Brückner vs. Tasdelen: Brückner überzeugt, Tasdelen schwächelt

#412

Die beiden chancenreichsten Landtagskandidaten für den Stimmbezirk Nürnberg-Nord: Michael Brückner (CSU) und Arif Tasdelen (SPD)
Die beiden chancenreichsten Landtagskandidaten für den Stimmbezirk Nürnberg-Nord: Michael Brückner (CSU) und Arif Tasdelen (SPD)

 

Die NN lud zum Streitgespräch, zur Podiumsdiskussion, zum Rededuell. Man mag es nennen, wie man mag. Das Format ist klar: Beide Kandidaten stellen sich kurz vor, dann stellen die beiden Vertreter der NN Fragen – und zwar beiden Kandidaten, die dann antworten. Nach etwa einer Stunde kommen das Publikum mit seinen Fragen an die Reihe. So weit, so gut.

Die NN ist dafür zu loben, daß sie eine solche Veranstaltung macht. Sie hat durch den zahlreichen Besuch die Annahme widerlegt, daß die Menschen kein Interesse an Politik hätten. Freilich: von beiden Parteien waren größere Gruppen anwesend; von der CSU meiner Wahrnehmung nach deutlich mehr als von der SPD. Aber es waren auch zahlreichen Menschen anwesend, die wohl weder dem einen noch dem anderen politischen Lager zugerechnet werden können, und das ist besonders erfreulich. Das hat die NN auf die Beine gestellt, und dafür gebührt ihr Lob. Etwas weniger Lob allerdings gibt es für zwei Umstände. Erstens waren die Fragen etwas arg kommunalpolitisch. Diesen Einwand wies der stellvertretende Chefredakteur Michael Husarek mit der Begründung zurück, daß schließlich beide Kandidaten für den Nürnberger Norden anträten und deswegen spezifische Themen im Vordergrund stünden. Ich halte dieses Argument nicht für einschlägig, denn der Bayerische Landtag ist ja nicht eine Art höherer Stadtrat, sondern hat ganz andere Themen und Kompetenzen als der Stadtrat. Aber ich akzeptiere, daß man hier abzuwägen hatte zwischen Themen, die die Menschen vor Ort beschäftigen und Themen, die zwar die Arbeit der Landtagsabgeordneten bestimmen, aber für einen Stimmkreis eben nicht von ganz spezieller Bedeutung sind.

Ein anderer Punkt störte mich weitaus mehr. Sämtliche Frage mußten zuerst von Michael Brückner beantwortet werden, dann durfte Arif Tasdelen die Gegenrede halten. Wer jemals an einer solchen Diskussion teilnahm, der weiß, daß derjenige, der als zweiter spricht, es ungleich besser hat. Zum einen weiß er schon, was der andere gesagt hat, und kann seine Argumentation dagegen ausrichten. Derjenige, der zuerst antworten muß, hat es da ungleich schwerer. Als das (von mir) moniert wurde, gab mir Husarek insofern Recht, als er ab da die Publikumsfragen in abwechselnder Reihenfolge beantworten ließ, aber ein solcher Verstoß gegen Fairplay wäre in der Tat leicht vermeidbar gewesen.

Welchen Eindruck hat der Zuschauer gewonnen? Mir ist bewußt, daß ich in der Gefahr bin, das durch die CSU-Brille zu bewerten, weswegen ich mich besonders bemühe, diese Brille abzulegen und auf neutral zu stellen, so gut ich das eben kann.

Beide Kandidaten sind sehr unterschiedliche Menschen. Michael Brückner ist ein Gartenbaumeister mit einem mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieb im Knoblauchsland; Arif Tasdelen ist ein in Anatolien geborenes Kind eines „Gastarbeiters“, wie er sagte, und heute freigestellter Betriebsrat beim Zoll. Beide sind verheiratet; Tasdelen hat ein Kind, Brückner drei. Auch Brückner hat in seiner unmittelbaren Familie Erfahrungen mit Migrationshintergrund, und zwar über seine Frau. Es wurde schnell klar, daß beide in einer Hinsicht ganz verschiedenen Milieus entstammen: Tasdelen stellte sich als Großstadtmensch dar, Brückner als Knoblauchsländer Bauer (natürlich jeweils mit Bezügen zur anderen Seite). Beide sind heute im Stadtrat vertreten, haben aber dort kaum Berührungspunkte, weil sie durchweg in verschiedenen Ausschüssen sitzen.

