Aufgemerkt, Ihr Wohlfühlspießer!

#492

Heute ist Freitag und also ein guter Tag, einmal das Florett beiseite zu legen und den Säbel rauszuholen. Es gibt Themen und Gemengelagen, die für elegante Diskurse ungeeignet sind. Was hilft das schönste Tagträumen in feinen Farben und filigranen Formen, wenn doch der ganze Rahmen, in den hinein man träumt, nicht existiert? Wenn alles, was gesprochen wird, auf falschen Grundlagen beruht? Nichts hilft all dies, und darob, um dieses schöne Wort zu gebrauchen, ist es an der Zeit, an die Stelle verschwurbelter Phantasien ein klein wenig Realitätssinn zu bringen, auf dass es besser werden möge, jedenfalls ein klein wenig.

Wovon ist die Rede? Vom Kaufhof in der Südstadt. Für Nicht-Nürnberger: Die Südstadt war das industrielle Zentrum Nürnbergs, mit MAN, dem Rangierbahnhof, Dutzenden von Industriebetrieben, Arbeitersiedlungen. Sie ist begrenzt vom Bahnhof einerseits und dem NSDAP-Reichsparteitagsgelände andererseits. Ein wenig Industrie gibt es noch, aber nicht mehr viel. Dafür dürfte die Südstadt die höchste Dichte an Spielhallen, an Wettbüros, an Döner-Läden, an Telefonläden, an Internetcafés haben. In der Südstadt ist der Anteil an Arbeitslosigkeit und an ALG-II-Bezug besonders hoch – mit die höchsten Werte in Bayern.  Auch ist der Migrationsanteil in der Südstadt sehr hoch, und das meint natürlich nicht nur gelungene Integration, sondern auch Migration, die Probleme mit sich bringt. Die Südstadt ist ein schwieriges Pflaster; einerseits. Andererseits hat die Südstadt natürlich auch ihre Reize.

Die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – die in Zusammenhang mit der industriellen Bedeutung des Gebiets stehen – haben dazu geführt, dass in der Nachkriegszeit sehr vieles neu gebaut wurde, und man hat in den 1960ern und 1970ern dazu geneigt, in Beton zu baden. Entsprechend sieht es an manchen Orten aus. Einer dieser Orte ist der Aufseßplatz, benannt nach Hans Freiherr von Aufseß, dem Gründer und ersten Leiter des Germanischen Nationalmuseums. An diesem Ort entstand 1926 der „Schocken“, eines der frühen Nürnberger Kaufhäuser, und das erste, das sich gezielt an Kunden aus den unteren Einkommensschichten wandte. 1943 wurde das vom Architekten Erich Mendelssohn errichtete Gebäude durch den Luftkrieg zerstört.

Kaufhaus Schocken am Aufseßplatz am Tag der Eröffnung (11.10.1926)
Kaufhaus Schocken am Aufseßplatz am Tag der Eröffnung (11.10.1926) – Postkarte von 1926

Durch die Nazis „arisiert“ und unter dem Namen „Merkur“ weitergeführt, wurde es später zum Kaufhaus „Horten“ und dann schließlich und endlich zum „Kaufhof“. 2012 schloss der „Kaufhof“ seine Türen. Seitdem steht das Gebäude im Wesentlichen leer. Die Auswirkungen auf die Südstadt, insbesondere auf den Aufseßplatz, sind mehr als deutlich: Es fehlt der Magnet, es fehlt die Institution, die Menschen anzieht. Die vielen Einzelhandelsgeschäfte rund um den „Kaufhof“, die früher sowieso ihre Kundschaft hatten, die wegen des „Kaufhof“ zum Aufseßplatz kamen, klagen über Umsatzrückgänge. Es fehlt natürlich auch der „Vollsortimenter“, der für die Nahversorgung wichtig ist. Es ist ein städtebauliches Problem – eine Herausforderung, die es zu meistern gilt.

Um Herausforderungen zu meistern, braucht es mehrerlei. Zum einen eine nicht durch eine rosarote Brille verstellte Analyse. Zum anderen wenigstens ein klein wenig Sachkenntnis der einschlägigen Aspekte – wie beispielsweise Wirtschaftlichkeit.

Natürlich ist es schön, wenn in einem so großen Areal, wenn in einem neu zu strukturierenden Zentralpunkt eines Stadtviertels auch Raum für Kunst und Künstler, für Non-Profit-Aktivitäten entsteht; das ist gar keine Frage. Der nicht unbedingt politisch, aber in seiner analytischen Erkenntnisfähigkeit groß zu nennende Bertolt Brecht sagte, dass erst das Fressen käme, dann die Moral. In Bezug auf ein Objekt wie den „Schocken“ – der Alt-Nürnberger nennt ihn heute noch so – bedeutet das, dass wir erst einmal eine gute Nutzung für das Objekt brauchen, die groß und rentabel ist. Dann können wir über den Rest reden.

Es ist ja gut und schön, wenn sich Aufseßplatznachbarn darüber Gedanken machen, was sie mit dem Thema „Kaufhof“ verbinden. Es ist auch schön, wenn sie einen Wunschzettel schreiben, was der künftige Betreiber dort alles berücksichtigen soll: Kulturveranstaltungen, Kaffeehaus, Bildungsangebote, begrünte Fassaden und begrünte Innenräume. Das war vor zwei Tagen in den NN zu lesen.

Das erinnert mich schon etwas daran, dass manche Zeitgenossen am Samstagabend lange überlegen, ob sie den Ferrari mit rot oder mit gelb lackierten Bremssätteln bestellen werden, wenn sie gleich im Lotto gewännen (um hinterher festzustellen, dass sie gar keinen Lottoschein abgegeben haben).

