Die Eisberg-Runde

#423

Ministerpräsident Horst Seehofer© Freud
Ministerpräsident Horst Seehofer
©Freud

Als Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren damit begann, in Radiosendungen seine Politik vom Kaminzimmer des Weißen Hauses aus zu erläutern und mit Journalisten zu besprechen, war das für über zehn Jahre ein Inbegriff des politisch hochwertigen Gesprächs. Auch deswegen haben sie es zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag geschafft („Kamingespräch„) – ja, man kann sie sich sogar alle im Internet anhören.

Es darf mit Fug bezweifelt werden, daß die Interviews, die von den Nürnberger Nachrichten zur Landtagswahl geführt werden, es zu gleicher Anerkennung bringen werden. Freilich ist es heute in einer Zeit, in der man sich vor Interviews kaum noch retten kann, gewiß schwerer, damit noch aufzufallen. Aber es ist möglich, und zwar im Guten wie im Schlechten.

Das Interview ist bebildert – mit einer großen Aufnahme. Man tut sich zwar schwer, den darauf in einer Ecke und reichlich schräg abgebildeten Herrn als Horst Seehofer zu identifizieren, aber was soll’s – über drei Viertel des Bildes zeigen ein Bild an der Wand des Konferenzzimmers der NN-Redaktion, auf dem wiederum ein Eisberg gezeigt wird, was die NN uns auch textlich mitzuteilen sich befleißigt.

Aha. Was will man dem Leser damit sagen? Horst Seehofer möchte ein Eisberg sein? Oder soll das Klima des Gesprächs illustriert werden? Oder soll die – Achtung! Versteckte Botschaft! – Binse verbreitet werden, daß 80 % des Volumens eines Eisbergs unter der Oberfläche bla bla bla…? Man weiß es nicht. Aber man bekommt Hinweise.

So erfahren wir, daß Ministerpräsident Horst Seehofer zwei Stunden lang bei der NN zu Gast war. Für das Interview selbst dürften so um die fünfzehn Minuten ausreichend gewesen sein; mehr Text ist jedenfalls nicht abgedruckt. Erstaunlich, daß seitens der NN vier (vier!) Journalisten als Interviewer angegeben werden.

Braucht man vier Journalisten, um zu versuchen, in jede, aber auch in wirklich jede Frage eine gewisse Miesepetrigkeit einzubauen? Aber es hat nicht gefruchtet. Nicht nur, daß Horst Seehofer sich offensichtlich die Laune nicht hat verderben lassen und die Spitzen – ganz der Landesvater – überhört hat, hat er doch dennoch sachliche, vernünftige Antworten gegeben. Die Fragen hingegen sind in merkwürdigem Deutsch verfaßt (besonders die dritte), und es werden Themen überleitend miteinander verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben. Es wurde auch im Stile „Wann hörten Sie auf, Ihre Frau zu schlagen?“ gefragt, und als es nicht verfing, kam die vierköpfige Truppe der Interview-Brigade mit dem journalistisch enorm einfallsreichen Sätzchen daher: „Aber Sie könnten gegenüber anderen so etwas gesagt haben…“. Na, wenn das nicht knorke ist! Das ist mal eine substantiierte Frage. Erst einmal ein Konjunktiv (Realis? Irrealis? Optativ? Potativ?), und dann so schön exakt („so etwas). Das macht einen schon erschauern angesichts der ungeheuren Leistung der NN-Brigade.

Was bleibt? Die Erkenntnis, daß bei einem zweistündigen (!) Besuch des Ministerpräsidenten bei den NN am Ende aufgrund der komischen Fragen nicht viel des Druckens wertes herauskommt. Kein Thema wurde vertieft, dafür wurde alle Themen, die von der Opposition gerne angesprochen werden, angesprochen. Wir armen Leser durften erfahren, daß im Konferenzzimmer ein Bild von einem Eisberg hängt und bekamen ein Rätselspiel vorgelegt, wer denn der Herr in der linken Ecke des Bildes sein mag. Vor allem aber bleibt die Erkenntnis, daß man mancherorts vier Journalisten braucht, um nicht vorbereitet zu sein. Schon die Eingangsfrage „Wo bleiben Zukunftskonzepte?“ zeigt, daß man sich entweder nicht vorbereitet hat – sonst würde man den Bayernplan kennen und hätte darauf Bezug nehmen können – oder daß man gar nicht zur Sache sprechen wollte, sondern darauf aus war, den Ministerpräsidenten zu einer Antwort zu verleiten, aus dem man eine Meldung hätte machen können.

Ach, Ihr von den Nürnberger Nachrichten schafft es wirklich immer wieder, mich zu enttäuschen. Das ist doch eigentlich schade.

André Freud

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Ein Kommentar

  1. Beate Besten sagt:

    Aber die NN dürfte einen doch nur dann noch enttäuschen, wenn sie substanzieller und objektiver berichten würde. Dann müsste man sich allen Ernstes fragen, was da denn auf einmal passiert sein könnte.
    Nein, sie ist sich und ihrer CSU-negativen Berichterstattung treu geblieben, und das ist doch etwas Verlässliches, oder nicht?

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