Bei der inhaltlichen Debatte schenkten sie sich bei aller beibehaltenen Freundlichkeit im Umgang miteinander nichts. Und jetzt kommen auch die entscheidenden Punkte. Dies hier ist kein Protokoll; das wird die NN gewiß liefern. Dies hier ist eine Bewertung. Und die fällt folgendermaßen aus:

Tasdelen spulte absatzweise Texte ab, die nach Parteiprogramm klangen, wurde aber schnell unsicher, wenn es konkret werden sollte. Beim Thema Flughafen und Nordanbindung war seine Meinung die, daß der Flughafen durch die U-Bahn bestens an den ÖPNV angebunden war, und damit sei alles gut. Erst durch eine spätere Nachfrage aus dem Publikum wurde der Finger in die schwache Antwort gelegt: Was bringt es denn, wenn der Flughafen zwar von Nürnberg aus, aber eben auch nur von Nürnberg aus gut angeschlossen ist? Was ist mit den Erlangern, Herzogenaurachern, denen aus der Fränkischen Schweiz, aus Schwabach, aus der Oberpfalz, mit den Würzburgern, den anderen Unter- und den Oberfranken? Zu denen fährt die Nürnberger U-Bahn nicht. Tasdelen hat hier meiner Wahrnehmung nach klar gezeigt, daß er zwar das Nein weiter Teile der SPD nachspricht, aber sich keine soliden Gedanken um den Aspekt gemacht hat, daß der Nürnberger Flughafen nicht nur die 500.000 Nürnberger anbindet, sondern ganz Nordbayern und noch darüber hinaus. Die Antwort war also ein Flop.

Bei einem weiteren Punkt hat Tasdelen sich zwei schwere Schnitzer geleistet, und zwar beim Mindestlohn. Die Sozialdemokraten tun ja gerne so, als seien sie dafür, daß Menschen von ihrer Arbeit anständig leben können, aber wir Christsozialen seien dagegen. Das ist freilich Quark in Dosen. Natürlich sind wir eindeutig der Meinung, daß Menschen von ihrer Arbeit ordentlich leben können müssen. Wir aber sehen den Weg dorthin im Rahmen der Tarifautonomie. Das müssen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände miteinander ausmachen (und dort, wo sie es heute noch nicht getan haben, kann es Aufgabe des Staates sein, sie auf dem Weg zu einer solchen tariflichen Einigung anzustupsen). Es kann nicht sein, daß der Staat den Preis für Arbeit festlegt. Dabei handelt es sich um einen zutiefst sozialistischen Ansatz. Tasdelen erklärte zwar, warum er für den Mindestlohn ist – geschenkt, das sind wir alle -, aber er erklärte mit keinem Wort, warum er dafür sei, das nicht die Tarifpartner aushandeln zu lassen, sondern warum es gesetzlich durch den Staat geregelt werden müsse. Als hier nachgefragt wurde – der Verfasser dieser Zeilen hatte die Freude, dies zu tun -, geriet Tasdelen ins Schwimmen, was er auch zugab, und antwortete dann wieder um die Frage herum. Wieder wurde nicht gesagt, warum der Staat die Tarifautonomie aufbrechen sollte. Sein stärkstes „Argument“ war noch, daß schließlich auch die Gewerkschaften für den gesetzlichen Mindestlohn seien. Na und?

Der zweite Lapsus, der Tasdelen unterlief, bezog sich auf die Unternehmen, die Löhne bezahlen, die weit unter einem vorstellbaren Mindestlohn liegen. Er nannte mehrfach als Beispiel Friseusen. Ja, ja, ich weiß, man soll heute Friseurinnen sagen, aber ich bin in mancher Hinsicht ein furchtbar altmodischer Kerl. Es ist wahr, daß gerade im Friseurhandwerk ziemlich oft sehr niedrige Löhne bezahlt werden – sprechen wir es offen aus: unanständig niedrige Löhne. Auf die Nachfrage, warum der Mindestlohn unbedingt gesetzlich sein müsse, versuchte Tasdelen dies damit zu begründen, daß es ja vor allem Großunternehmen seien, die solch niedrige Löhne bezahlen. Die kleinen Unternehmer erwähnte er im Gegensatz dazu lobend und erklärte, die würden sich ordentlich engagieren. Hier wurde nicht nur der alte sozialistische Reflex erkennbar, daß Kapital böse, wenn groß sei. Man muß sich doch fragen, ob Tasdelen der Meinung ist, daß die Friseurbetriebe in Deutschland „Großunternehmen“ seien. Er kann nicht einerseits sagen, daß die Großunternehmen die bösen seien und andererseits das – richtige – Beispiel von Friseusen anbringen, die unanständig schlecht bezahlt werden. Da steckt der Wurm drin, und an solchen Stellen merkt man, wie dünn das Eis manchmal ist. Auf der einen Seite wird massiv der Mindestlohn per Gesetz gefordert, auf der anderen Seite verheddert er sich schnell, wenn er das begründen soll. Bei einer solch zentralen Forderung sollte man als politisch Interessierter von einem Landtagskandidaten doch mehr inhaltliche Substanz erwarten dürfen.

Michael Brückner machte mit seiner unverstellten Art auch auf anwesende SPDler durchaus Eindruck. Mir gefiel besonders, wie es ihn gar nicht störte, bodenständig und vernünftig zu bleiben, wenn es auch gegen den Zeitgeist ging. Als Knoblauchsländer Bauer hat er nichts gegen Bio-Bauern, aber er wehrt sich dagegen, daß die „normalen“ landwirtschaftlichen Produkte von manchen gerne schlecht geredet werden. Er betont aber auch: Nahrungsmittel, und zwar ganz besonders auch gesunde Nahrungsmittel, müssen für die Menschen bezahlbar bleiben. Das darf man nicht aus dem Blick verlieren.

