Zwei ketzerische Gedanken

#455

Würzburger Residenz © Freud
Würzburger Residenz
© Freud

Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist derzeit gewiß nicht zu beneiden. Wer von den Medien derartig jeden Tag gejagt, ja: gehetzt wird, der ist jemand, der es schon deswegen verdient, einmal ohne Schaum vorm Mund kommentiert zu werden. Hierzu gibt es zwei Gedanken, die so gar nicht in den Zeitgeist passen wollen, und für die daher hier der richtige Ort ist.

Keine Legitimation

Die Presse, die Tebartz-van Elst tagtäglich thematisiert und dämonisiert, berichtet nicht etwa über einen staatlichen Mandats- oder Amtsträger – der mit öffentlicher Kontrolle leben muß, bei dem es sich auch gehört, daß die Öffentlichkeit hinschaut. Nein, Tebartz-van Elst ist ein – wenn man so will – Angestellter der katholischen Kirche. Freilich will ich den Medien gewiß nicht absprechen, daß auch bei Bischöfen oder Vereinsvorständen ein berechtigtes Interesse zur Information besteht; allerdings fällt es mir schwer, das, was derzeit in den Medien bis hinauf zu sogenannt seriösen Blättern und auch sehr intensiv im sonst schätzenswerten Deutschlandfunk passiert, noch als Information zu bezeichnen. Die Informationen selbst sind ziemlich wenige, aber die Meinungsmache „der Mann muß weg“ ist dafür um so massiver.

Warum ist das so? Ein Regierender Bürgermeister von Berlin namens Klaus Wowereit hat das Hundertfache an Geld verplempert, dessen „Großflughafen“ steht nach wie vor still, aber über diesen Skandal dürften in vergleichbarer Zeit weitaus weniger Berichte erschienen sein als über den Bischof von Limburg. Warum ist das so? Ist es nicht ein weit bedeutenderes Politikum, wenn ein verantwortlicher Politiker Milliarden versenkt, als wenn ein Bischof – möglicher- oder wahrscheinlicherweise – Millionen versenkt?

NN und NZ berichten heute natürlich wieder über Tebartz-van Elst, aber wann berichteten sie das letzte Mal über Wowereit? Vielleicht weil der Bischof einer Institution angehört, auf der sowieso gerne medial herum getrampelt wird?

Noch einmal und zur Vermeidung jedes Mißverständnisses: Diese Kritik richtet sich nicht gegen Kritik an Tebartz-van Elst, sie richtet sich auch nicht gegen Meinungen und Kommentare, aber sie richtet sich sehr wohl gegen die kaum glaubhafte Intensität, gegen die verdächtig geringe Reflektion, dagegen, daß keine abwägenden Meinungen tranportiert werden, kurzum: gegen die Hysterie, mit der gegen ihn vorgegangen wird.

Was bin ich froh, daß die katholische Kirche so gebaut hat, wie sie gebaut hat

Das obige Bild wurde vor der Würzburger Residenz aufgenommen, in der ein Fürstbischof residierte. Fürstbischöfe sind ein wenig aus der Mode gekommen, aber ihre Bauten sind es nicht. Kann man ernstlich wollen, daß der Vatikan in ein Verwaltungsgebäude am Rande Roms umzieht? Kann man ernstlich wollen, daß unsere Welt eine Welt ohne kirchlichen Prunk wird? Ich will das nicht. Ich erfreue mich an vielen Bauten, die in weit ärmeren Zeiten entstanden, die mit Größe und Grandezza, mit Prunk und Protz errichtet wurden. Diese Gebäude sind heute in vielen Städten zu deren Kern geworden, sie bestimmen Plätze, sie gestalten das Stadtbild, sie sind optische und emotionale Ankerpunkte.

Ob diese Gedanken auf den Limburger Bischofssitz zutreffen, sei dahingestellt. In den Medien wird mehr und mehr das „Recht“ der Kirche, groß zu bauen, öffentlich in Frage gestellt. Mal abgesehen davon, daß dieses Thema an sich nur die katholischen Kirchensteuerzahler wirklich etwas angeht: Ich hoffe, daß der Mut, stadtplanerisch wertvoll zu bauen, nicht verloren geht. Solche Gebäude können durchaus auch ein wirtschaftlicher Gewinn sein. Oder sollte tatsächlich jemand die Behauptung wagen, daß die Gebäude des Vatikan von ihrem Bau bis heute Geld gekostet haben? Nein, sie haben Geld erwirtschaftet. Wer in die Sixtinische Kapelle will, bezahlt 16 € Eintritt. Da muß man kein Rechengenie sein, um zu erkennen, daß die Einnahmen die Kosten seit langem überwiegen.

Freilich, die Schlangen vor dem Limburger Bischofssitz werden niemals so lange sein wie die vorm Vatikan. Aber der Grundgedanke bleibt doch wahr: Für ein sinnstiftendes Bauen, das mehr errichten will als eine reine Funktionalität, das sich auch um Stein gewordene Manifestation dessen, der da baut, bemüht, sind eben mehr Mittel erforderlich als für eine Mehrzweckhalle in Kleinkleckersdorf. Repräsentative Bauten haben sehr wohl einen Wert, und wir sind doch nicht ein Volk von Neidern geworden, die keinem etwas gönnen, was sie nicht können. Will ich hoffen.

André Freud

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2 Kommentare

  1. Frank Heinze sagt:

    In der Tat könnte van Elst mit dem erpressten und ergaunerten Geld seiner Kirche (das, nebenbei gesagt, noch heute nach dem verbrannten Fleisch Millionen hingemordeter Ketzer, Hexen, Atzteken und Afrikaner stinkt) machen, was er will.

    Er ist halt nur Opfer der antikapitalistischen PR seines Vereins geworden. Gibt es einen Bischof, der noch keine Suada gegen „die Finanzmärkte“ hielt, der noch kein Buch zur „Kultur des Weniger“ schrieb und zum Verzicht in diesem irdischen Jammertal aufrief?

    Der Calvinismus, den die heutigen christlichen Hauptamtlichen (zusammen zB. mit der Weinerlichkeit und der ethischen Verantwortungslosigkeit einer Bischöfin Käßmann) predigen, fällt ihnen nun halt ab und zu selber auf die Schuhe.

    „Kirche ist Greenpeace mit Handauflegen geworden“ sagte Jan Fleischhauer mal treffend.

  2. Beate Besten sagt:

    Mir geht es auch so, dass ich an die Hexenjagd erinnert werde, wenn ich das Thema quer durch die (auch ansonsten sehr seriösen) Medien verfolge. In der Sache steht meine Meinung, dass hier wahnsinnig viel Geld verschwendet wurde für einen – zugegebenermaßen – sehr guten Geschmack.
    Zum Thema Wowereit: MONATLICH fallen Kosten von 45 Millionen an, die die Flughafen-GmbH zu tragen hat, ohne dass irgendjemand davon einen Benefit hätte oder gar eine Immobilie für die Nachwelt erhalten würde. Nein, dort steht eine Immobilie, wo KÜNFTIG noch viel mehr Millionen anfallen, bis der Flughafen überhaupt funktionieren kann, ohne dass man den Tag der Eröffnung nennen kann. Eine super Leistung von Wowereit!!!!!

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