Wenn der Kleingeist große Reden schwingt

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Stellen Sie sich vor, Sie bräuchten ein neues Auto. Ihre Anforderungen: Reeller Preis, Sie sind – natürlich – alleiniger Eigentümer, mit genügend Raum und Zuladung auch für schwere Transporte, mit genügend Platz, um auch einen Rollstuhlfahrer mitzunehmen. Angeboten wird Ihnen ein Gebrauchtwagen für 1 €. Allerdings würde er Ihnen nicht alleine gehören; der Verkäufer würde sich einen Teil des Eigentums vorbehalten. Sie können das Auto so, wie es heute ist, nicht nutzen. Sie müßten eine knappe Milliarde Euro in Reparaturen stecken, damit es überhaupt nutzbar wäre. Aber auch dann würden Sie den besten Platz im Auto nicht bekommen; den behält nämlich der Miteigentümer für sich. Die Transporte, die Sie mit dem Auto machen wollen, können Sie gar nicht machen, weil das Auto die Last nicht verkraftet. Würden Sie dieses Auto kaufen? Nein, würden Sie nicht. Unser OB Maly allerdings, der würde dieses Auto kaufen. Schau mal einer an.

Die SPD – und, natürlich, in trautem Verein auch das Wahlkampfblatt NN – kommt derzeit mit Vorschlägen daher, die den Bürger in Staunen versetzen. Auf Quelle soll ein Einkaufszentrum mit angeschlossenem Hörsaal entstehen. Die Bausubstanz des Gebäudes sei „äußerst gut“, ein Abriß nicht nötig, behauptet die NN wacker. Der Freistaat könne das Quelle-Areal für nur 1 € erwerben, warum nicht zugreifen? Ein bißchen Einkaufszentrum, und ansonsten viel Raum für die Uni, für Studenten, für Grünanlagen. Ist das nicht toll? Ja, es wäre toll – wenn es mit der Wirklichkeit wenigstens in lockerer Verbindung stehen würde. Aber ach, das tut es nicht.

Das Quelle-Gebäude ist für die Uni nicht nutzbar. Es müßte vollständig umgebaut werden. Die Statik reicht nicht aus für Meßapparate, Maschinen und so weiter, wie sie die Uni braucht. Das Gebäude ist nicht im mindesten für Behinderte nutzbar. Die Isolierung, die Wärmedämmung, die Treppenhäuser, die Fahrstuhlschächte, die Fluchtwege – nichts, aber auch gar nichts kann irgendwie mit heute geltenden Regelungen in Einklang gebracht werden. In dem Gebäude ist seit etwa 20 Jahren nichts mehr gemacht wurden – ein unübersehbarer Renovierungsstau ist entstanden; es mag die Fassade noch ordentlich aussehen, aber das war es auch schon – das Ding ist abbruchreif.

Ein Umbau würde nach einer ersten Berechnung knapp eine Milliarde Euro kosten. Dies berücksichtigt, ist der Kaufpreis von 1 € vielleicht doch nicht ganz so günstig.

Nun ist es nicht so, daß für die Uni kein Geld da wäre. Aber warum sollen wir enorme Beträge aufwenden, um ein marodes, nicht mehr nutzbares Gebäude zu erhalten, damit die Uni ein paar Räume über dem Einkaufszentrums bekommt?

Eine Uni ist eine Uni ist eine Uni. Die technischen Fakultäten der Friedrich-Alexander-Universität und der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm, die auf Quelle angesiedelt werden sollen, kann man nicht im zweiten oder dritten Stock unterbringen. Das geht schon damit los, daß dort Gerätschaften benötigt werden, die so schwer sind, daß man sie nur in ein nicht unterkellertes Erdgeschoß stellen kann; keine Decke trüge ihr Gewicht.

