Im Gedenken: Marcel Reich-Ranicki

#437

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) ©dontworry/WikiCommons
Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)
©dontworry/WikiCommons

Heute verstarb Marcel Reich-Ranicki. Zum ersten Mal sah ich ihn in meiner Studentenzeit in Erlangen, als er in einer schon längst nicht mehr existierenden Buchhandlung eine Signierstunde gab. Schöne, gebundene Ausgaben hatte ich nicht dabei, sondern zwei schon ordentlich zerlesene, mit Spuren von Rauchen, Essen, Trinken, Baden versehene dtv-Taschenbücher: „Lauter Lobreden“ und „Lauter Verrisse“. Er knurrte mich an, ob ich nicht wisse, daß man Bücher gut behandeln solle. Pflichtschuldigst und demütig stimmte ich ihm zu, woraufhin er seufzte und mir in beide Bücher seine Unterschrift gab, mit kühnem Schwunge und enorm platzgreifend. Durch den knurrigen Raunzer, den ich mir eingefangen hatte, war mein Mut verflogen, ein Gespräch zu versuchen. So blieb es also bei diesen wenigen Worten, aber die Begegnung blieb mir doch unvergessen und gehört zu jenen Erinnerungen, über die ich mich stets freue, wenn sie mir zufällig wieder einfallen.

Heute fiel es mir nicht zufällig ein, sondern deswegen, weil MRR starb. Für viele Menschen ist er Vorbild. Vorbild darin, daß der Mensch ein Leben meistern kann, auch unter widrigsten Umständen, wenn man ihn denn nur am Leben läßt. Vorbild darin, daß der Geist mächtiger sein kann als das Schwert. Vorbild darin, daß tiefste Humanität keine Schwäche sein muß, sondern eine Stärke sein kann. Vorbild darin, daß ein Mensch Würde hat. Vorbild darin, daß der Mensch ein kultiviertes Wesen, ein zivilisiertes Wesen zu sein vermag. Marcel Reich-Ranicki ist gestorben, und ich bin traurig.

André Freud

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Ein Kommentar

  1. Bianca Siedenschnur sagt:

    Sehr schöne Worte. Danke für den Nachruf. Ich kann mir vorstellen, dass er zufrieden wäre, wie oben beschrieben in Erinnerung zu bleiben. MRR und sein mahnender Finger und nicht MRR als zerbrechlicher, alter Mann.

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