Wowereit macht BER – Maly macht QUELLE

#474

Das Quelle-Areal von der Eberhardshofstraße © Janericloebe / Wikipedia, Quelle GmbH
Das Quelle-Areal von der Wandererstraße
© Janericloebe / Wikipedia, Quelle GmbH

Wer heute die Nürnberger Nachrichten liest, kann nur erstaunt sein über das klare Nein der CSU zu den Plänen der SPD und des Immobilienunternehmens Sonae Sierra, im Quelle-Areal viele Tausend Quadratmeter für nur 1 € zu übernehmen.

Das Erstaunen muß um so größer werden, als die NN jeden, der sich für den SPD-Plan ausspricht, spaltenweise zu Wort kommt – aber was die Gegner zu sagen haben, wird überhaupt nicht erwähnt. Man kann es nur indirekt daran erkennen, wie es zu widerlegen versucht wird.

So berichtet die NN über ein Treffen des SPD-Ortsvereins Muggenhof, in dem Aussagen wie „Meine Mutti, mein Vati und auch ich selber haben hier gearbeitet“ für die Begründung des krummen Deals herhalten müssen. Natürlich bestehen an ein solches Objekt Bindungen – und die sollen auch respektiert werden. Aber die können nicht als Grund herhalten, dem Steuerzahler eine Milliarde an Kosten aufzuerlegen. Übrigens war der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Stadtrat Michael Ziegler noch vor kurzem für einen Abriß des Gebäudes, aber das darf er nun wohl nicht mehr sein, hat man ihn doch für seine Frechheit, gegebenenfalls mal eine andere Meinung zu haben als der Kader, mit einer Degradierung seines Listenplatzes bestraft.

Die NN bringt spaltenweise den Versuch, die Aussagen über die Kosten zu widerlegen. Aber Staatsminister Dr. Markus Söder MdL wird trotz Pressekonferenz, auf der Herr Husarek von den NN anwesend war, keinen Raum für seine Sicht der Dinge und seine Argumentation gegeben. Warum? Weil das die schönen Pläne der NN beschädigen könnte?

Dann wird mit Aussagen gearbeitet, die beim Leser den falschen Eindruck hinterlassen. „Das Gesamtgebäude ist das Denkmal, nicht nur die Fassade!“, wird ein Architekt zitiert. Damit wird aber nicht die rechtliche Lage beschrieben, das ist nur ein Wunsch des Herrn Architekten. Unter Denkmalschutz steht die Fassade an der Fürther Straße, sonst nichts. Und dieser Herr Architekt, Johannes Kister mit Namen, setzt sich vehement für den Sonae-Sierra-Plan ein, die Uni quasi als Nebennutzung in das Gebäude zu stecken. Erst in der allerletzten Spalte des halbseitigen Artikels erfährt der Leser, wenn er denn so weit gelesen hat, wer dieser Johannes Kister ist: Er vertritt die Interessen der Stiftung des Architekten, der das Gebäude einst baute. Da legst di nieder! Das erinnert fatal an Werbefotos aus Hotel-Prospekten, in denen glückliche Gäste herum sitzen – das würde doch aber auch niemand als eine seriöse Gastro-Kritik anerkennen, sondern als Werbung einstufen. Nicht aber die NN, nein! Die druckt den einseitigen Werberummel distanzlos nach. Bei Hütchenspielern ist auch immer erst ein „Kunde“ da, der beim Zocken gewinnt. Komisch, daß man selbst immer verliert.

Man beschaue sich das Bild, das heute in den NN abgedruckt ist und das aus urheberrechtlichen Gründen hier leider nicht wiedergegeben werden kann. Dabei handelt es sich um eine Fotomontage, die – Ha! Wen wundert’s? – vom Büro eben jenes Johannes Kister stammt, der als Interessenvertreter des originalen Architekten auftritt. Und was sehen wir auf dieser Montage, an der bestimmt ein Azubi etwa 15 Minuten herumgewerkelt hat, bis sie gut genug war, um in den NN abgedruckt zu werden?

Da hat der Azubi an die Front des Gebäudes zur Fürther Straße drei weiße, komische Formen hingeklatscht, die Eingänge symbolisieren sollen. Der fette Eingang in der Mitte, so breit wie das ganze Gebäudeteil, führt zum Einkaufszentrum. Der Eingang rechts soll zur Uni führen – damit der doofe Leser das auch bemerkt, hat der Architektenazubi „FAU“ drauf geschrieben, „Friedrich-Alexander-Universität“. Und links ist dann noch mal so ein komisches weißes Ding, das den Eingang zu den Studentenwohnungen zeigen soll. Na klar – die Physik der Thermodynamik wird dann gleich neben der Gemüseabteilung gelehrt. Hurra! Auf so einen Unfug muß man erst einmal kommen.

