und Meinung zu unterscheiden?

Die Nürnberger Nachrichten betreiben Agitation. Wikipedia definiert Agitation so: „Ein Agitator will insbesondere durch motivierende, anspornende oder aufrührerische Reden und Veröffentlichungen eine größere Anzahl an Menschen zu einer gemeinsamen Aktion oder Reaktion bewegen (meist im Hinblick auf einen politischen Gegner)„. Das trifft es ganz gut. Das Ziel der Nürnberger Nachrichten ist es, die Wähler davon abzuhalten, ihr Kreuz bei der CSU zu machen. Dieses Motiv trieft aus jeder Zeile des Artikels.

Mit Zeitung hat das nichts zu tun. Der in Restbeständen noch vorhandene Teil der Nürnberger Nachrichten, der sich um eine neutrale Darstellung bemüht, ist nur noch das Feigenblatt, dass sich diese „Zeitung“ vorhält, um nicht auch noch vom letzten der wenigen ihr verbliebenen Leser als das erkannt zu werden, was sie ist: Ein Blatt der Agitation.

Der kluge Karl Kraus sagte: „Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er„. Aber eines sollten die Nürnberger Nachrichten nicht übersehen: So furchtbar dumm, die die Nürnberger Nachrichten meinen, ist der Zuhörer gar nicht.

Wir sprechen uns nach der Europawahl wieder.

André Freud

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