Zerbrochene Fenster

#476

Broken Windows
Broken Windows

Die Broken-Windows-Theorie ist eine kriminologische Theorie, die besagt: Das Aufrechterhalten und Überwachen eines guten, geordneten Zustands großstädtischer Viertel leistet einen Beitrag dazu, die Zunahme von Vandalismus und die Zunahme von Straftaten zu verhindern. Klingt banal? Mal schauen.

Der Grundgedanke ist, daß die Einhaltung der kleinen Regeln durchgesetzt werden muß, damit die großen Regeln noch beachtet werden. Außerdem, und daher hat die Theorie ihren Namen, besagt sie, daß man kleine Schäden schnell entfernen muß, weil sie sich sonst ausbreiten.

Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, daß die öffentliche Ordnung verloren geht, wenn sie nicht mehr durchgesetzt wird. Wenn die Öffentlichkeit wegsieht, wenn kleine Regeln gebrochen werden, dann braucht sie sich hinterher nicht zu beschweren, wenn auf einmal auch ganz grundsätzliche Regeln nicht mehr beachtet werden.

Man kennt das: Wenn irgendwo ein Mensch unerlaubt seinen Sperrmüll an einer Straßenecke ablädt, dann stellt schnell ein zweiter seinen Müll dazu. Wenn irgendwo sich niemand mehr um Falschparker kümmert, dann denken viele, daß sie dort dann eben auch in zweiter Reihe, auf dem Fahrradweg oder vor Einfahrten parken dürfen, weil es ja jeder macht. Wenn sich in einem Stadtteil ein paar Lokale nicht mehr an Regeln für Außenbestuhlung oder Lärm halten, dann werden sie auch gegenüber den anderen nicht mehr durchgesetzt.

Ist es aber erst einmal so weit, dann bleiben Menschen mit sozial adäquatem Verhalten vermehrt weg, und Menschen mit sozial inadäquatem Verhalten treten vermehrt auf.

Also lautet die Erkenntnis: Man muß bereits bei kleinen Regelverstößen aktiv werden. Ob das nun im Einzelfall ein Strafzettel sein muß, ob eine Ansprache genügt – ja, nun, das muß man sehen, das läßt sich nicht pauschal beantworten. Aber eines ist offensichtlich: Wegschauen ist das schlechteste, was man machen kann. Man ermuntert die, die sich daneben benehmen, man entmutigt die, die sich sozialverträglich benehmen, und damit stärkt man die, die man doch schwächen sollte, und man schwächt die, die man doch stärken sollte.

Gegen die Broken-Windows-Theorie und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse wird als Kritik vorgetragen, daß sie nur die Symptome behandle, aber nicht die Ursachen. Ja, und? Daß wir bemüht sind, auch die Ursachen abzustellen, muß nicht extra gesagt werden. Aber deswegen können wir doch nicht wegsehen, wenn die öffentliche Ordnung im Übermaß gestört wird. Das eine zu tun bedeutet nicht, das andere zu lassen. Und es ist doch ein etwas zu billiger Trick zu sagen, daß man gegen kleine Ordnungsverstöße nichts tun darf, solange man die großen nicht verhindern kann. Das Gegenteil ist wahr: Nur dann, wenn man die kleinen Regelverstöße verhindert, wird man am Ende des Tages auch weniger grobe Verstöße haben. Um auch die kleinen Sachen besser im Griff zu haben, braucht es natürlich auch ein Instrumentarium. Womit wir wieder beim kommunalen Ordnungsdienst wären.

André Freud

Wer mag, kann es hier nachlesen (auf Englisch; die deutsche Wikipedia ist hierzu etwas arg von altlinkem 68er-Blabla geprägt).

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