Trittins letzter Sieg?

#456

Jürgen Trittin © Ralf Roletschk via Wikipedia - Lizenz CC-BY-SA 3.0
Jürgen Trittin
© Ralf Roletschk via Wikipedia – Lizenz CC-BY-SA 3.0

Die Grünen haben erklärt, daß es nicht zu einer schwarz-grünen Koalition im Bundestag kommen wird und die Gespräche beendet. Gleichwohl war es kein brüsker Abbruch der Gespräche, sondern, den Verlautbarungen entsprechend, die Erkenntnis, wie Cem Özdemir formulierte, die Erkenntnis, daß zwar beide Seiten Brücken bauten, diese aber noch nicht tragfähig seien.

Ist das so? Nein, dem ist nicht so. Der Verfasser dieser Zeilen ist kein besonders intensiver Fürsprecher einer schwarz-grünen Koalition und hat deswegen auch keinen Impuls, die Möglichkeit von Schwarz-Grün schönzuschreiben. Aber auch er mußte erkennen, daß es durchaus eine Menge an Themen gab, die eine solche Koalition miteinander hätte realisieren können.

Aber in den Augen mancher gilt, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Altkader der Grünen, die deren schmerzliche Wahlniederlage herbeigeführt haben, waren – warum auch immer – an den Sondierungsgesprächen mit der Union beteiligt. Allen voran ist hier Jürgen Trittin zu nennen, der, das sollte man durchaus beachten, seine politische Laufbahn im „kommunistischen Bund“ begann. Er war der hauptsächliche Wahlverlierer, er zog sich aus der vordersten Reihe zurück – aber: er nahm an den Gesprächen mit der Union teil. Warum?

Weil er den Erfolg verhindern wollte. Für Jürgen Trittin wäre eine schwarz-grüne Koalition die endgültige Niederlage gewesen. Die Grünen haben im Schreck nach der Wahlniederlage zwar begonnen, ihr überholtes Personal auszutauschen, aber während dieses Prozesses gelang es den Altkadern, diese Erneuerung der Grünen weitgehend zu verhindern. So blieben an wichtiger Stelle erhalten: Katrin Göring-Eckardt, die zwischen bürgerlich und scharf-links changierende Inkorporation des grünen Bestmenschen; Jürgen Trittin – zwar nur noch bedingt, aber als Teilnehmer der Sondierungsgespräche an zentraler Stelle, Claudia Roth – da hat sich per heute herzlich wenig verändert.

Die Grünen hatten eine Chance, im 34. Lebensjahr endlich erwachsen zu werden, aber sie zogen es vor, weiterhin in der Rolle des Pubertierenden zu bleiben. Das ist in einer Hinsicht folgerichtig: Wer sich scheut, Verantwortung zu übernehmen, der muß mit Recht draußen bleiben.

Das Kernübel unserer Zeit, das Bestmenschentum, hat längst auch die oberen Ebenen der Politik erreicht. Viele Politiker und Journalisten tun so, als müßten sich Koalitionspartner über jeden Punkt der kommenden vier Jahre einigen, damit eine Koalition zustande käme. Das ist natürlich Kokolores. Richtig ist vielmehr, daß derjenige Bereich definiert wird, den man gemeinsam machen kann. Bei anderen Themen kommt man zur Erkenntnis, daß man nicht übereinstimmt – und daß man hier eben nichts tun wird. Und am Ende schaut man, ob die gemeinsamen Projekte für eine Regierung ausreichend sind oder nicht.

Was die Grünen womöglich erkannt haben, ist die Tatsache, daß der kleine Koalitionspartner keine Möglichkeit hat, dem großen seine Politik zu oktroyieren. Der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund. Das müßte auch noch die SPD lernen, die sich benimmt, als hätte sie die Wahlen gewonnen. Deswegen, so die hier vertretene Ansicht, wird auch die SPD keine Koalition mit der Union eingehen. Zu schmerzlich wären die Botschaften, die man der eigenen Basis zu überbringen hätte. Lieber läuft man vor der Verantwortung davon und schmollt. Die SPD hat nicht mehr die Gabe, die in ihr wirksamen Fliehkräfte zu integrieren, wie man beispielsweise an der Schuldenkönigin Hannelore Kraft erkennt.

Die Zeiger weisen in Richtung Neuwahlen.

André Freud

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