Ein deutscher Tag

#471

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Der heutige 9. November ist ein Tag mit einem besonderen Datum. In ihm vereinigen sich einige der guten und einige der schlimmen Momente deutscher Geschichte.

9. November 1918: Ohne die Zustimmung Kaiser Wilhelm II. verkündet Reichskanzler Max von Baden dessen Abdankung. Philipp Scheidemann verkündet von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die deutsche Republik; wird im Jahr darauf wird Friedrich Ebert zum ersten deutschen Reichspräsidenten gewählt. Am 11.11.1918 endet der Erste Weltkrieg durch die deutsche Kapitulation.

9. November 1923: Hitler und Ludendorff versuchen einen Putsch in München und Berlin. Auch wenn man glauben könnte, daß Hitler dieses Datum mit Bedacht wählte, um die ihm verhaßte demokratische Republik von Weimar zu beseitigen, eben weil sie auf den Tag genau fünf Jahre vorher entstand – das Datum hat sich zufällig ergeben. Hitler hatte den Putsch bereits für den 29. September geplant, verschob ihn dann aber, weil er der Leute, die er dazu in seine Gewalt bringen mußte, nicht habhaft wurde. Am Abend des 8. November kamen Politiker der äußersten Rechten im Bürgerbräukeller zusammen; Hitler stürmte die Veranstaltung, zog die anwesender Politiker auf seine Seite, sei es durch Überredung, Überzeugung oder mit Pistolen. Anderntags, also am 9. November, begann dann mittags der Marsch vom Bürgerbräukeller zum Odeonsplatz. Aber schon an der Feldherrnhalle endete der Putsch in den Kugeln der bayerischen Landespolizei. Das völlige Scheitern des an sich – politisch – lächerlichen Putschversuchs sollte die Nationalsozialisten nach 1933 nicht daran hindern, ihn zur Erfolgsgeschichte hochzujuxen, die damals mitgeführte Hakenkreuzfahne zur „Blutfahne“ zu erklären, deren besondere „Kraft“ durch Berührung mit neuen Hakenkreuzflaggen auf diese „übergehen“ sollte, daraus einen der höchsten Feiertage des an Feiern nicht eben armen NS-Staates zu machen, ihn mittels dem als höchste NSDAP-Auszeichnung zu verstehenden „Blutorden“ quasi als NS-Heiligengedenktag zu etablieren.

9. November 1938: Nach dem Anschlag des Juden Herschel Grünspan auf einen NS-Diplomaten in Berlin – Grünspans Eltern waren kurz zuvor vertrieben worden und hingen im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen fest – einige Tage zuvor starb das Opfer, Legationsrat Ernst vom Rath, in Paris. Die Nachricht erreichte die zur Feier des 9.11.1923 in München versammelte Führerschaft des NS-Staates, und nach einem kurzen Gespräch mit Hitler ging Propagandaminister Goebbels, der Herr über die veröffentlichte Meinung, ans Telefon und löste das aus, was umgangssprachlich nach wie vor oft „Reichskristallnacht“ genannt wird. Es gab etwa 400 Tote; alleine in Nürnberg 26: Morde und Menschen, die aus ihren Wohnungen sprangen, um der anrückenden Horde, vor allem aus SA bestehend, zu entrinnen. Etwa 30.000 jüdische Deutsche wurden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht. Im ganzen Deutschen Reich wurden 1.406 Synagogen zerstört, die meisten davon abgebrannt. Die Feuerwehren bekamen Befehl, das Niederbrennen der Synagogen nicht zu verhindern, sondern lediglich das Überspringen der Flammen auf Nachbarhäuser zu verhindern. Geschäfte wurden niedergebrannt, verwüstet und geplündert. Als in Nürnberg einige Tage darauf einer der widerlichsten der an solchen Menschen nicht armen NSDAP, Julius Streicher, zu einer Veranstaltung aufrief, bei der die „Sühne“ für den Mord an Ernst vom Rath „gefeiert“ werden sollte, nahmen daran – freiwillig – 100.000 Nürnberger teil. Die Verfolgung der jüdischen Deutschen durch den Staat hatte zwar schon am 1. April 1933 eingesetzt. Bis zum 9. November 1938 aber beschränkten sich die Nazis darauf, die Juden aus ihren Berufen zu vertreiben, aus ihren Wohnungen, aus der Öffentlichkeit. Mit dem Pogrom vom 9. November 1938 allerdings wurde eine weitere Grenze auf dem Weg nach Auschwitz überschritten: es ging ans Leben.

9. November 1969: Die linksradikale Terror-Organisation „Tupamaros West-Berlin“ bringt eine Bombe ins jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin, die aber aus technischem Versagen nicht explodiert. Damit wird schon 1969 klar, daß Antisemitismus und Versuche, Juden einfach deswegen zu töten, weil sie Juden sind, nicht auf Rechtsextreme und Nationalsozialisten beschränkt sind, sondern auch und besonders von der radikalen Linken fortgeführt werden.

9. November 1988: Bundestagspräsident Philipp Jenninger hält anläßlich des 50. Jahrestages der Ereignisse von 1938 eine Rede im Deutschen Bundestag, die für einen Skandal sorgte. Jenninger hatte, um der Legende des „Wir haben doch nichts gewußt“ entgegenzutreten, sich in seiner Rede in die Rolle eines typischen Deutschen des Jahres 1938 begeben. Es war die Art des Vortrags, die für Mißverständnisse sorgte, und die zum Rücktritt Jenningers führten. Da half es auch nicht, daß viele Stimmen – darunter Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland -, Jenninger ausdrücklich verteidigte und später dessen Rede wiederholte, ohne dafür kritisiert zu werden.

