Die zweite Reihe

#407

Normalzustand: Zwei Mobiltelefone, und beide wollen etwas. Drum herum eine große Veranstaltung. Zig Termine vorher, und danach geht es exakt so weiter.
Normalzustand: Zwei Mobiltelefone, und beide wollen etwas. Drum herum eine große Veranstaltung. Zig Termine vorher, und danach geht es exakt so weiter.

 

In den Zeitungen, im Fernsehen, in den Blogs im Internet – auch in diesem hier – stehen stets diejenigen Politiker im Zentrum der Berichterstattung, die im jeweiligen Referenzrahmen die erste Geige spielen.

Kommen bei einem Ereignis beispielsweise ein Staatsminister und ein MdB zusammen, dann rücken die vielleicht ebenfalls anwesenden Stadträte in den Hintergrund – sowohl auf den Bildern als auch im Text. Kommen anderswo einige Stadträte zusammen, liegt die Beobachtung und die Berichterstattung vor allem auf dem Fraktionsvorsitzenden und OB-Kandidaten.

Das ist so, und das ist auch ganz richtig so. Der Berichterstatter orientiert sich an dem, der das hochrangige politische Mandat hat, der – wenn man so will – die meiste Macht hat, der den größten Bekanntheitsgrad hat, der einem Ereignis durch seine Rede die inhaltliche Prägung gibt. Es wäre auch reichlich unsinnig, etwa bei einem Bezirksparteitag die Kommentare eines ansonsten funktionslosen Delegierten als Dreh- und Angelpunkt eines Berichts zu nehmen. Das gehört gewiß dazu, aber bei Platznot kann man es auch einmal wegfallen lassen.

Eines aber gibt es, was man nicht wegfallen lassen kann. Das ist die zweite Reihe. Damit sind nicht Mandatsträger gemeint, die im Rang eins unter dem jeweiligen Höchstrangigen stehen, sondern diejenigen, die mit unermüdlicher (und das ist nicht übertrieben, sondern wörtlich gemeint) Arbeit überhaupt erst dafür sorgen, daß Politik stattfinden kann.

Ein hochrangiger Politiker hat keineswegs das lockere, gute Leben, wie viele Zeitgenossen glauben. Aus dem, was ich über die Jahre miterlebt habe, kann ich mir ein Urteil aus eigener Anschauung erlauben. Das Ausmaß an erforderlicher Organisation, um den Aufgaben und Arbeiten überhaupt gerecht werden zu können, ist enorm. Der Großteil dieser Arbeit wird von der zweiten Reihe erledigt. Ohne Unterlaß klingelt das Mobiltelefon. Nein, dieser Satz ist falsch. Ohne Unterlaß klingeln die Mobiltelefone, muß es heißen; es sind nämlich meist mehr als nur eines. eMails kommen ebenso sehr am laufenden Band herein wie Agenturmeldungen, über die man stets und ständig auf dem Laufenden sein muß. Nichts ist peinlicher als ein Politiker, der nicht weiß, was aktuell passiert ist; also muß er stets und ständig informiert werden. Es sind ständig – und das ist wiederum wörtlich zu nehmen – Entscheidungen zu treffen. Nicht alle sind von enormer Wichtigkeit, aber sie müssen getroffen werden. Das Management des Terminkalenders ist eine besondere Sache für sich. Es gehört die Fähigkeit dazu, jemandem ein Nein zu übermitteln: „Nein, der Chef hat für Sie keine Zeit“ – aus welchen Gründen auch immer. „Nein, diesem Vorschlag stimmt der Chef nicht zu“ – warum auch immer. Immer aber muß man bedenken, daß man auch in Zukunft mit demjenigen zu tun haben wird, weshalb man immer diplomatisch und höflich sein muß, auch wenn man das manchmal vielleicht wirklich nicht mehr will.

Ständig klingelt das Telefon, und man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie die Gespräche oft beginnen: „Ich bräuchte mal…“, „Das hat mir aber gar nicht gepaßt…“, „Könnte der Chef nicht mal…“, „Warum hat er denn…“ – wahrscheinlich gleich häufig wie „Warum hat er denn nicht…“. Es ist nicht leicht, in dieser Funktion immer ans Telefon zu gehen.

Hunderttausend Kleinigkeiten wandern aus dem Computer, aus den Telefonen, aus der Post, aus der Zeitung in einen Kopf hinein, müssen zueinander in Verbindung gebracht werden, müssen sortiert, gewichtet werden, müssen mit Querinformationen versehen werden, müssen schlußendlich zu einer Entscheidungsvorlage zusammengestellt werden, die dann mit dem Chef am Rande des Tages in kürzester Zeit, weil bereits der nächste Termin drängt, besprochen werden. Das ist dann schon oft am Ende des Tages, wenn andere schon lange zuhause sind und den lauen Sommerabend genießen.

Vor allem im Wahlkampf gilt: Für private Zwecke sollte man gar keine Uhr mehr haben. Für Zwecke der Arbeit aber muß man ständig eine Uhr vor Augen haben. Müde sein gilt nicht. Ein Privatleben findet nicht statt. Man muß immer auf dem Quivive sein, immer so angezogen und zurechtgemacht sein, daß man jederzeit an jeder Art von Veranstaltung teilnehmen kann.

Das alles ist eine, wie man gewiß zugeben wird, ausgesprochen anstrengende Arbeit. Sie ist aber auch – für diejenigen, die in der Lage sind, das zu leisten – natürlich eine faszinierende, eine aufregende Arbeit. Man erlebt ungeheuer viel, man hat spannende Begegnungen mit Menschen aller, aber auch wirklich: aller Art, man trägt durchaus ein gerüttelt Maß an Verantwortung, man ist ganz nahe dran am Prozeß der Politik, man erhält Einblicke, die nur wenige erhalten.

Öffentlich wird ihre Arbeit kaum wahrgenommen – beziehungsweise: sie wird dann einmal wahrgenommen, wenn etwas mißlingt. Geht aber, wie fast immer, alles reibungslos über die Bühne, dann nehmen das die meisten nur als normal wahr; sie sehen ihre Erwartungshaltung bestätigt, und das fällt dann niemandem auf.

Es gibt in Deutschland einige, die diese Arbeit leisten. Aber ihre Zahl ist doch überschaubar. Solche Mitarbeiter wachsen nicht auf Bäumen; da muß einiges zusammenkommen, damit jemand für diese Arbeit geeignet ist und sie wirklich gut bewältigt.

Manche von ihnen haben auch in diesen Wahlkampftagen einmal einen freien Tag – vielleicht, wenn sie Geburtstag haben. Es ist nicht wirklich anzunehmen, daß dieser freie Tag ein wirklich freier Tag ist; natürlich bleiben die Mobiltelefone an, werden die eMails gelesen und natürlich ist man notfalls doch abrufbereit. Deswegen sei heute einmal die Arbeit dieser Menschen gewürdigt und sei Respekt dafür ausgesprochen, daß sie sie machen und wie sie sie machen. Wenn dabei noch eine gute menschliche Art, eine freundliche, verbindliche und zuverlässige Kommunikation besteht, dann kann man an so einem Tag auch einmal nicht mit einer Frage oder einem Wunsch kommen, sondern Dank sagen.

André Freud

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