Vom Schaf in der Wüste

#515

Ein Schaf. Ohne Wüste, dafür mit Gras. Bild: PD
Ein Schaf. Ohne Wüste, dafür mit Gras.
Bild: PD

Erinnern Sie sich an DESERTEC? Das große, großartige Projekt, irgendwo in der Wüste Nordafrikas das größte Sonnenkraftwerk der Welt hinzusetzen und den Strom mit einer famosen Technik (die es noch nicht gibt) nach Europa zu schaffen, auf dass wir keine Atom mehr spalten, keine Kohle mehr verheizen müssen, um Strom zu haben. Sachkundige fanden die Idee von Anfang an etwas, zurückhaltend formuliert, wenig klug. Schließlich lautet eines der Motive hinter der Energiewende, dass wir etwas weniger abhängig werden von Staaten, die man kaum so nennen kann, und Staatschefs, die zum Wohl aller besser niemals Staatschefs geworden wären. Indem Europas Stromversorgung von einem überhaupt nicht zu sichernden Flecken in der Sahara abhinge, wäre dieser Zweck der Energiewende aufgegeben worden.

Nun liest man in diesen Tagen, dass aus dem großen Konsortium, das DESERTEC verwirklichen wollte, wieder ein Unternehmen ausgestiegen ist. Siemens ist schon gegangen, Bosch ist gegangen, EON ist gegangen – und nun hat Europas größter Baukonzern Bilfinger zurückgezogen. Das Projekt heißt übrigens auch gar nicht mehr DESERTEC, sondern „Dii“, aber da man das nicht gut sprechen kann, bleiben wohl die meisten bei DESERTEC. Das Ändern des Namens braucht’s eigentlich nicht mehr, und zwar weil die Sache sowieso tot ist.

Und das kam so: Eines schönen Tages sitzen sie zusammen, die führenden Köpfe der Unternehmen hinter dem Projekt. Sie haben sich einige Ingenieure und sonstige Fachleute geladen, um über die ungelösten Probleme zu sprechen. Und dann entspann sich folgender Dialog:

Fachmann: „Mir ist noch immer nicht klar, wo Sie die drei Millionen Schafe herbekommen wollen.“

DESERTEC: „Welche Schafe?“

Fachmann: „Na, die Schafe, die das Gras fressen, das unter den Solarmodulen wächst, und das, weil es das sogenannte Elefantengras ist, die Module bald bedecken würde.“

DESERTEC: „Hören Sie mal, wir bauen in der Sahara. Da wächst kein Gras.“

Fachmann: „Doch, da wächst Gras. Wegen der zehn Millionen Liter Wasser, die Sie das täglich versprühen müssen.“

DESERTEC: „Wir versprühen da doch kein Wasser! Und schon gar keine zehn Millionen Liter täglich!“

Fachmann: „Doch, das tun Sie. Das müssen Sie tun. Weil sich ansonsten der Wüstensand auf die Module legt, die dann keinen Strom mehr produzieren.“

DESERTEC: „…Warten Sie draußen. Raus!“

Eine Stunde später war das Vorhaben gestorben. So soll es sich in etwa abgespielt haben. Natürlich war der Verfasser dieser Zeilen – leider! – nicht dabei, aber von einem, der dabei war, ist es so geschildert worden. Was lernen wir daraus? Dass man vorher darüber nachdenken sollte, was hinterher dabei herauskommen wird. Oder, um es mit Äsop zu sagen: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

Ähnliches gilt für die Stromtrassen, die für den zu ersetzenden Strom aus den demnächst vom Netz gehenden Kernkraftwerken Bayerns errichtet werden sollen. Natürlich muss dieser wegfallende Strom zugeführt werden. Es ist ja auch sehr sinnvoll, Kernkraftwerke auf dem höchsten Stand der Technik abzuschalten, um dann gegebenenfalls Strom aus dem berüchtigten tschechischen Kernkraftwerk Temelín zu importieren. Es mag ja sein, dass es volkswirtschaftlich Sinn ergibt, den Strom von den Offshore-Windmühlen aus Nord- und Ostsee nach Bayern zu transportieren (obwohl auch dies durchaus hinterfragt werden kann). Völlig sinnlos aber ist es, in den ostdeutschen Braunkohlegebieten ausgerechnet Braunkohle zu verstromen und dann nach Bayern zu schicken. Das ganze Vorhaben hat schon eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Art „Länderfinanzausgleich II“: Bayern soll bezahlen, damit die anderen ihren Spaß haben können, den sie niemals hätten, wenn die Bayern nicht mitmachen. Der Offshore-Strom würde sich kaum jemals rechnen können, wenn ihm nicht solcherart der Zugang zum Markt erzwungen wird, und die Verstromung von Braunkohle ist sowieso ein Relikt vergangener Zeiten, das sich bei uns niemals mehr behaupten könnte, wenn nicht ostdeutsche Ministerpräsidenten beim Bundesenergieminister Sigmar „Sigi-Pop“ Gabriel erfolgreich antichambriert hätten.

Die Energiewende ist ein mehr als sinnvolles Vorhaben. Freilich, nicht jeden Strom wird man mit Wind und Sonne erzeugen können. Es braucht Gaskraftwerke, Wasserkraftwerke etc., die für die Grundlast zuständige sind – denn von den erneuerbaren Energien ist nur Biomasse grundlastfähig (weil an- und abschaltbar). Aber die geplanten und auch schon im Bau befindlichen Windparks vor der Küste sind letztlich nicht das, was mit der Energiewende gemeint ist. Die Energiewende gelingt dann, wenn die Speicherung von Strom besser möglich ist als heute, und sie setzt keinen am Reißbrett entstandenen, künstlichen Strommarkt voraus – sondern einen sich organisch verändernden.

Strom, der mit Solarmodulen produziert wird, kostet in Deutschland heute etwa 0,10 € pro kWh. Der Stromkunde – Privatverbraucher – bezahlt etwa 0,27 € pro kWh. Es kann mir niemand einreden, dass wir da heute noch Subventionen brauchen. Die brauchten wir einmal – aber heute nicht mehr. Was wir heute brauchen, ist ein Stromnetz, das mit diesem Strom umgehen kann. Dort hinein sollten wir die Mittel geben – und nicht für irgendwelche Stromleitungen durchs ganze Land.

André Freud

 

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