Die Sache mit dem Kreuz

#419

Caspar David Friedrich: Kreuz an der Ostsee
Caspar David Friedrich: Kreuz an der Ostsee

Die CSU ist die einzige Partei in Bayern, die daran festhält, daß in den Klassenzimmern Kreuze hängen sollen. Zum einen sollte man festhalten, daß es um Kreuze und nicht um Kruzifixe geht. Was ein Kreuz ist, dürfte klar sein. Ein Kruzifix zeigt den gekreuzigten Christus; das dürfte in Klassenzimmern meines Wissens nach die Ausnahme sein. Aber Kruzifix klingt peppiger, weswegen wohl dieses Wort in den Medien bevorzugt wird.

Ist das Kreuz an der Wand des Klassenzimmers ein Symbol oder ein Mittel, um die Kinder christlich zu erziehen? Ist das Kreuz wie ein Ausrufezeichen, das da sagt: „Christen gut, andere böse!“? Ist es Kindern, die anderen Religionen angehören, unzumutbar, unter dem Zeichen des Kreuzes in die Schule zu gehen?

Nein, das ist es nicht. Der entscheidende Grund, warum diesem Kreuz nichts ernstlich kritikwürdiges innewohnt, ist folgender: Es steht nicht für eine konkrete Kirche, es steht nicht als Forderung, einer bestimmten Religion zu folgen. Wäre dem so, dann wäre das Kreuz kritisch zu sehen. Es steht aber für etwas anderes. Es steht für die Werte des christlichen Abendlands, es steht dafür, daß es im menschlichen Leben eine Orientierung gibt, die über das Gesetz hinaus geht. Das ist in Bayern, wer wollte das leugnen, schon historisch das Christentum.

Man kann sehr wohl, wie der Verfasser dieser Zeilen, einer anderen der drei monotheistischen, abrahamitischen Religionen angehören, ohne mit diesem Kreuz irgend ein Problem zu haben, ja: man kann es gewiß auch befürworten. Ich habe in meiner Schulzeit niemals erlebt, daß ein nicht-christlicher Schüler deswegen irgend einen Nachteil erlitten hat. Ich habe niemals irgend einen Druck wahrnehmen können, daß man gefälligst Christ zu sein habe, um anerkannt zu werden, um dazuzugehören.

Das Kreuz im Klassenzimmer steht als Symbol für etwas, was jeder Mensch respektieren kann – oder besser: jeder, der tolerant genug ist, seine eigene Religion nicht anderen aufzwingen zu wollen.

Es gibt Parallelen zum „C“ im Namen der CSU. Im Grundsatzprogramm der CSU heißt es: „Das christlich-jüdische Erbe Europas und die christlichen Leitlinien von Personalität, Subsidiarität und Solidarität sind und bleiben die Wegweiser der CSU für die Zukunft Europas“. Da heißt es nicht, daß alle einer Religion anzugehören haben; da heißt es auch nicht, daß die anderen Religion abzulehnen wären – es heißt lediglich – aber eben auch nicht weniger als das -, daß die Werte, die unserem Staat zugrunde liegen, die der Gesetzgebung zugrunde liegen, die Leitbild für Entscheidungen wie für die Gesetzgebung sind, dem christlich-jüdischen Erbe Europas entstammen, daß sie den christlichen Leitlinien entstammen.

Diese Wurzeln sind für alle, die guten Willens sind, annehmbar. Sie verlangen von niemandem die Annahme einer religiösen Überzeugung, aber sie rufen dazu auf, politische Entscheidungen nicht im luftleeren Raum zu treffen. Wohin es führen kann, wenn Staaten solche Werte ignorieren, sieht man in jedem sozialistischen Staat. Vor allem aber hat man es in der grauenvollen Diktatur des Nationalsozialismus erlebt. Papst Benedikt XVI, hierzulande auch noch unter seinem bürgerlichen Namen Josef Ratzinger bekannt, hat zurecht betont, daß der Nationalsozialismus auch als Verkörperung eines atheistischen Nihilismus zu sehen ist. Nicht von ungefähr lautet die Präambel der bayerischen Verfassung seit 1946:

„Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges geführt hat, in dem festen Entschlusse, den kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechts dauernd zu sichern, gibt sich das bayerische Volk, eingedenk seiner mehr als tausendjährigen Geschichte, nachstehende demokratische Verfassung.“

Einen solchen Gottesbezug in der Verfassung, aber auch in Klassenzimmern, kann man, ja: soll man begrüßen. Das „C“ in CSU, das Kreuz in Klassenzimmern stehen auch für Gewissen und die Achtung vor der Würde des Menschen. Weder das „C“ noch das Kreuz sollen freies Denken einengen, noch sollen Vernunft oder Kritik eingedämmt werden. Es bekundet, daß ein Staat mehr ist als eine Ansammlung von Menschen. Es bekundet, daß bei allem, was ein Staat tut, nicht allein materialistische Sacherwägungen maßgeblich sein dürfen. Es gefällt mir, daß dieser Anspruch der bayerischen Verfassung vorangestellt ist.

André Freud

Advertisements