Rundfunkverbrechen

#472

Johannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange, Karl Friedrich Stellbrink
Kaplan Johannes Prassek, Adjunkt Eduard Müller, Vikar Hermann Lange, Pastor Karl Friedrich Stellbrink

Vor 70 Jahren, am 10.11.1943, wurden in Hamburg vier Männer geköpft. Der zweite Senat des nationalsozialistischen Volksgerichtshof unter Wilhelm Crohne hatte sie wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tod verurteilt.

In der Nacht zum Palmsonntag, dem 29. März 1942, war Lübeck zum Ziel eines der ersten großen Luftangriffe auf Deutschland geworden. Die vier Männer – drei katholische und ein evangelischer Geistlicher – hatten den britischen Radiosender BBC gehört, was verboten war, und hatten darüber gesprochen – was mit dem Tod bedroht war. In den Predigten zum Palmsonntag hatten sie vorsichtig angedeutet, daß der Luftangriff auf Lübeck etwas damit zu tun habe, daß der Krieg nun in das Land zurückkehre, von dem er ausgegangen sei.

Es dauerte einige Tage, bis die Verfolgungsbehörden der Nationalsozialisten von der Sache erfuhren, aber dann schlugen sie zu. Am 7. April 1942 wurde Stellbrink verhaftet – kurze Zeit später waren insgesamt 22 Menschen in Haft. Die Verhöre und die Folterungen waren umfassend. Im Juni 1943 fand dann der Prozeß in Lübeck statt – der sogenannte Volksgerichtshof war als eine Art fliegendes Standgericht an die Stadt von Trave und Wakenitz gekommen. Die vier wurden zum Tode verurteilt. Während die katholischen Geistlichen – die ersten drei auf den Bildern – die Unterstützung ihrer Kirche erhielten, ließ die evangelische Landeskirche den Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink fallen und entließ ihn sogar noch kurz vor seiner Hinrichtung aus dem kirchlichen Dienst. Auch das gehört, weil schmerzlich, erwähnt.

Menschen wie diese vier sind wichtig. Sie senden aus jener dunklen Zeit wichtige Signale. Gewiß, es waren zu wenig. Und sie bewirkten zu wenig. Es kommt aber vor allem darauf an, daß es sie gab. Eben deswegen reagierten die Nationalsozialisten so haßerfüllt, so grausam auf sie: weil sie dem Regime vorhielten, daß es verbrecherisch war.

Die drei Katholiken wurden 2011 seliggesprochen, der Pastor wird im Evangelischen Namenskalender genannt.

Man sollte sich einmal vorstellen, was diese vier dachten und fühlten – in den knapp fünf Monaten zwischen Todesurteil und Hinrichtung. Sie hatten Radio gehört und darüber gesprochen – das war ihr sogenanntes Verbrechen. Wie weit ist das entfernt von dem, was wir heute als Regeln zu beachten haben? Wie weit ist das von dem entfernt, was wir heute als Konsequenzen für Regelverstöße zu befürchten haben?

Wir hören, was wir wollen. Wir sagen, was wir wollen. Wir sind freie Menschen. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die uns diese Freiheit erhält. Wenn sie auch einen drögen Namen hat, so ist sie doch der Kern dessen, was unser aller Leben ausmacht. Mehr als der Wohlstand, mehr als alles andere. Ein menschenwürdiges Leben ist in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung jedem möglich – und dort, wo diese freiheitlich-demokratische Grundordnung fehlt, ist es vielen nicht möglich. Oder nur um einen hohen Preis. Diesen vier Menschen wurde ihrer Würde wegen der Kopf abgeschlagen, weil sie sich nicht zum billigen Büttel einer Gewaltdiktatur machen ließen. Wenn man hiervor keinen Respekt mehr hätte – wovor denn dann überhaupt noch?

André Freud

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Ein Kommentar

  1. Beate Besten sagt:

    Dieser Artikel in seiner Kommentierung und der Sachverhalt, den Sie schildern, hat mich zutiefst bewegt. Gleichzeitig kommt auch eine große Dankbarkeit auf, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes uns diese Verfassung „bescherten“, die unsere freiheitlich demokratische Grundordnung ausmacht.
    Zivilcourage und der Mut, sogar unter Einsatz seines Lebens darüber hinaus zu gehen,
    haben meine volle Bewunderung. Es tut mir gut, daß beim Rückblick auf diese Zeiten neben dem vielen Unverständlichen auch solche Menschen aufrecht ihren eigenen Weg gingen.

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