Nasser Ahmed als Friedrich August III.

#479

Die Jusos: Lieber davonlaufen als Verantwortung wahrnehmen?
Die Jusos: Lieber davonlaufen als Verantwortung wahrnehmen?

Nasser Ahmed ist der Chef der Nürnberger Jusos. Nun ist es kaum eine Neuigkeit, daß die Jusos zu ihrer Mutterpartei SPD ein Verhältnis pflegen, das mehr als nur sanfte Anklänge an den ollen Ödipus aufweist. Vielleicht sollte man auch besser von der Vaterpartei sprechen, in dieser Hinsicht.

Man kennt das ja aus dem linken Parteienspektrum, daß die, die sich an sich nahe stehen, sich so rein gar nicht miteinander verstehen. Das nimmt man als CSUler zur Kenntnis, braucht es aber nicht zu kommentieren – vor allem dann nicht, wenn man es, wie der Verfertiger dieser Zeilen, nicht wirklich versteht.

Nun hat Nasser Ahmed zusammen mit seiner Stellvertreterin Yasemin Yilmaz ein Schreiben geschrieben und auch unterschrieben. In diesem Schreiben mahnen Ahmed und Yilmaz die SPD-Mitglieder, dem ihnen zur Abstimmung vorgelegten Koalitionsvertrag die Zustimmung zu verweigern.

Es sei alles zu wenig links, dabei gäbe es doch im Bundestag eine Mehrheit für Rot-Rot-Grün, so Ahmed. Daß der junge Mann geschichtsvergessen genug ist, um seine SPD wieder mal, wie weiland 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone, in ein Bündnis mit den Kommunisten zu treiben, spricht Bände, aber nicht für ihn. Vor allem, wenn man bedenkt, daß Ahmed schon einen Bachelor in Politik hat und derzeit im Master-Studium ist, kann man nicht wirklich Verständnis für eine solche Position aufbringen.

So oder so: Auch ein örtlicher Juso-Vorsitzender hält gewiß hinreichend Kontakt zur Realität um zu wissen, daß es in der SPD keine Mehrheit für ein Zusammengehen mit den Kommunisten aus der sich heute „Die Linke“ nennenden SED gibt. Und auch ein Juso-Vorsitzender weiß, daß CDU/CSU lediglich sechs Sitze zur absoluten Mehrheit fehlen – die wären sofort auf Seiten der Union vorhanden, wenn wieder einmal einer versuchen sollte, die SPD den Kommunisten anzudienen. Und falls Nasser Ahmed das nicht wissen sollte: In der Bibliothek seiner Fakultät findet sich gewiß die eine oder andere Publikation zum Namen „Dagmar Metzger“.

Letztlich geht es aber um etwas ganz anderes. Ahmed will nicht, daß die SPD mit regiert, weil sie dann mit in die Verantwortung käme. Denn wer mit regieren darf, der muß sich auch nachher vorm Wähler rechtfertigen für das, was er tat, und für das, was er unterließ. So weit hergeholt ist daher der Gedanke nicht, daß Ahmed eben diese Verantwortung scheut, lieber in der Opposition lustige Anträge à la „mach‘ ich mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“ stellt und die Mühen der Ebene lieber der bösen Union überlässt.

Aber so geht es natürlich nicht. Auch ein Jungsozialist – ja, in der Tat, die nennen sich nicht „Jungsozialdemokraten“, sondern „Jungsozialistinnen und Jungsozialisten“ – wird am Ende des Tages sich der Einsicht nicht verschließen können, dass die Demokratie mehr verlangt als fröhliches Tagträumen. Man muss in die Verantwortung gehen. Man muss das, was einem der Wähler an Auftrag verpasst hat, annehmen und ausführen. So viel Ernsthaftigkeit wird schon sein dürfen.

Aber vielleicht hat Ahmed in einem politikwissenschaftlichen Seminar schon einmal etwas von Friedrich August III. von Sachsen gehört. Jener König war 1918 seines Thrones enthoben, und er kommentierte dies, in feinstem Sächsisch, mit dem Wort „Nu da machd doch eiern Drägg alleine.“ Eine solche Haltung mag man einem wortgewandten, abgesetzten König durchgehen lassen. Aber von einem, der in den Nürnberger Stadtrat einziehen will, der dort in einer Kooperation mit der CSU mit regieren will, da wird man doch etwas anderes erwarten dürfen. Vor allem eines: Dass die SPD bei der Bundestagswahl gerade einmal 25,7 % der Stimmen erhielt. Das ist, zumindest in der Demokratie, ein Ergebnis, das unter Umständen die Mitwirkung in einer Koalition und damit einen gewissen Einfluss aufs Regierungshandeln verschafft, aber freilich hat eine solche Partei, die nur ein Viertel der Wähler hinter sich zu vereinigen weiß, auch ein klein wenig weniger Anmaßung zu zeigen. Wer nur 25,7 % der Stimmen erhält, der bestimmt nicht den Ton einer Koalitionsregierung mit einer Fraktion, die 41,5 % der Stimmen erhielt. Es ist zwar fair und richtig, dass die SPD natürlich eigene Inhalt mit einbringt und Dinge durchsetzt, die die Union nicht gerne macht, aber es gibt für diese Mitwirkung eben auch eine vom Wähler gesetzte Grenze. Was Ahmed hier tut, ist, vor der Verantwortung davonlaufen zu wollen.

Warten wir ab, wie die Mehrheit der SPD-Mitglieder abstimmen wird. Aber schon vorher, also: per heute, wird man einmal wissbegierig fragen dürfen: Sagen Sie mal, Herr Oberbürgermeister Maly, sagen Sie mal, Herr Fraktionsvorsitzender Vogel – was halten Sie denn von dieser öffentlichen Dagegen!-Aussage Ihres Juso-Chefs?

André Freud

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