Ach, meine Sozis

#424

Natascha Kohnen MdL Generalsekretärin der BayernSPD ©Freud
Natascha Kohnen MdL
Generalsekretärin der BayernSPD
©Freud

 

Die Politik ist ein komisch Ding. Jeder, der sich politisch engagiert, wird mir wohl zustimmen können: Es ist nur natürlich, wenn man in der eigenen Partei viele politisch Ernstzunehmende kennt und in den anderen Parteien eher wenige. Das ist völlig normal und richtig so, wenn wie Karl Marx, ausnahmsweise nicht irrend, bereits feststelle: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Wenn ich als CSUler einen anderen CSUler kennenlerne, bin ich grundsätzlich positiv aufgeschlossen – aber wenn ich einen SPDler kennenlernen, dann bin ich auf vieles gefaßt, und das meiste sehe ich natürlich negativ. Das wird sich umgekehrt ebenso verhalten, und dagegen ist gar nichts einzuwenden. Dafür ist die Demokratie schließlich da.

Nun hatte ich heute das Vergnügen, Natascha Kohnen in relativ kleiner Runde zu erleben. Vorweg sei gesagt: sie lag eigentlich immer falsch, bei allem, was sie sagte. Gut, dafür ist sie ja in der SPD, sagt meine schwarze Seele. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, richtig oder falsch zu liegen. Man kann aus den falschen Gründen richtig liegen und aus falschen Gründen falsch. Als Generalsekretärin hat Kohnen eine Aufgabe, die ausgesprochen schwierig ist. Sie hat eine Lautsprecherfunktion für eine Partei, die in Bayern etwa einen von sechs Wählern für sich gewinnen wird. Das ist nun nicht gerade eine Massenpartei, aber man muß sich ja, will man ernstgenommen werden, so benehmen, als ob. Sie muß ferner das Wahlkampfmantra ihrer Partei verkünden – auch dann, wenn es erkennbar widersinnig ist. Sie muß für den SPD-Kandidaten trommeln, auch wenn jeder weiß, daß in Bayern vieles passieren, aber der SPD-Kandidat nicht Ministerpräsident werden wird.

Aber Moment – da fällt etwas auf. Kohnen machte anderthalb Stunden vehement Wahlkampf für die SPD. Das ist in Ordnung. Aber wie oft erwähnte sie den Namen von Ude, Christian, Beinaheministerpräsident zur Anstellung? Überlegen Sie, werter Leser, wie oft kann eine Generalsekretärin den Namen des Spitzenkandidaten in anderthalb Stunden fallen lassen? Ich bin sicher, Sie kommen nicht aufs Ergebnis. Ich habe mitgezählt, und es wird Sie überraschen. Doch dazu später.

Bevor über ihre bemerkenswerte Kandidaten-Nennungs-Orgie gesagt wird, was zu sagen ist, bleibt festzuhalten: Kohnen ist intelligent, war gut vorbereitet, ist eloquent – und das als Naturwissenschaftlerin, wer hätte es gedacht – und offensichtlich nicht inkompetent. Stur und eigensinnig ist sie (die Generalsekretärin, über den Menschen vermag ich nichts zu sagen), ignoriert Einwände, wiederholt wieder und wieder ihre Botschaft. So schürt sie erst die Angst der Menschen, es könne ihnen gehen wie Mollath, um dann zu beklagen, daß die Menschen eben jene Angst haben, die sie (mit-) geschaffen hat. Parbleu, das ist mal ein feiner Zirkelschluß. Aber das ist eben jene Panzerhaubitzenmethode, die man von Generalsekretären erwartet. Ich konnte mich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, daß Kohnen sich sehr wohl der Schwächen und Widersprüche ihrer Argumentationen bewußt war. Es muß schwer sein für einen politisch begabten Menschen, in solchen Momenten wider besseres Wissen den Generalsekretärsturbo einzuschalten und einfach weiter auszuteilen, als ob nichts gewesen wäre. Soweit: gut gemacht, Frau Kohnen, Job ordentlich erledigt.

Aber eines stimmt mich merkwürdig. Sie haben den Namen des Spitzenkandidaten der SPD, Christian Ude, exakt null mal erwähnt. Ich habe eine Strichliste geführt, und die war nach neunzig Minuten so leer wie zu Beginn. Das ist doch bemerkenswert. Nun ist auch der stumfpsinnigste Sozi sicher nicht der Meinung, daß Ude sich in Franken solcher Beliebtheitswerte erfreut, daß man auf Werbung für ihn verzichten können, und Sie sind gewiß alles andere als stumpfsinnig. Warum also fällt der Name nicht?

Die Antwort ist ebenso erhellend wie – für die SPD – beschämend. Ihr wißt nämlich seit langer, langer Zeit, daß Ihr mit dem Ude den wohl ungeeignetsten Kandidaten ins Rennen geschickt habt, der aufzutreiben war. Er ist außerhalb Münchens dermaßen unbeliebt, daß nicht einmal die Generalsekretärin seinen Namen nennt. Und die hiesigen SPD-Wahlkämpfer drehen die Dreiecksständer so, daß Ude immer auf der Seite abgebildet ist, die niemand sieht. Mehr als ein wichtiger SPD-Mandatsträger räumt hinter verschlossenen Türen ein, daß dieser Wahlkampf 2013 viele Bücher füllen wird, die den Titel tragen: „Wie man es nicht machen soll“.

Die BayernSPD hat den Wahlkampf längst abgehakt. Bekannte SPDler wie der Nürnberger Oberbürgermeister Maly haben ihre Zustimmung zurückgezogen, für Ude in den Wahlkampf zu ziehen. Sie wollen nicht mit Verlierern abgebildet und in Verbindung gebracht werden. Gleiches könnte Kohnens Motiv gewesen sein, den Zuhörern der Podiumsdiskussion den Namen Ude zu verheimlichen: Sie denkt nicht mehr an den 15. September, sie denkt an den 16. September. An den Tag, an dem Ude den Rücktritt von seinen Ämtern verkünden wird. Das ist der Tag, an dem Natasha Kohnen sich bereitmachen wird, aufzusteigen. Christian Ude aber ist Vergangenheit. Heute schon.

André Freud

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