Zum Beispiel: Freud

#465

Times Sq., New York © Freud
Times Sq., New York
© Freud

Es war im Sommer irgendwann Mitte der Achtziger. New York war damals (und ist es noch) die aufregendste Stadt der Welt, und war – wovon heute die Rede nicht mehr sein kann – auch eine der dreckigsten Städte, die man sich vorstellen kann. Ich lief irgendwo downtown herum, ein junger Tourist, und war mindestens der coolste Mensch überhaupt. Als ich aus einer Schachtel Zigaretten die letzte entnahm und anzündete, warf ich die leere Schachtel auf den Boden. In all dem Menschengewühl – und New York ist eigentlich immer voll – konnte das niemanden interessieren. Aber ein mir entgegenkommender Mann, ein Herr im feinen Zwirn, fixierte mich mit seinem Blick, und als er näher kam, sagte er laut und ironisch „Thank you!“ zu mir.

Bis zum heutigen Tag kann ich mich gut an diesen Moment erinnern – hätte ich die Gabe des Zeichnens, ich könnte den Herrn heute noch zeichnen. Ich drehte mich um, ging ein paar Schritte zurück und hob die Schachtel auf, warf sie in den nächsten Mülleimer. Es wäre mir lieb gewesen, hätte der Mann wahrgenommen, daß seine Ansprache etwas bewirkt hat, aber er drehte sich nicht mehr um. Wahrscheinlich glaubte er sowieso nicht daran, daß seine zwei Worte irgendetwas bewirkt haben könnten; er wollte wohl vor allem seinem Unmut darüber Luft machen, daß jemand seine Stadt als bequemen Mülleimer mißbrauchte.

Eben diesen Eindruck aber wollte ich nicht auslösen. An die Bedeutung einer auf die Straße geworfenen leeren Schachtel dachte ich wenig, ich dachte mehr daran, daß ich den New Yorkern nicht mit einer Geste der Mißachtung entgegentreten wollte. Es ist aber ein Ausdruck der Mißachtung, des mangelndes Respekts, Müll auf die Straße zu werfen – auch oder gerade dann, wenn man es gar nicht so meint. Jedenfalls warf ich nie wieder eine leere Zigarettenschachtel auf den Boden; ein kleiner Lernprozeß hatte eine Verhaltensänderung bewirkt. Aus einer dümmlichen Ichbezogenheit „ich brauche die leere Schachtel nicht mehr, also weg damit“ war ein etwas weniger dümmliches Verhalten geworden.

Ich wünschte mir, in Nürnberg würden mehr solche Menschen sich bemerkbar machen wie jener New Yorker vor drei Jahrzehnten. Menschen, die einen darauf aufmerksam machen, wenn man sich schlecht benimmt. Manche tun das ja. Andere aber tun das nicht, weil sie Ärger vermeiden wollen, weil sie schüchtern sind, weil sie nicht auffallen wollen. Und hier kommt der kommunale Ordnungsdienst ins Spiel, der KOD. Kann der KOD an den nicht so guten Zuständen, die Vermüllung des öffentlichen Raums betreffend, etwas ändern? Die einen mögen sagen: „Ach Quatsch, mit den paar Männeken im Außendienst – niemals, das bringt gar nichts.“ Haben sie damit Recht?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Richtig gemacht, können auch ein paar wenige etwas bewirken. Ich möchte dazu auf ein Beispiel aus dem Wahlkampf zu sprechen kommen. Liebend gerne habe ich mich am Wahlkampfstand mit einem überzeugten SPDler gestritten – in der Sache. Warum? Glaubte ich, ihn zum CSU-Wähler machen zu können? Eher nicht. Glaubte er, mich zum Steinbrück-Fan (erinnert man sich noch an Peer Steinnbrück? Ja, ja, so schnell dreht sich die Welt…) mutieren zu lassen? Auch das ist unwahrscheinlich. Woran ich aber glaubte, das war die Aufmerksamkeit der darum herum Stehenden, der unbeteiligten Zuhörer. Diejenigen, die selbst keine Diskussion führen wollten, aus welchen Gründen auch immer. Die kann der Wahlkämpfer direkt gar nicht ansprechen, weil sie nicht diskutieren wollen. Aber wenn sie einer Diskussion zuhören, dann hören sie die Argumentation, dann nehmen sie wahr, wofür der eine steht und wofür der andere, und dann können die Argumente wirken. Etwas ähnliches kann man auch mit dem KOD bewirken, Wenn etwa in der Fußgängerzone ein freundlicher, aber bestimmter KODler einen Zigarettenschachtelwegwerfer anspricht, dann kriegt das ja nicht nur der Wegwerfer mit – das kriegen zehn, zwanzig andere Menschen auch mit. Und bei denen wirkt das dann ebenfalls. Das ist das Gute.

Was der KOD bewirken kann, ist nicht an der Anzahl der ausgestellten Verwarnungen zu messen – dies wäre drastisch zu kurz gegriffen. Was er bewirken kann, ist eine Veränderung des sozialen Klimas in der Stadt. Wenn (unerlaubtes) öffentliches Fehlverhalten kaum noch einen zu kümmern scheint, dann ist ein KOD um so wichtiger für die Stimmung. Die Menschen müssen merken, daß sich jemand kümmert. Und deswegen kommt es zunächst nicht darauf an, daß der KOD klein starten soll – es kommt darauf an, daß er startet. Über die richtige Größe reden wir dann nach einiger Zeit noch einmal. Es kommt darauf an, daß wir nicht mehr wegsehen, sondern daß wir hinsehen. Es kommt darauf an, daß nicht mehr ganz so viele Menschen frustriert schweigen, sondern daß mehr Menschen motiviert etwas sagen. Am Beispiel des jungen Freud sieht man, daß derlei durchaus etwas bringt.

André Freud

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