Auch bei der Nordanbindung sprach Brückner Klartext – und zwar sehr vernünftigen. Er sieht die Nordanbindung des Flughafens nicht als isoliertes Verkehrsprojekt, sondern als Bestandteil eines Gesamtkonzepts zur Entwicklung des Nürnberger Nordens. Hier ist ein Flächennutzungsplan längst beschlossen, den es nun umzusetzen gilt: mit neuen Wohnungen – auch mit gut bezahlbarem Wohnraum -, mit einem längst ausgewiesenen Gewerbegebiet, und mit einem Flughafen, der für Nürnbergs Wirtschaft gute Dienste leistet.

Arif Tasdelen ist gegen die Nordanbindung. Aber nicht nur das – er ist, wie er ausdrücklich sagte, gegen jeden (sic!) Ausbau der Verkehrsanbindung des Flughafens. Er habe nämlich Sorge, daß dann die Gigaliner von der Autobahn zum Flughafen fahren. Das kommentiere ich jetzt nicht. Tasdelen sprach sich dafür aus, daß der Freistaat Bayern neben den Flughafen ein Kongreßzentrum bauen solle, das würde helfen. Nun, vielleicht prüfen wir auch hier kurz die Fakten. Freilich ist Luftfracht etwas Wichtiges. Aber das sind dann eher kleinere Waren und Güter, die per Luftfracht transportiert werden – nicht unbedingt riesige Güter, für die man einen Gigaliner nehmen könnte. Das greift also nicht. Aber vor allem: Wenn die Nordanbindung steht, also eine direkte Verbindung vom Flughafen an die zwei Kilometer nördlich vorbei führende Autobahn, dann könnten die Gigaliner dort sogar fahren, ohne irgendjemanden zu stören. Aber dazu wird es, wie gesagt, nicht kommen – denn Gigaliner und Luftfracht schließen einander quasi aus. Und was das Kongreßzentrum angeht: Das wird die NürnbergMesse bauen, nicht der Freistaat Bayern. Da ist noch einiges an Unordnung in den Gedankengängen.

Bei einem weiteren Punkt sagte Tasdelen etwas, was so einfach nicht stehen gelassen werden kann: Bildung. Laut Tasdelen würden 70 % der Bildung zuhause gemacht werden und 30 % in der Schule. Keine Ahnung hatte der Zuhörer, worauf Tasdelen sich bezog. Der ganze Zusammenhang dieser Zahlen blieb völlig unklar. Auch sagte Tasdelen nicht, woher er diese Gummizahl habe, wer sie erstellt hatte – es wirkte etwas arg nach einer gemütlichen Kneipenplauderei, bei der einer mal eben flott eine Zahl ins Gespräch einbringt, in der Hoffnung, daß die anderen daraufhin ehrfurchtsvoll schweigen.

Durch die Regie der NN war es nicht möglich, daß Michael Brückner auf diese Fehlleistungen von Arif Tasdelen entsprechend antworten konnte. Aber ich bin ja auch noch da.

Eines übrigens fiel auf: Arif Tasdelen macht einen engagierten Wahlkampf insbesondere auch innerhalb der türkischen Community. Das ist völlig in Ordnung, dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Im Oktober vergangenen Jahres fand ein ähnliches Vorstellungsduell innerhalb der SPD statt um die Frage, wer für den Landtag kandidieren soll: Arif Tasdelen oder Michael Ziegler. Bei jenem Duell im vergangenen Oktober war etwa ein Drittel der Anwesenden aus der türkischen Community. Am Dienstagabend im Tucherhof sah man davon so gut wie niemanden. Ich weiß nicht recht, ob und wie das zu bewerten ist, aber der Umstand fiel durchaus auf.

Summa summarum war die Vorstellung von Tasdelen in der Sprache weitaus glatter. Bei manchen Passagen hatte ich – und nicht nur ich – den Eindruck, hier würde ein fertiger Text abgespult. Sobald es aber ins Detail ging oder ans Grundsätzliche, da überzeugte Tasdelen nicht. Brückner war deutlich solider – er sprach über Dinge, über die er erkennbar auch wirklich etwas wußte. An einer Stelle aber bekannte Brückner offen, mit einem Detail Münchner (nicht bayerischer) Politik nicht vertraut zu sein und sich erst kundig machen zu wollen, bevor er sich dazu äußern wird. Das nötigt mir Respekt ab, und die Zuschauer, mit denen ich sprach, sahen es ebenso. Brückner präsentierte sich als ernsthafter politischer Arbeiter mit solidem Hintergrund, der sich für die Belange des Nürnberger Nordens im Maximilianeum energisch und seriös einsetzen wird.

André Freud

(Bild & Text)

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