Es geht damit weiter, daß man nicht einen horrenden Preis dafür bezahlen kann, daß man am Ende die Uni wie in einem Behelfsquartier unterbringen kann. Warum sollte man das tun? Damit das Einkaufszentrum hübsch aufgewertet wird?

Man stelle sich alleine die Ansage des Fahrstühlführers vor: „Erdgeschoß: Obst, Gemüse, Sonderangebote. Erster Stock: Angewandte Thermofluiddynamik, Vorlesung von Prof. Dr.-Ing. Mensing. Zweiter Stock: Tierfutter, Taschentücher, Toilettenpapier“. Und das soll dann die Bildungsschmiede sein? Prost.

Kann man bitteschön aufhören, in Nürnberg die Zaghaftigkeit zur Grundlage von Entscheidungen zu machen? Woher kommt nur diese Lust am miefigen Kleingeist, die Angst vor zukunftsweisenden Entscheidungen?

Da gehört eine richtige Uni hin gebaut. Die Reihenfolge kann und muß lauten:

  1. Universität, Hörsäle, Lehrstühle, Büros und Verwaltung
  2. Wohnraum für Studierende, für Mitarbeiter der Uni, für Weststädter
  3. Grünanlagen
  4. Gewerbetreibende – vom Café über die Buchhandlung und den Kiosk und was weiß ich, gerne auch, wenn der Platz da ist, für Einzelhändler, die mit der Uni nicht direkt etwas zu tun haben

Entscheidend ist die Reihenfolge. Der Primat muß bei der Uni liegen. Dann ergibt sich der Rest von alleine. Dieses unwürdige Herumgepfusche an einem abbruchreifen Gebäude aus nicht nachvollziehbaren Gründen ist nicht nur unwürdig – es ist zwecklos. Am Ende wird es dann dem Ding gehen wie dem CityCenter in Fürth: Leerstand, weil da keiner rein will. Und dafür enormes Geld verschleudern? Wie kann man das nur ernsthaft erwägen?

Man muß sich schon fragen, wie der SPD-Oberbürgermeister Maly diesen grandiosen Unfug den Menschen verkaufen will. Im Vergleich dazu die Haltung von Markus Söder und Sebastian Brehm: Abreißen, neu bauen, gute Verhältnisse schaffen. Dann kommen die Studenten, dann kommen die Bewohner, dann entsteht ein Leuchtturmprojekt im Nürnberger Westen. Kostet viel weniger, aber bringt viel mehr.

Sie, werte Nürnberger, müssen den oben beschrieben, ungeeigneten Gebrauchtwagen für 1.000.000.001 € nicht kaufen. Sie können für viel, viel weniger einen Neuwagen kaufen, der Ihnen ganz allein gehört, der alle Ihre Voraussetzungen erfüllt, der viele Jahrzehnte laufen wird, und der auch noch richtig ‚was hermacht. So, und nun wählen Sie bitte: die alte, marode, unnutzbare Klitsche für teuer Geld, oder etwas Neues, etwas Maßgeschneidertes, an dem Sie lange Ihre Freude haben werden und das Ihnen allein gehören wird, für einen drastisch niedrigeren Preis. Wählen Sie SPD, wenn Sie die überteuerte alte Karre, die nicht mal fährt, haben wollen. Wählen Sie CSU, wenn Sie wollen, daß die Sache funktioniert.

Nürnberg ist mehr wert.

André Freud

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7 Kommentare

  1. Da gibt es nur gottseidank ein klitzekleines Problem. Die Quelle steht unter Denkmalschutz.

    Mit diesem Wissen lade ich Sie dazu ein, einen sinnvollen und konstuktiven Beitrag zur Nutzung schreiben.

  2. stefan pilz sagt:

    Der gute Mann heißt Wensing, nicht Mensing.

    Der Rest ist aber auch nicht so toll.

