Erntedank. Und was ist mit der Saat?

#450

Erntedank © Freud
Erntedank
© Freud

In allen Kulturen der Erde gibt es ein Fest der Ernte. Meist ist es kein ursprünglich religiöses Fest, meist wurde es im Laufe der Zeit von der jeweiligen Religion adaptiert. In früheren Zeiten war auch bei uns die Sorge um das Gelingen der Ernte für alle Menschen von zentraler Bedeutung. Heute ist bei uns die Verbindung zwischen guter Ernte einerseits und persönlichem Wohlergehen andererseits sehr viel lockerer geworden. Eine gute Ernte wird wie selbstverständlich hingenommen, und bei einer schlechten Ernte wird bestenfalls noch über den hohen Kartoffelpreis geschimpft.

Es ist ein Symptom unserer Zeit, daß so vieles achselzuckend als gefälligst geschuldete Erfüllung einer Erwartungshaltung zur Kenntnis genommen wird, als hätten wir einen gottgegebenen Anspruch darauf. Haben wir aber nicht.

Die Ernte ist nicht nur ein Resultat des Säens. Für eine gute Ernte braucht es mehr. Man kann nicht einfach losgehen, Samen ausbringen und dann erwarten, daß der schon irgendwie aufgehen wird. Der Boden muß erst einmal da sein, er will bearbeitet werden, er will fruchtbar gemacht werden, er will gepflegt werden, er will geschützt werden, er will bewässert werden, er will auch mal eine Saison lang brach gelassen werden, es muß auf einen bestimmten Boden das Passende gesät werden, man braucht Wissen, wie man es richtig macht – vor der Ernte steht die Arbeit, eine vielfältige, langwierige, mühsame Arbeit.

Die Ernte fällt nicht vom Himmel. Das gilt insbesondere, aber eben nicht nur für Feldfrüchte – das gilt auch im übertragenen Sinne. Wenn man etwas will, dann muß man etwas tun. Das klingt dermaßen läppisch – aber ist es das auch? Es gibt in unserer Gesellschaft ein Lebensgefühl, einen Zeitgeist, der die Ernte von der Arbeit löst. Sind wir nicht alle mehr oder weniger nette Menschen, die es irgendwie verdient haben, daß es ihnen gut geht?

An dieser Stelle stößt man auf den Unterschied zwischen der Binnensicht und der abstrakten Sicht. In der Binnensicht gilt, daß die wohl allermeisten Menschen jedem anderen Menschen, den sie persönlich kennen, ein gutes Leben gönnen, und man jeden bedauert, der, aus welchen Gründen auch immer, Einschränkungen in seinem Leben erdulden muß. Eine solche Sicht ist menschlich einerseits lobenswert, andererseits ist sie nicht ausreichend. Im Gönnen und Wünschen offenbart sich eine menschlich anständige Gesinnung – wenn dies aber alles wäre, dann wäre es nicht genug. Es müssen die Menschen sich auch darum kümmern, daß jeder nach seiner Befähigung am Säen teilnimmt, damit die Ernte gelingt.

Da sind die Eltern, die sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern müssen, damit aus ihnen etwas wird. Da sind die Vereine, die Wissen und Fähigkeiten weitergeben und vermitteln, damit ein Teil unserer Kultur weitergegeben werden kann. Da sind die politischen Parteien, die durch Zusammenschluß, durch Diskussionen, durch Meinungsbildung das Kümmern um die res publica, um die öffentlichen Angelegenheiten, aufrechterhalten, die sich darum kümmern, daß die Bürger sehen und verstehen, wie Politik geht, und die ihnen die Möglichkeit geben, Teilhabe zu üben.

Es ist gewiß völlig in Ordnung, wenn Menschen einen Teil ihrer Zeit fürs banale Nichtstun nutzen, sich mit irgendwelchen Dingen befassen, die keinerlei Wirkung in die Gesellschaft hinein haben. Das ist, um es zu betonen, nicht nur in Ordnung – das ist schlichtweg notwendig und sollte einem jeden zustehen. Fraglich ist aber, ob in unserer Gesellschaft hinreichend viele Menschen etwas tun, was dieser Gesellschaft nützt. Mit Nutzen ist hier freilich nicht ein verengter Begriff gemeint – es nutzt nämlich dieser Gesellschaft alles, was ihre Kultur stärkt, was den Bürgersinn der Menschen stärkt, was soziale Bindungen kräftigt, was die Demokratie mit Leben füllt. Eben so, wie der Landwirt mehr tun muß als nur zu säen, um zu ernten, so muß auch der Bürger mehr tun, als nur da zu sein, um in einem blühenden Land zu leben.

André Freud

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