Bevor es vergessen wird: Diese unfaßbar schlecht hingepfuschte Fotomontage zeigt natürlich – auf der gesamten Gebäudelänge – noch genau drei Bäume, so von wegen „Mehr Grün im Westen“.

Im Text wird folgende Rechnung aufgemacht – und Herrn Söder als bitte zur Kenntnis zu nehmen mehrmals empfohlen: 25 Mio. kostet das Grundstück, 15 Mio. der Abriß, und 60 Mio. ein Rohbau, der das böte, was das Gebäude heute angeblich schon bietet. Das ist Unsinn, aber die NN propagiert diese Sicht ohne großen Widerspruch.

Wer 100 Millionen Euro ausgibt, der will dafür etwas haben, was er auch verwenden kann. Das Quelle-Gebäude kann für die Uni nicht verwendet werden. Die Statik reicht nicht aus. Sie reicht für ein Einkaufszentrum oder ein Versandzentrum à la Quelle, aber sie reicht eben nicht aus für Räume voller Bücher (weiß man bei den NN, was Papier wiegt?), sie reicht nicht aus für übergroße technische Apparaturen wie große Meßanlagen, Beschleuniger, Turbinen und anderes mehr, was in den dort anzusiedelnden technischen Fakultäten vonnöten wäre. Die Geschoßhöhen sind für große Hörsäle zu niedrig, aber für Studentwohnungen viel zu hoch. Das Gebäude ist nicht im Mindesten behindertengerecht, es ist feuerpolizelich nicht genehmigungsfähig. Und was schludriges Hopplahopp beim Brandschutz an Problemen auslösen kann, das sollten seit Wowereit und dem weltweit einzigartigen Desaster beim Berliner Flughafen auch andere SPD-Oberbürgermeister kapiert haben.

Niemand bezahlt solch aberwitzige Beträge für etwas, was er nicht nutzen kann. Die Uni ist kein Nebennutzer, die Uni muß Eigentümer des Objekts werden. Dort werden viele neue Wohnungen entstehen – bezahlbare, für Studenten und Mitarbeiter der Uni und für viele Nürnberger, dort wird ein Hochschulcampus entstehen, der für den Nürnberger Westen für Jahrzehnte einen Entwicklungsturbo bedeutet, wie es ihn dort seit Schickedanz seligen Zeiten nicht mehr gegeben hat. Nürnberg wird Universitätsstadt werden (also: den Namen endlich mal verdienen), aber das wird nicht gelingen, wenn die Uni quasi der Untermieter eines Einkaufszentrums wird.

Hinfort mit diesem Plan, hinfort mit dem Versuch, ein Einkaufszentrum hochzujuxen, hinfort mit diesem Unfug, daß die öffentliche Hand enorme Beträge für etwas ausgeben soll, was nicht Fisch und was nicht Fleisch ist.

Und die NN möge bitte aufhören, Public Relation für Sonae Sierra zu machen. Dafür haben die doch eigene Leute. Herrschaftszeiten!

André Freud

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Ein Kommentar

  1. Peter Kunz sagt:

    Ich bin ja auch nicht glücklich über Sonae Sierra (die wollten ja nicht mal die Fürther für ihre grauenhafte „Neue Mitte“ haben) aber wie schaut’s mit dem Denkmalschutz aus?
    Sie wischen die Sentimentalitäten der ehemaligen Quellemitarbeiter beiseite, das ist schon OK, aber ist das Quelle-Gebäude nicht auch darüber hinaus und per se ein einzigartiger, für die Zeit des Wirtschaftswunders prägender und wahnsinnig wichtiger Bau – nicht nur für Nürnberg, sondern für ganz Deutschland?

    Ist dieses untergegangene Schickedanz-Imperium und ihr architektonisches Denkmal nicht ein unglaublich beredter Spiegel der deutschen Geschichte und darum unbedingt erhaltenswert?
    Ich finde man sollte die Nutzung des Gebäudes in alle Richtungen denken, aber hier, wie sie empfehlen, mit der Abrissbirne zu kommen, wäre Barbarei.

    Nürnberg verdankt sein einzigartiges Stadtbild einer Reihe von glücklichen Fügungen, die verhindert haben, dass „unzeitgemäße“ Gebäude, und dazu zählte quasi die gesamte Altstadt im 18. Jahrhundert, von nassforschen Modernisierern abgerissen wurden.

    Bisher habe ich noch nie irgendeine Studie gesehen, die eine Sanierung mal seriös durchgerechnet hätte – und ein Neubau kann ja auch viel Geld kosten. Manchmal viel mehr als man dachte, wie man in BER oder bei der Elbphilharmonie sieht…

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