spiegel.de heuchelt mal wieder, und Künast sowieso

#411

Das linke Sturmgeschütz
Das linke Sturmgeschütz

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht die Gedenkstätte des Konzentrationslager Dachau. Nie zuvor hat ein amtierender Bundeskanzler diesen Besuch gemacht. Aber spiegel.de fällt nichts besseres ein, als einen Kommentar dazu unter die Überschrift „Streit über Merkels KZ-Besuch: Zur falschen Zeit am richtigen Ort“ zu stellen.

Zunächst und vorab: Der Kommentar selbst ist durchaus weitgehend sachlich – und lobt Angela Merkel dafür, den Besuch zu machen. Die Überschrift wurde vielleicht von der Redaktion über den Kommentar gesetzt, um reißerisch zu wirken und die Kanzlerin in ein schlechtes Licht zu stellen.

Es ist absurd, von der Kanzlerin – oder jedem anderen Menschen – zu verlangen, daß man auch vor oder nach einem Besuch der Gedenkstätte gefälligst ein kummervolles Gesicht aufzusetzen hat und nur „schwere“ Termin ausmachen darf. Hier wird wieder die Harfe des Bestmenschentums gespielt, besonders von Renate Künast, die sich ganz schwer ereifert.

Ich erlaube mir hier mal etwas Persönliches. Zwei meiner Großeltern, ein Großvater und eine Großmutter, waren in den letzten Kriegstagen, einen Todesmarsch von Osten überlebend, im KZ Dachau, wo sie von den Amerikanern befreit wurden. Mir selbst ist die Gedenkstätte des KZ Dachau etwas zu glatt, zu proper, zu hübsch geraten. Beim letzten Besuch dort, es war wohl 2009 oder 2010, bin ich mit der Liebsten und einer Bekannten nach der Besichtigung, weil wir Hunger hatten, in einen Gasthof unweit der Gedenkstätten gegangen. Wir haben gut gegessen und getrunken. Da frug plötzlich die Bekannte, ob es nicht unpassend sei, daß wir es uns so gut gehen ließen, wo doch keine zwei Kilometer von hier… Ach Unsinn, wehrte ich ab. Wenn Oma und Opa uns hier sehen würden, dann würden sie sich freuen, daß wir ein gutes Leben haben und uns guten Appetit wünschen.

Respekt und Erinnern ist das eine. Daß wir hier keine Monstranz der an den Tag gelegten Pseudobetroffenheit aufbauen, ist etwas anderes. Wirkliches Erinnern benötigt keine zur Schau gestellte Trauermiene, die man dann den ganzen Tag zeigen muß. Wer das fordert, ist nach meinen Begriffen nahe an der Heuchelei.

André Freud

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