  3. Öhm, ich möchte die mühsam aufgebaute Parallelwelt hier jetzt nicht groß mit Fakten stören, aber bei dem Euro-Deal geht es nur um einen Teil des Areals und nicht um das ganze Gelände. Die ganze Rechnung in dem Text ist falsch. Siehe auch Uni auf Quellegelände: Nun ist der Freistaat gefragt bei nordbayern.de.

    Und warum machen sich eigentlich gerade die konservativen Kräfte für Abriss und Neubau stark? Sollte ihnen nicht vielmehr ein Erhalt der architektonischen Geschichte der Stadt am Herzen liegen? Oder zählt das für Industriedenkmäler nicht?

  4. Lars Fischer sagt:

    Ich würde gerne mal wissen, wo diese ominös-absurd hohe Zahl von 1.000.000.000 Euro herkommt. Da muss man in der Regel schon versuchen eine Oper oder einen Flughafen zu bauen.
    Haben Sie da irgendwelche seriöse offizielle Quellen ausser den Zahlen des werten Herrn Finanzminister? Die Berechnungen von Sonae Sierra unterlaufen den Betrag schon sehr eklatant, nämlich um läppische 900 Millionen…

  5. Da bringen Sie etwas durcheinander, Herrr Fischer. Die 100 Mio. € sind – laut Sonae Sierra – die Kosten für Abriß + Hinstellen eines Neubaus als Rohbau, was – immer laut Sonae Sierra – auch nicht besser sei als der heutige Zustand. Nun kann man einen Rohbau nicht nutzen, man muß ihn fertig bauen. Dazu schweigt Sonae Sierra (soweit mir bekannt). Die Rechnung von Staatsminister Markus Söder – der natürlich eine offizielle und seriöse Quelle ist; wir reden hier immerhin über den zuständigen Minister der bayerischen Staatsregierung und nicht über einen, der seine Immobilie vermarkten will, gell? – lautet, daß das gesamte für die Uni benötigte Objekt bei Umbau des vorhandenen Gebäudes 1 Mrd. kostet, was mit nicht einmal 4.000 € / qm nicht einmal hoch gegriffen ist. Also: die 100 Mio. € lt Sonae Sierra sind nur für einen Rohbau von 70.000 qm gerechnet, aber in den 70.000 qm steckt nur die Uni selbst drin. Keine Wohnungen, keine Grünanlagen, keine Nebengebäude – nichts. Markus Söder rechnet seriös: er veranschlagt die Kosten für das gesamte Objekt. Denn die werden am Ende anfallen, und die werden von der öffentlichen Hand getragen werden (müssen). Das „Geschenk“, 70.000 qm für 1 € zu erwerben, ist sauber vergiftet.

  6. Lars Fischer sagt:

    Da Regierungen mittlerweile ja wie Konzerne geführt werden, sind die Ergebnisse des vom Herrn Minister in Auftrag gegeben Studie denke ich genauso nach oben geschönt wie die von Sonae Sierra nach unten. Deshalb denke ich, dass keine der beiden Seiten mit offenen Karten spielt.
    Fakt ist wohl, das jeder, der dieses gigantische Gebäude verändern möchte, einen 3-stelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen muss. Die Frage ist nun, wer macht das? Oder machts am Ende keiner und es läuft wie beim Volksbad?

  7. Widerspruch. Die Zahlen, die Finanzminister Söder nannte, stammen von der – staatlichen – IMBY, Immobilien Freistaat Bayern. Die Ansicht, daß Regierungen wie Konzerne geführt werden, teile ich ausdrücklich nicht. Dann wären einige deutsche Bundesländer längst insolvent.
    Dem zweiten Absatz stimme ich eher zu: Es wird enorm viel Geld kosten, also: Wer soll es machen? Wir bauen unsere Schulen nicht hinter eine Dönerbude oder ein McDonald’s oder hinter die Playstation-Abteilung vom Mediamarkt, wir bauen unsere Friedhöfe nicht hinter einen Blume2000-Laden, und wir bauen unsere Unis nicht an ein Einkaufszentrum ran.

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