Ich kapituliere. Teilweise. Und lasse einen Freund im Stich.

#485

Das scharfe S: Ein akut bedrohtes Stück Kulturgut
Das scharfe S: Ein akut bedrohtes Stück Kulturgut

Manche sagen, daß Essen und Trinken der Sex des Alters sei. Mag sein – aber auch mit dem Essen und Trinken im Sinne eines lustvollen Hedonismus geht es irgendwann zur Neige. Der wahre Sex des Alters ist die Rechthaberei: man wird immer besser darin, die Jungspunde können einem immer seltener den Rang ablaufen, und solange das Hirn rege ist, kann man hier immer neue Triumphzüge begehen. Die Rechthaberei ist deswegen an Wert, aber auch an Unterhaltsamkeit auf lange Sicht nur schwer zu überbieten. Der Verfasser dieser Zeilen pflegt sie deswegen gerne, bewußt und mit öffentlich ausgelebtem Vergnügen daran.

Freilich: Niemand hat immer und ausnahmslos Recht, oder er behält es nicht auf Dauer. Der Verfasser dieser Zeilen war und ist bis ins Mark von der Erkenntnis durchdrungen, daß die Rechtschreibreform von 1996 mitsamt ihren Nach-Reförmchen eher ein törichter Anschlag auf unsere Kultur ist denn etwas in wenigstens einer Hinsicht Positives. Die Kritik beginnt damit, daß die Sprache nichts ist, womit Politiker sich zu befassen haben, und sie hört noch lange nicht damit auf, daß aufgrund dieser „Reform“ Kinder und Jugendliche zu Sprachtölpeln erzogen werden. Ja, nicht nur zu Schreibtölpeln, sondern wahrlich zu Sprachtöpeln, da manche Regel der „Rechtschreibreform“ den Bezug zur Etymologie eines Wortes zerstört. So etwa, wenn man „nummerieren“ schreiben soll statt „numerieren“ oder „Quäntchen“ statt „Quentchen“. Ich weigere mich auch beharrlich, den Anblick von drei F hintereinander für zulässig zu erachten, und denke dabei eher an den (offen gestanden ziemlich öden) Scherz des Rühmann in der Feuerzangenbowle.

Deswegen habe ich mit täglicher Freude am Bewußtsein (ja! Mit ß statt ss!), recht zu haben (ja! Klein geschrieben!), so geschrieben, wie ich es gelernt habe, und wie ich es für richtig und einzig möglich erachte. Ich weigere mich auch, eine mir absurd sinnlos erscheinende Schreibweise wie „zurzeit“ anstelle „zur Zeit“ zu gebrauchen. Immer wieder und ungebrochen zermartert mich die Frage, warum wir so viele Akademiker gewisser Fakultäten haben, deren Arbeit offensichtlich nicht wirklich benötigt wird, auf daß sie sich dann selbst Arbeit suchen und uns mit einem solchen Unsinn kommen. Die „Rechtschreibreform“ ist ein so dermaßen hanebüchenes Unfugprodukt, daß man glauben muß, sie sei das Produkt einer undurchdachten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

Aber ach, es hilft ja alles nichts. Mancher Leser hier weiß, daß ich nicht eben wenig schreibe. Dies tue ich mittels irgendwelcher elektronischer Geräte, und die haben seit einiger Zeit Rechtschreibüberprüfungsprogramme. Die von mir genutzten Gerätschaften haben in der letzten Zeit eine Radikalisierung dieser Hilfsfunktion erhalten: Die Rechtschreibprüfung läßt sich nicht mehr deaktivieren, und es läßt sich in ihr nicht mehr die Option „alte Rechtschreibung“ wählen. Am schlimmsten aber ist die grausame Funktion der Autokorrektur, die selbsttätig arbeitet und die alte Rechtschreibung einfach so und ohne zu fragen in die neue Falschschreibung „korrigiert“. Da kann man nicht mehr einfach schreiben, nein, da muß man ständig prüfen, ob der liebe Computer ungewollt eingegriffen hat. Ich bin müde geworden, hier weiterhin Widerstand in toto zu leisten.

Damit hat diese miese Rechtschreibänderung seit 1996 letztlich doch einen bedingten Zermürbungssieg über mich errungen. Ich bin es leid. Ich werde einige Anpassungen hinnehmen. Ich werde „dass“ statt „das“ schreiben, und „muss“ statt „muß“ und noch ein paar Dinge mehr, die dem schönen Buchstaben ß auf lange Sicht den Garaus machen werden. Das ist eine Niederlage, und ich rede sie nicht schön.

André Freud

Im zu Ende gehenden Jahr sind Freund und Feind überrascht, weil in diesem Blog relative Ruhe herrscht. Warum das so sei, wurde in den letzten Tagen des öfteren gefragt. Seid unbesorgt, Ihr Freunde; bleibt nervös, Ihr Feinde, das war nur vorübergehend so und ist der Inanspruchnahme durchs wirkliche Leben geschuldet.

Der Themen gibt es zuhauf. Im Bund, im Land, in der Stadt.

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