Klar wie Kloßbrühe

#444

Die NZ von heute
Die NZ von heute

Was ist denn das? Die NN, das weiß der zeitungslesende Nürnberger, liefert im Allgemeinen die Sicht der SPD, verpackt als Meldung. Die NZ aber steht im Ruf, ausgewogener zu berichten. In den Kommentaren der NZ wird mal die CSU für etwas gelobt, mal die SPD – so, wie es eine Redaktion eben sieht, und so ist das auch völlig in Ordnung. In der Berichterstattung, also dem nicht-kommentierenden Teil, findet der gemeine Leser in der NZ üblicherweise eine um Neutralität bemühte Darstellung. Freilich – wirkliche Neutralität gibt es auf Erden nicht, aber es kommt am Ende des Tages nicht so sehr darauf an, daß diese Neutralität erreicht wird, sondern darauf, daß man bei einer langfristigen, regelmäßigen Lektüre den Eindruck gewinnen kann: Jawohl, diese Zeitung ist insgesamt um Neutralität bemüht. Dafür ist die NZ im Allgemeinen zu schätzen.

Um so verwunderter las ich den heutigen Artikel „CSU will bis Reichselsdorf fahren“ auf Seite 10. Zum Sachstand: Die U-Bahn nach Eibach hat nun ein positives Gutachten bezüglich ihrer Wirtschaftlichkeit erhalten. Das Gutachten ist nicht überschäumend positiv, aber gut genug, um dafür Bundeszuschüsse zu erhalten. Thorsten Brehm (SPD) wird nun von der NZ mit dem Aufhänger zitiert, die U-Bahn bis nach Eibach verlängern zu wollen. Christine Seer (ebenfalls SPD) ist gegen den U-Bahn-Bau nach Eibach.

Erinnert man sich bei der NZ nicht daran, was der SPD-Fraktionschef Christian Vogel im November 2012 zur U-Bahn nach Eibach sagte? „Die nächsten 50 Jahre fährt hier keine U-Bahn“. Ich wollte diese Aussage Vogels mit einem Link auf das NN/NZ-Archiv belegen, allein: der Artikel ist dort nicht (mehr) vorhanden. So, so. Immerhin kann ich es noch mit einem Link auf diesen meinen Blog belegen. Was aber noch vorhanden ist, das ist der Bericht in Bild Nürnberg: Stadtrat Joachim Thiel und der Plan der U-Bahn nach Reichelsdorf. Für Facebook-Nutzer hier nachzuschlagen.

Sollte man bei der NZ nicht mehr wissen, wie das im vergangenen Herbst gelaufen ist? Die CSU hat das Thema aufgebracht. Wesentlichen Anteil daran hatte von Anfang an der Vorsitzende des Vorstadtvereins Eibach und Maiach, Michael Kraus. Derselbe ist im Hauptberuf Fraktionsgeschäftsführer der CSU im Nürnberger Rathaus. Das Vorhaben der U-Bahn nach Eibach ist also eine Idee aus der Führungsebene der CSU-Fraktion, von OB-Kandidat Fraktionschef Sebastian Brehm und Fraktionsgeschäftsführer Michael Kraus, und die SPD-Fraktionsspitze war absolut dagegen, wie man an Vogels Äußerung erkennen kann. Der scheidende SPD-Stadtrat Jürgen Fischer lehnt diese U-Bahn rundweg ab, mit einer besonders lustigen Begründung: „Eine U-Bahn nach Eibach mag wirtschaftlich sinnvoll sein, aber verkehrspolitisch lehnt die SPD sie ab“. Und dann meldet sich Vogel via Video zu Wort und verkündet dort, daß die SPD-Fraktion den verkehrspolitischen Zweck einer Eibacher U-Bahn bejaht: „Jawohl, wir sagen: Eine U-Bahn-Linie nach Eibach wäre eine sinnvolle Ergänzung für den öffentlichen Nahverkehr“. Das kann man sich hier im Original ansehen und anhören (das genannte Zitat von Sekunde 24 bis 31).

Damit schwenkte Vogel gegen die Meinung des verkehrspolitischen Sprechers (!) der SPD-Fraktion Jürgen Fischer ein und konterkarierte seine eigene Behauptung von wenigen Tagen zuvor, daß hier die nächsten 50 Jahre keine U-Bahn fahren würde.

Was bleibt? Zum einen, daß in der SPD manche offensichtlich gerne sprechen, bevor sie sich schlau gemacht haben – auch, was die Meinung der Fraktionskollegen, aber vor allem, was die Meinung der Bürger betrifft. Erst Nein, dann sowohl Nein als auch Ja, dann Ja, heute wieder Nein und Ja. Es wäre der NZ gut zu Gesichte gestanden, diesen Schlingerkurs der SPD zu benennen, der seit einem Jahr in dieser Frage anhält und noch zu keinem Ergebnis geführt hat. Die Rathaus-CSU ist da ganz geradlinig und vertritt die Meinung, daß die U-Bahn gebaut werden soll. Kloßbrühe hie, Klarsicht dort.

Warum die NZ das so nicht darstellt, warum im Untertitel steht „die ersten politischen Manöver mit Ziel 16. März 2014 werden durchgeführt“, ist nicht wirklich klar. Ein wahlkampftaktisches Manöver ist hier nicht auszumachen – nicht bei der CSU, und nicht einmal bei der SPD. Die CSU war lange vor jedem Wahlkampf klar in ihrer Aussage. Die SPD war vor einem Jahr unklar – und ist es bis heute. Das ist der simple Sachstand, aber den kann der Leser in der NZ so nicht finden.

Zugleich wird im Artikel – an sich untypisch für die NZ – mit der aus der NN gewohnten Häme gearbeitet. Dem Vorstadtvereinschef Michael Kraus traut man wohl keine eigenen Denkprozesse zu, wenn man schreibt, daß er die Haltungs seines Chefs Sebastian Brehm übernahm. Was sollen solche Herabwürdigungen? Kraus steht seit Beginn der Diskussion zur Eibacher U-Bahn. Schade, daß die NZ mit solchen Verzerrungen, mit dieser unappetitlichen Häme arbeitet – und schade, daß sie den Wirrwarr der SPD nicht klar als solchen darstellt. Aber mit den hier angegebenen Links kann man sich ja noch mal an die Recherche machen und den Sachverhalt richtig und hämefrei darstellen. Gutes Gelingen, @NZ!

André Freud

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