Ich geniere mich

#434

Es soll Menschen in Nürnberg geben, die kommen über die Grenzen der Stadt nicht hinaus. Traf ein solches Schicksal früher auf die Elite zu – im ausgehenden Mittelalter durften Nürnberger, die High-Tech-Berufe wie Uhrmacher innehatten, die Stadt nicht verlassen, um den Verlust von Technologie zu verhindern -, so trifft dies heute eher solche, die mit ihren besonderen Begabungen nicht mal in Fürth gefragt wären.

Das Wahlamt der Stadt Nürnberg hat sich beim Auszählen der Wahlen vom 15. September bis auf die Knochen blamiert. Erst wurden beim Versenden der Briefwahlunterlagen dermaßen schnell gearbeitet, daß viele Bürger ihre Briefwahlunterlagen nicht rechtzeitig erhielten. Trotzdem schloß das Wahlamt am Mittwoch um 1230, weil der Bürger ja gefälligst am Vormittag kommen kann, um das Versäumnis des Wahlamts in Ordnung zu bringen. Dann kam der Wahltag. Wir waren die langsamsten in ganz Bayern. Wir in Nürnberg! Es ist so peinlich. Als die örtliche Presse frug, ob man noch einen Aufruf nach zusätzlichen Wahlhelfern bringen solle, wehrte das Wahlamt ab: Man hätte alles im Griff. So, so!

Und nun kommt die Sahne auf dem Kuchen, auf die CSU-Fraktionschef Stadtrat Sebastian Brehm hinweist: „Als Krönung gibt nun heute das Wahlamt Interviews im BR zu Kandidaten die es ´über die Liste geschafft haben´, während noch keine offiziellen Listenergebnisse veröffentlicht wurden. Da sollte lieber erst die Arbeit getan werden um die Auszählung so schnell wie möglich fertigzustellen. Die Menschen haben ein Recht darauf, über alle Ergebnisse informiert zu werden, bevor für einzelne Kandidaten schon mal vorab Interviews zum Einzug in den Landtag gegeben werden“.

Bei der Bundestagswahl sind übrigens pro Wähler nur zwei Stimmzettel mit jeweils nur einem Kreuz zu zählen. Wenn unsere hurtige Truppe vom Wahlamt das bis Montagfrüh schafft, verkünden sie wahrscheinlich stolz, daß sie diesmal alles im Griff gehabt hätten.

Ich jedenfalls, @Wahlamt, geniere mich für Euch.

André Freud

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