Eine alte Liebe

#463

Der Kettensteg im Sonnenglast
Der Kettensteg im Sonnenglast

Seit 1980, der Verfasser dieser Zeilen war hoffnungsvolle 14 Jahre alt, gibt es in Deutschland die Sommerzeit. Das war aufregend. Die Abende – und in jenem Alter enden Abende eben nicht mehr mit der Tagesschau, sondern werden wahrgenommen – wurden länger. Aus dem Urlaub in Italien, das aufgrund seiner südlicheren Lage kürzere Sommerabende hat, weswegen dort die Sommerzeit schon früher eingerichtet wurde, kannte er das: Daß man abends an der Strandpromenade noch im abendlichen Sonnenlicht flanieren konnte. Sommerzeit – das war so weltläufig, das war eine große Sache. Wie etwa (vier, fünf Jahre später) die Fahrtenmit Vaters Auto nach West-Berlin, wo keine Sperrstunde galt, wo Discos damals schon bis in den Morgen offen hatten, während bei uns in Nürnberg um 0200 meist Schluß war, und wo die Bäcker schon ab früh um 0500 frische Brötchen und Café feilboten. So etwa fühlte sich auch die Sommerzeit an.

Für mich ist das bis heute so geblieben. Sommerzeit – das bedeutet, dem Jahr viele Abende abzugewinnen, in denen das öffentliche Leben länger dauert. Von den frühen Stunden, in denen bereits ab 0400 der Morgen graut, haben die allerwenigsten Menschen etwas, aber von den Abenden, an denen man draußen sitzt und sich des Daseins freut, haben sehr viele etwas.

Auch das Gegenstück, die Normalzeit, hat ihre kluge Berechtigung. Während dies geschrieben wird, ist es etwa 1530, also noch nicht einmal Teezeit. Und doch geht nicht nur ein kräftiger Regenguß hernieder – nein, das weniger werdende Licht kündigt bereits an, daß um 1702 die Sonne untergegangen sein wird. Die dunkle Jahreszeit ist da, mit ihrem grauen Himmel, mit ihrem Nebel, ihrem Regen, ihrer größeren Bedeutung von Zuhause und der geringeren Bedeutung von Draußen. Es kommen die Wochen und Monate, in denen man sich nicht mehr ärgert, daß man kein Cabrio sein Eigen nennt, und in denen das Auto eine weit größere Bedeutung im Alltag gewinnt als das Rad. Auch diese Zeit ist eine schöne Zeit, mit ihren Stürmen und, ja, auch mit ihrem Grau. Es gehört zum Wechsel der Zeiten, daß es auch mal grau und drückend ist – das ist das sicherste Mittel dafür, daß wir uns über Sonnenschein noch wirklich freuen können.

Ich mag die Zeitumstellung. Sie verbessert unsere Möglichkeiten, das Leben der Jahreszeit anzupassen. Und sie fühlt sich immer noch ein wenig weltläufig an.

André Freud

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