Die Macht der Presse

#495

Feuerwehrauto des Fire Department der City of New York © Freud 2009
Feuerwehrauto des Fire Department der City of New York
© Freud 2009

Es kommt nur darauf an, wie man es macht. Stellen Sie sich einen Zeitungsartikel vor, in dem berichtet wird, wie sich Polizeiautos, Rettungswagen, Notarztwagen und die Feuerwehrautos durch den Verkehr kämpfen müssen, weil viele andere Fahrer durch überlaute Musik, durch Ablenkung vom Handy den Weg für diese Sonderfahrzeuge unnötig lange blockieren. Da steht einer alleine an der roten Ampel, hinter ihm der Notarztwagen, und er traut sich nicht, über die Haltelinie zu fahren, um dem Notarzt den Weg freizumachen. Oder die Menschen, die noch nie etwas davon gehört haben, dass man diesen Fahrzeugen eine Gasse freimachen muss, damit sie an ihren Zielort kommen. Die fahren da ja nicht zum Spaß hin. Wenn man selbst einmal einen nahestehenden Menschen in höchster Gefahr wußte oder unter schlimmen Schmerzen, und man die Sekunden zählt, bis endlich das Martinshorn zu hören ist, dann wird man einen berechtigten Unmut über die Zeitgenossen verspüren, die unnütz das Eintreffen der Retter verzögern. Wenn man solche Beispiele vor Augen hat, wird man gewiss zustimmen, dass diese Fahrzeuge mit akustischen und visuellen Signalen auszustatten sind, die ihren Zweck erfüllen. Wenn man also einen solchen Artikel läse, wird man fordern: Stattet diese Fahrzeuge gut aus, damit sie ihren Zweck auch gut erfüllen können!

Nun werden in Bayern 100 Polizeiautos mit dem sogenannten „Yelp“-Signalton ausgestattet: Ein schriller, ständig wechselnder Ton. Den hört noch der schläfrigste Schnarcher, den hört der Mensch, der seine Bestimmung darin sieht, seine Umwelt mittels der überlauten Autostereoanlage zu beschallen, den hört der abgelenkteste Autofahrer. Dieser Ton soll vor allem dazu eingesetzt werden, Autofahrer zum Anhalten aufzufordern. Auch das ist ein Vorgang, der zunächst oft schiefzugehen droht. Autofahrer, die von hinten einen Polizeiwagen sehen und die Sirene hören, fahren oft weiter, vielleicht machen sie sogar Platz – aber halten nicht an. Schnell kann so der Polizist denken, dass sich hier einer der Kontrolle entziehen will. Da ist es doch gut, wenn er einen Signalton hat, der eindeutig, unüberhörbar und unmissverständlich ist – sollte man meinen.

Dem aber ist nicht so. Die NN berichten heute über diesen neuen Signalton. Das Schlüsselwort ist: „Sheriff-Stil“ (schon in der Überschrift). Und damit wird, wie man an den Leserkommentaren erkennen kann, die Meinungsbildung in Gang gesetzt. Da beschweren sich Leser über „ist eigentlich nur nervig“ und merken ironisch an „kommt aus den USA und muss also unzweifelhaft gut sein“. Ein anderer schreibt „Unötige kosten stehen dadurch , Mit dieser sirenne werden vor allem größte teil der alten menschen, ins panik geraten und somit das unfallrisiko erhöhen“ (Orthographie übernommen). Und so geht das weiter.

Ich will gar nicht auf den latenten Antiamerikanismus eingehen, der sich hier zeigt. Es geht darum, zu erkennen, welche Macht eine Zeitung hat. Man hätte diesen Artikel auch so schreiben können, dass er nicht so sehr Kritik, sondern Zustimmung hervorruft. Dass die NN eigentlich grundsätzlich alles kritisieren, was irgendwie mit CSU-Politikern zu tun hat – hier mit Innenminister Herrmann -, weiß man zur Genüge. Auch wäre eine den Leser auf Zustimmung trimmende Berichterstattung ebenfalls keine Berichterstattung. Aber warum, in Hanns-Joachim Friedrichs Namen, kann diese Zeitung nicht einfach mal neutral berichten?

Kaum ein Artikel in den NN, in dem nicht Stimmung gemacht wird. Und die Richtung – die ist immer dieselbe. Demokratisch legitimiert ist so eine Zeitung natürlich nicht. Ihre Macht unterliegt keiner besonderen Kontrolle; das wäre wohl auch das allerschlechteste – denn die Pressefreiheit ist eines der höchsten Güter. Gäbe es eine Kontrolle, dann wären ihre negativen Auswirkungen so viel schlimmer als das, was sie vielleicht nützen könnte – nein, daran sollte man gar nicht erst denken. Aber warum haben nur so wenige Journalisten den Ehrgeiz, um Sachlichkeit und Neutralität bemüht zu berichten? Warum wollen sie so elend oft indoktrinieren? Warum?

Eines aber sollte jedem klar sein: Wenn die NN schon bei einem solch lapidaren, letztlich unpolitischen Thema indoktrinieren – dann kann sich jeder leicht ausmalen (und sich jeden Tag davon überzeugen), wie sie das bei politischen Themen machen.

André Freud

Hier der Link zum Artikel und den Leserkommentaren: http://www.nordbayern.de/region/bayerns-polizei-nun-testweise-im-sheriff-stil-unterwegs-1.3434368

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