Lassen wir doch mal etwas Licht ins Dunkle. Stellen Sie, werter Leser, sich bitte einmal vor, Sie arbeiteten für irgendein großes Einzelhandelsunternehmen. Ihr oberster Chef hört vom leerstehenden „Kaufhof“ am Nürnberger Aufseßplatz und schickt Sie los, sich einmal kundig zu machen, ob dieses Objekt für das Unternehmen interessant sein könnte. Was werden Sie Ihrem Chef berichten? Zum einen viel Sachliches, natürlich, über das Gebäude und seinen Zustand, über die für Ihr Unternehmen relevanten Aspekte der Nutzbarkeit, der Kunden, der Erreichbarkeit, der Parkplätze und so weiter. Aber Ihr Bericht wäre unvollständig, wenn darin nicht auch etwa folgendes stünde: „Rund um das Objekt und im Objekt selbst haben sich Workshops und Initiativen gegründet, die das Objekt mit Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche befrachten. Sollten wir in Gespräche mit dem Eigentümer eintreten, dann müssen wir darauf vorbereitet sein, in den öffentlichen Medien in ein schlechtes Licht gerückt zu werden, wenn wir keine begrünten Innenräume haben (hat eigentlich kein Kaufhaus, aber die wollen das), wenn wir die Fassaden nicht begrünen (die man gar nicht begrünen kann), wenn wir keine Kulturveranstaltungen machen (für die natürlich niemand eine realistische Raummiete bezahlen will). Und was da mit „Bildungsangeboten“ gemeint ist, ist etwas unklar.“

Und an dieser Stelle wird Ihr Unternehmen beschließen, lieber die Finger vom Objekt zu lassen. Wie sollte das auch funktionieren? Da werden aberwitzige Erwartungshaltungen formuliert, aber am Ende des Tages muss irgend jemand Geld in die Hand nehmen, sehr, sehr viel Geld. Warum soll der das tun, wenn die Erwartungshaltung doch nur lautet, dass man dicke Geschenke haben will, und zwar für lau?

Ich werde auch das Gefühl nicht los, dass diejenigen, die jetzt am lautesten nach dem Weihnachtsmann rufen, teilweise identisch sind mit denjenigen, die schon seit Jahren nichts mehr im Kaufhof gekauft haben. Man kann eben anständigerweise nicht einerseits die Schuhe bei zalando.de, den Krimskrams bei tchibo.de, die Unterhaltung bei amazon.de und den Rest bei ebay.de bestellen und sich dann andererseits über die bösen Unternehmer aufregen, die den „Kaufhof“ nicht übernehmen wollen.

Wir müssen die Realität betrachten. Wer immer auch den „Kaufhof“ übernehmen wird – er wird das nur tun, wenn er dort mit guter Wahrscheinlichkeit gute Geschäfte machen kann. Wenn unsere eigenen Bürger sich aber vor allem mit Bespaßungswünschen an ihn wenden, wenn sie lauter nichtprofitable Wünsche an ihn richten, dann wird die Bereitschaft von wem auch immer gegen Null tendieren, aus diesem Objekt etwas zu machen.

Wir müssen ebenfalls realisieren, dass unsere veränderten Einkaufsgewohnheiten für viele, viele Ladenlokale das Aus bedeuten werden, und zwar überall und für immer. Für jeden Lieferwagen, der neu zugelassen wird, entfällt eine gewisse Fläche im Einzelhandel. Und zwar deswegen, weil das niemand mehr bezahlen kann. Wer eine Lagerhalle vor der Stadt hat und ein paar Transporter, kann seine Ware übers Internet verkaufen und hat deutlich, deutlich geringere Kosten – und kann also zum niedrigeren Preis anbieten. Warum sollte er ein enorm teures Objekt kaufen, für Millionen instandsetzen lassen, allen möglichen Gruppen Raum zur Verfügung stellen, um dann am Ende des Tages zu erleben, dass die Menschen trotzdem nicht bei ihm kaufen, sondern lieber im Internet?

Es braucht mehr Realitätssinn. Der „Kaufhof“ soll als Kaufhaus geführt werden. Mehr gibt es nicht zu sagen. Schon der Versuch, irgendeine Verpflichtung aufzuerlegen, dass ein vollsortierter Supermarkt dort angesiedelt wird, ist, pardon, lächerlich. Natürlich wäre es wünschenswert – aber das ist doch gar nicht die Frage. Die Frage ist, ob der neue Eigentümer des „Kaufhof“ überhaupt einen Supermarktbetreiber finden wird, der dort das Geschäft betreiben will. Das funktioniert nämlich nicht, wenn die Menschen alles bei Aldi oder Norma kaufen und im „Kaufhof“-Supermarkt nur das vergessene Kilo Zucker mitnehmen, wenn sie den Aufseßplatz überqueren, um mit der U-Bahn zur Paketpost zu fahren, um dort ihre Zalando-, Tchibo-, Amazon- und ebay-Pakete abzuholen.

Wir sollten weg von einer Scheinpolitik, die sich mit Fragen beschäftigt, die mit der Realität nichts zu tun haben. Mir ist klar, dass wohl die meisten derer, die so fromme Wünsche haben, es gut meinen. Aber gut gemeint ist eben das Gegenteil von gut getan. Vor allem aber weckt man Hoffnungen in den Menschen, die hinterher zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Es ist eine Show um ihrer selbst willen, die mit der Realität und den Bedürfnissen der Südstädter schlichtweg nichts zu tun hat.

André Freud

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