Franz-Josef Strauß

#448

Franz-Josef Strauß © Günter Rittner 1975
Franz-Josef Strauß
© Günter Rittner 1975

 

Welche Wucht wohnte in diesem Mann. Franz-Josef Strauß hätte, wohin ihn sein Lebensweg auch geführt hätte, für Aufmerksamkeit gesorgt – bei seinen Begabungen, bei seiner Intensität, bei einer Durchsetzungskraft. Aber natürlich wurde er Politiker. Nur in diesem, zwar heute öffentlich oft gering geachteten, aber in Wahrheit doch dem wichtigsten Beruf, den eine Demokratie kennt, konnte er werden, was er wurde.

Strauß polarisierte. Er polarisierte deswegen, weil er die Gabe hatte, jede politische Frage sogleich auf ihre ideologischen Wurzeln zurückzuführen und sie mit einem sicheren Kompaß einer Antwort zuzuführen. Ganz gleich, um welches Thema es ging – die Kriterien der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaats, des Friedens, der Westbindung, des geeinten Europas, der sozialen Marktwirtschaft, der Standhaftigkeit gegen Kommunismus und Sozialismus wurden von ihm unbeirrt verfochten.

Strauß war nicht nur in einer Hinsicht ein herausragender Politiker. Eine seiner Eigenschaften fällt, vergleicht man ihn mit der heutigen Zeit, besonders auf: Er betrieb Politik aufgrund von sachlichen Erwägungen, nicht aufgrund von gefühlten Befindlichkeiten, sondern aufgrund von Erkenntnissen. Nicht Kuschelpolitik war sein Metier, sondern nüchterne Entscheidungen. Da ist Politik noch eine Hohe Schule – während man, heute mehr als früher und links mehr als rechts, zwar vieles gut meint, aber gut gemeint ist eben immer noch das Gegenteil von Qualität.

Seine Begabung als Redner oder, in seinem Falle angemessen, als Rhetor, ist legendär. Noch heute sind seine Reden für jeden, der Freude am geschliffenen Wort haben kann, mit Genuß zu hören. Strauß vermochte so zu sprechen, daß es auf intellektuellem Niveau hinreißend war und ihn doch zugleich auch der einfache Arbeiter verstand.

Freilich hatte Strauß auch Schwächen, freilich beging auch er Fehler. Wie sollte er auch nicht? Als Mensch in seinem Widerspruch, wie er selbst sagte, war das anders gar nicht möglich. Oder, um es mit Ubertin von Casale (1259-1328) zu sagen: „Was soll ein armer Sünder schon anderes tun als zu sündigen?“. In unserer heutigen, emotional merkwürdig aufgeheizten Welt wird ein Politiker oft an irgendwelchen unpolitischen Maßstäben gemessen. Das aber ist irrelevant, jedenfalls dann, wenn man über den Tag hinaus denkt. Politiker sind an ihren politischen Leistungen zu messen, und da sollte jedem ersichtlich sein: Strauß ist nach Adenauer eine jener historischen Persönlichkeiten, die die Geschicke der jungen Bundesrepublik Deutschland entscheidend geprägt haben, und es ist wohl angemessen, ihn als denjenigen zu nennen, der die Entwicklung des armen, rein bäuerlichen Bayerns hin zum wohlhabendsten, modernsten deutschen Bundesland durch kluge, langfristige wirkende Entscheidungen einleitete.

Strauß ist eine jener Personen der Geschichte, die man nicht hinwegdenken kann, ohne zugleich auch vieles andere hinwegdenken zu müssen. Das Festhalten am Ziel der deutschen Einheit, beispielsweise, ist aufs Engste mit seinem Namen verbunden. Das Niederringen der „DDR“, ja: des ganzen Warschauer Paktes durch rein friedliche, politische Mittel geht zu einem guten Teil auf FJS und die von ihm vertretene Politik zurück.

Er war ein Ausnahmetalent, eine Ausnahmeerscheinung. Es ist für Bayern und für Deutschland gut, daß es diesen Mann gab. Und dann starb er, plötzlich, unvorhergesehen. „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden“, sagte Joseph Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., beim Pontifikalamt für Franz-Josef Strauß.

Heute gedenken wir seines Todes vor fünfundzwanzig Jahren.

André Freud

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