Heimat ist, wo ich mich kümmere

#454

Heimat? © Freud
Heimat?
© Freud

Viele haben für sich „Heimat“ definiert. Es gibt witzige Versuche („Heimat ist dort, wohin die Rechnungen kommen“), es gibt patriotische und natürlich auch, wohl erfreulicherweise meist überwunden, nationalistische Versuche. Auf eine Frage des auch als „Heimatministers“ zusätzlich zum Finanzminister vereidigten Markus Söder, was man unter Heimat versteht, sind ein paar Gedanken zu diesem Thema zu ordnen.

Ein paar Leitplanken können bei der Entwicklung einer Antwort nicht schaden. Eine der Leitplanken dient der Ausrichtung, wohin die Suche geht. Sie geht dorthin, wo Bedürfnisse des Menschen erfüllt werden. Es mag ja wünschenswert sein, daß der Mensch sich selbst allein positiv definieren könnte – aber das geht kaum jemals. Es braucht im Normalfall auch die Form der Abgrenzung. „Wir hier in unserem Haus – die da in ihrem Haus“, oder „Hier wir Schüler aus der 8a, dort die Schüler aus der 8b“, oder „Hier wir Schüler der X-Schule, dort die Schüler der Y-Schule“. Wer das leugnet oder als schlecht darstellt, tut dem Menschen unrecht. Aus einer Gruppenbildung ergibt sich immer zweierlei: eine identitätsstiftende Wirkung nach innen – und damit unvermeidbar eine abgrenzende Wirkung nach außen. Der ethische Ansatz muß lauten, daß die Abgrenzung anderen gegenüber nicht mit negativen Auswirkungen einhergeht, die sich mit guter Nachbarschaft nicht vertragen würden.

Was also ist Heimat? Heimat ist dort, wo man sich zuständig fühlt und fühlen darf. Heimat ist, wo man zu anderen Menschen Grüß Gott sagt. Heimat ist, wo einem die anderen Menschen per se näher sind. Heimat ist dort, wo man andere akzeptiert, auch wenn man sie persönlich nicht sehr mag. Heimat ist, wo man sich kümmert.

Kein Mensch kann sich um jeden Flecken der Erde gleichermaßen intensiv kümmern. Aber um sein Stadtviertel, um seine Stadt, um die Umgebung dieser Stadt kann man sich kümmern, auch um den Staat, um das Land – wenngleich hier freilich mit zunehmender Ausdehnung die Intensität und die Vielfalt der Details zwangsläufig nachlassen müssen.

Das Wort vom Kümmern scheint es mir doch recht gut zu treffen. Heimat ist dort, wo ich ein natürliches Recht habe, mich zu Wort zu melden und meine Vorschläge, meine Kritik anzubringen, wo ich als Demokrat um Zustimmung anderer suchen kann. Das steht mir kaum in einem anderen Land zu, in dem ich nicht lebe und dem ich mich nicht verpflichte, aber in meinem Land, in dem ich entweder geboren und aufgewachsen bin, oder in das ich gegangen bin und mich ihm verpflichte, in dem darf ich das. Heimat ist, wo ich mich kümmern darf und soll.

Heimat ist dort, wo niemand ein Recht hat, mir den Zutritt, mir die Teilnahme zu verweigern. Heimat ist dort, wo man Verantwortung empfindet oder auch, selbst wenn man sie nicht empfindet, unweigerlich tragen muß. Heimat ist dort, wo ich mich auch Pflichten stelle. Heimat ist, wo ich mich kümmere.

André Freud

Advertisements