Nürnbergs SPD und das Narrenschiff

#488

Die weltweit größte Online-Bittschriften-Plattform mit exakt Null erfolgreichen Bittschriften
Die weltweit größte Online-Bittschriften-Plattform mit exakt Null erfolgreichen Bittschriften

Über Wochen war es das meistdiskutierte lokalpolitische Thema: das Quelle-Areal. Ein Unternehmen will da ein Einkaufszentrum hinbauen, aber nur dann, wenn der Freistaat da mal eben eine Uni einbaut. Gleich hinterm Gemüse links soll dann Plasmaphysik gelehrt werden. Der Freistaat schaut sich das an und stellt fest: Das geht nicht. Das Gebäude gibt das nicht her. Erstens packt die Statik das nicht. Zweiten ist das Gebäude nicht erschütterungsfrei – was ein tödliches Argument ist (so von wegen Messinstrumenten). Deswegen beschloss der Freistaat die Ansiedlung der Uni gegenüber der Quelle, auf AEG. Mir egal, sagen an dieser Stelle die Sozialdemokraten, und fangen mit dem Schönrechnen an. Wie gut sie das können, sehen wir an sozialdemokratischer Haushaltspolitik: wo „pleite“ drauf steht, ist ein Sozialdemokrat Regierungschef. Hallo, Berlin!

Gut, gut, ich weiß: Das „Gegner-Bashen“ ist nicht die feinste Disziplin; also lassen wir das hiermit gut sein. Viel besser und schöner ist es doch, wenn der „Mitbewerber“ sich selbst so dermaßen und bis auf die Knochen blamiert, seine Ungeeignetheit zum politischen Gestalten selbst auf großer Bühne öffentlich macht, und damit unfreiwillig eine Wahlempfehlung zugunsten der CSU abgibt. Macht die SPD nicht, meinen Sie? Macht sie doch.

Die Quelle steht leer. Man muß kein mutiger Prophet sein, um zu ahnen: Der Käufer des Quelle-Areals wird sich zurückziehen. Und dann verfällt das riesige Gelände weiter. Die paar Nutzer, die da drin sind, zahlen nicht einmal genügend Miete, um das ganze Haus frostsicher zu beheizen. Jetzt bräuchte es etwas: einen guten Plan. Entweder Abriß zwecks Neubebauung. Oder Erhalt des Objekts, wenn ein kluger und wirtschaftlich nicht völlig sinnloser Plan vorliegt. So oder so: Es wird jemand viel Geld in die Hand nehmen müssen. Entweder ein Privater, und der wird dann seine eigenen Pläne haben. Oder die öffentliche Hand. Und die muss mit ihrem Geld, das ja der Bürger Geld ist, mindestens so vorsichtig umgehen wie ein Privater. Schwierig, das ganze. Und das ist jetzt absolut ohne Häme: Es ist ein wirkliches Problem. Keiner hat dafür eine einfache Lösung. Oder doch? Doch.

Man muss ja nur auf die SPD hören. Stadtrat Michael Ziegler und Stadtratskandidatin Eva Bär haben die Lösung gefunden: sie machen eine Online-Petition! Ja, da legst di nieder. Ganz Nürnberg sucht nach einer Lösung, und die beiden haben – zack – die Nuß geknackt. Wir machen eine Online-Petition!

Jetzt fragt vielleicht der eine oder andere Naive, was das denn sei: eine Online-Petition. Eine Petition ist ein Bittgesuch. Die Nürnberger stellen also ein Bittgesuch ins Internet. Hurra. Und das Internet kommt dann nach Nürnberg und löst das Quelle-Problem?

So ungefähr stellen sich das die genannten Genossen in etwa vor. Da können dann alle, die das wollen, im Internet schreiben, dass sie etwas auf der Quelle haben wollen. Wenn das kein Fortschritt ist! Man kann das nicht mehr in der Kneipe zum Nachbarn sagen. Oder beim Bäcker zur Verkäuferin. Nein, wir schreiben das jetzt mal ins Internet. Fühlt sich gleich ganz anders an. So modern.

Ja, und wer liest das dann? Niemand. Die Online-Bittschriften-Plattform, auf der diese Bittschrift lanciert werden soll, heißt change.org und hat noch exakt gar keine erfolgreiche Petition hervorgebracht. Dort kann jeder, also wirklich: Jeder, eine Bittschrift erstellen und dann zwecks zahlreicher Unterschriften Werbung dafür machen. Man kann das ganze auch in Facebook machen, natürlich. Aber dann klingt das vielleicht nicht so töfte und modern. Jedenfalls, und darauf kommt es an: Auf die Realität hat so eine Internet-Bittschrift ungefähr so viel Einfluß wie das Ausfüllen eines Lottoscheins nach der Ziehung. Es ist einfach nur noch peinlich.

Ganz nebenbei sei angemerkt: Es ist noch nicht erkennbar, wie viele Menschen so viel völlig sinnloser Lebenszeit zur Verfügung haben, um sich dieses Online-Bittschriften-Schmonzes anzutun. Sollten es aber viele sein, dann sei ihnen in allem Ernst eines gesagt: Wärt Ihr alle so brav bei der Quelle einkaufen gegangen, wie Ihr jetzt lauststark den Leerstand bejammert, wäre es nie zum Leerstand gekommen.

Und weiter geht’s: Wenn einer in der Quelle etwas haben will, dann gibt es zwei Möglichkeiten (immer vorausgesetzt, das Ganze geht baulich): Entweder bringt es Geld ein oder es kostet Geld. Wenn es eine Idee ist, die Geld kostet, dann könnt Ihr Euch das Schönschwärmen und Warmwünschen, wie Ihr wollt, dann wird das nichts werden. Wir können die ohnehin klammen Finanzen der Stadt nicht deswegen ruinieren, weil ein paar ohne Kontakt zur Realität eine Internet-Bittschrift unterschrieben haben.

Es gibt Grenzen dessen, was dem Zeitgeist hinterher hechelnde Politik darf. Sie darf vor allem den Menschen keine unsinnigen Verheißungen machen. Da mögen im Internet so viele Bittschriften der Nürnberger SPD herum geistern, wie sie wollen: da kommt eher noch der Weihnachtsmann vorbei, als dass so eine Internet-Bittschrift irgend ein Ergebnis zeitigt.

Aber auf diesem Niveau machen die Genossen Politik. Was kommt als nächstes? Wird gependelt?

André Freud

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