Die Gans

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Die Gans © Jürgen Howaldt CC-BY-SA 2.0
Die Gans
© Jürgen Howaldt CC-BY-SA 2.0

Zu einer meiner früheren Kindheitserinnerungen gehört der Kindergarten-Umzug mit selbstgebastelten Laternen am Abend des 11.11.1969. Ich war gerade vier Jahre alt geworden und ganz neu im Kindergarten. Ich war wohl auch noch nie bei Dunkelheit ohne meine Eltern unterwegs gewesen – nun, die gingen zwar hinter unserem Umzug her, aber waren eben nicht im Gesichtsfeld, also, aus Kindersicht, nicht da. Ich hatte auch zuvor noch nie eine Laterne in der Hand gehabt, und es war einfach aufregend für mich kleinen Steppke, mir zusammen mit den anderen Kindern „die Straße zu erobern“. In Erlangen wurde damals noch die Nürnberger Straße für die Autos gesperrt, wenn die Kinder diesen Umzug machten. Wenn ich ganz gründlich in mich hinein horche, dann fallen mir durchaus noch einige Details ein. Daß es nieselte, daß meine Mutter mir einen ungeliebten Pullover angezogen hatte, der grün, weiß und rot war, daß mir einmal die Laterne aus ging und die Kindergärtnerin sie wieder entzündete. Und daß ich die Lieder, die wir da sangen, mochte.

Heute ist St. Martin anders konnotiert, vor allem mit der seit langem jedes Jahr am 11.11. im Steichele servierten Gans. Die Tradition der Martins-Umzüge ist in einer Hinsicht ganz weit weg. In anderer Hinsicht aber ist sie da, ist sie präsent – und ist sie wichtig. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob man seine Kinder bewußt religiös erzieht oder nicht; die Legende vom Heiligen Martin gehört auch dann zu unserem Kulturerbe, wenn man nicht religiös ist. Sie weckt bei vielen Kindern ein erstes Interesse an dem, was wir „Geschichte“ nennen, an dem, was einst war. Der Heilige Martin ist eine Figur, die mit den durch die Legende verkörperten Werten einerseits natürlich ausgesprochen christlich ist, aber andererseits auch in jeder anderen Religion, ja: auch im nichtreligiösen Bereich als Sinnbild für moralisches Handeln zu stehen vermag.

Für diejenigen, die christlich und religiös sind, steht die Begehung des Martinstags sowieso außer Frage. Aber auch für die, die einer anderen oder keiner Religion angehören, ist Martin von Tours kein Problem – oder besser: sollte keines sein.

Wenn die nordrhein-westfälische SED unter dem Tarnnamen „Die Linke“ fordert, die Martins-Umzüge abszuschaffen und durch ein „Mond und Sterne“-Fest zu ersetzen, so kündet dies von derartig umfassender Kulturfeindschaft, Identitätsverleugnung und Selbsthaß, daß einem beinahe die Worte fehlen. Die Begründung – Angehörige anderer Religionen könnten sich diskriminiert fühlen – ist derartig daneben, daß man sich nur über eines freuen kann: daß dieses Denken bei uns keinen Platz hat.

Traditionen sind das Fundament, auf dem wir alle stehen. Wenn wir sie aufgeben, dann verlieren wir den Halt.

André Freud

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