9. November 1989: Nach den wochenlangen Montagsdemonstrationen in der „DDR“, vor allem in Leipzig und Berlin, nach dem Sturz Erich Honeckers und sich abzeichnender langsamer – zu langsamer und zu zaghafter – Reformen kommt es aufgrund eines Mißverständnisses zwischen dem starken Mann der SED-Diktatur, Egon Krenz, und dem SED-Politbüromitglied Günter Schabowski zu einer „DDR“-Fernsehmeldung, wonach jeder „DDR“-Bürger die „DDR“ ohne weiteres verlassen können. Hunderttausende strömen in Berlin zu den Gefängnistoren, mit denen diese Diktatur ihre Bürger einsperrte, und erzwangen gewaltfrei deren Öffnung. 28 Jahre nach dem Bau der Mauer fiel sie – zwei Jahre, nachdem US-Präsident Ronald Reagan vor der Mauer stand und rief: „Come here to this gate! Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!“

Das sind nur einige wenige der Ereignisse, die den 9. November zu einem besonderen Datum machen. Aber auch ein anderes Datum ist aufgrund einer Besonderheit der amerikanischen Schreibweise von Daten mit dem 9.11. optisch verknüpft: der 11. September, den die Amerikaner 9/11 schreiben. Wenn man die Lehren und die Erkenntnisse der Ereignisse des 9.11. und von 9/11 zusammenfaßt, kommt man zu folgendem Erkenntnissen:

Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie sind – und zwar in dieser Reihenfolge – unabdingbare Voraussetzungen für ein Leben der Menschen in Würde, Selbstbestimmung und auch Wohlstand. Auch die Reihenfolge dieser Werte ist so vorgegeben. Freiheit ist der wichtigste aller Werte. Ein Staat könnte theoretisch ein Rechtsstaat und eine Demokratie sein, aber den Menschen die Freiheit nehmen; dann wären Rechtsstaat und Demokratie nicht mehr viel wert. Wenn demokratisch beschlossen und mittels eines in sich sauberen Rechtsstaat durchgesetzt werden würde, daß der Mensch unfrei ist – wie wir es wohl von der SEDPDSLinkspartei zu erwarten hätten -, dann wäre den Menschen das wichtigste genommen. Der nächstwichtige Wert ist der des Rechtsstaats. Was hilft die schönste Demokratie, was hilft eine – theoretische – Freiheit, wenn der Staat macht, was er will? Nichts. Deswegen ist der Rechtsstaat zwingend erforderlich, sollen die Menschen menschenwürdig leben. Dann, wenn Freiheit und Rechtsstaat gegeben sind, muß die Demokratie in ihr Recht gesetzt werden. Freie Menschen, die zusammen in einem Staat leben, der sich selbst an sein eigenes Recht hält, bestimmen die Politik ihres Staates durch demokratische Wahlen. Das finden wir in den deutschen Ereignissen des 9. November: als Mahnung, wie es wird, wenn man diese Werte mit Füßen tritt. Als positiven Gedenktag an die Gründung der ersten deutschen Republik, die wirklich eine Demokratie war – die Weimarer Republik. Als Mahnung an alle Linksdiktaturen, daß die Menschen es auf Dauer nicht erdulden und nicht ertragen, unterjocht zu werden. Als Gedächtnisstütze dafür, daß der Umgang mit der deutschen Geschichte schwierig ist, aber notwendig; daß die Dinge auf den zweiten Blick oft anders sind als auf den ersten, und daß man erkennen muß, daß zur deutschen Geschichte sowohl die guten als auch die schlimmen Stunden gehören, und daß redlich mit seiner eigenen Vergangenheit nur der umgeht, der beides akzeptiert, der nicht die Guten ausblendet und nur noch die Bösen sieht, oder die Bösen ausblendet und nur noch die Guten sieht, sondern der sich redlich und ehrlich mit beiden auseinandersetzt, sich freut, daß es einen Goethe, einen Heine, einen Vicco von Bülow, einen Adenauer gab, der aber darüber nicht vergißt, daß es – ich will sie nicht einmal mit Namen nennen – auch ganz andere Gestalten gab. Als Erinnerung daran, daß es für das Wohlergehen der Menschen nicht so sehr zu unterscheiden ist, ob Rechtsextreme, Linksextreme oder Religionsextreme herrschen, sondern es darauf ankommt, daß Extremisten nach Möglichkeit überhaupt keinen Einfluß nehmen können.

Und, das lehrt uns 9/11: Wir müssen erkennen, daß wir Feinde haben, die uns zum Ziel nehmen. Unsere Art zu leben. Unsere Freiheit. Unseren Rechtsstaat. Unsere Demokratie. Das bedeutet dann auch, daß wir wehrhaft sein müssen. Wir sind aufgerufen, diesen besten deutschen Staat, den es je gab, zu verteidigen. Gewiß werden wir nie einem anderen etwas tun, solange es irgendwie vermieden werden kann. Wir sind ein friedlicher Staat. Aber wir müssen alle, die uns feindselig gegenüberstehen, wissen lassen: friedlich bedeutet nicht schwach. Friedliebend bedeutet nicht wehrlos.

Dieser deutsche Staat, meist nur „Deutschland“ genannt, obwohl er immer noch Bundesrepublik Deutschland heißt, bedarf seiner Bürger, die sich in ihm engagieren, die sich für ihn einsetzen. Der 9. November ist ein Tag, an dem alle aufgerufen sind, sich im Verein, im Ehrenamt, in einer demokratischen Partei zu engagieren. Die deutsche Demokratie bedarf ihrer Bürger.

André Freud

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