„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“

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Die Hälfte der 6er-Kombo bei ihrem Reinfall in Einbach
Die Hälfte der 6er-Kombo bei ihrem Reinfall in Einbach

Die Parole aus der Überschrift wurde von sechs jungen Menschen gerufen, als sie vor ein paar Tagen eine Veranstaltung der CSU mit Ministerpräsident Horst Seehofer und Staatsminister Dr. Markus Söder zu stören suchten. Sie gehört zum Repertoire einer jeden Demonstration von ziemlich weit links außen. Wohl zu seiner eigenen Überraschung ließ man das Sextett recht lange gewähren, und als sich nach vielfachem Wiederholen jener Worte vor allem Langeweile ausbreitete, war die kleine Nummer auch schon wieder vorbei. Darüber ist berichtet worden.

Über die Worte allerdings, die da gerufen wurden, ist weder in NN oder NZ etwas gesagt worden. Sie verdienen einer Prüfung. Nun kann eine solche Prüfung es sich nicht zu leicht machen. Parolen sind immer kurz und simpel gehalten; man darf von ihnen keine argumentative Stringenz erwarten. Vor allem aber hilft es wenig, sie von einer Position der Ablehnung heraus zu prüfen: man wird an nahezu jeder Parole etwas finden, was man ablehnen kann – das liegt eben schon an ihrer Kürze. Eine solche Prüfung erfordert es, daß man guten Willens sucht und forscht, ob etwas in ihr steckt, was beachtenswert ist.

Der Kern der Parole ist der Vorwurf, daß „man“ „ihnen“ „die Zukunft klaut“. Frei heraus: Wenn junge Menschen sich einem anonymen Staatsapparat ausgeliefert fühlen, zu dem sie sich nicht zugehörig finden, dann muß man das ernst nehmen. Es geht jetzt nicht darum, ob solche Jugendlichen die Mehrheit der Jugend verkörpern; es geht um das, was sie wiedergeben. Da müssen wir hinhören. Keineswegs muß man denen unbedingt hinterherlaufen, aber hinhören müssen wir.

Wir politisch interessierten Menschen haben im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung ein besseres Wissen, was die politischen Strukturen auf allen Ebenen betrifft. Junge Menschen mit 16, 17 oder 18 Jahren – auf dieses Alter schätze ich die Parolen-Rufer – haben keineswegs ein geringeres Faktenwissen, wenn sie leidlich aufmerksame Schüler sind, aber sie haben ein geringeres praktisches Wissen. Sie haben in Sozialkunde frisch gelernt, wie eine Demokratie abstrakt funktioniert, mitsamt ersten staatstheoretischen Ansätzen, die wiederum die meisten der Ü30 nicht mehr so parat haben. Einen Fehler beginge, wer diese jungen Menschen als ahnungslos abtäte.

Andererseits aber ist der Eindruck unvermeidlich, daß sie einem zwar etwas über Diderot und Kleisthenes erzählen könnten, etwas über Rousseau und Cicero – aber das sie keine Erfahrung darüber haben, wie diese abstrakten Wissensbrocken in reales Handeln zu überführen sind. Es wirkt manches Mal so, als wolle man lediglich wissen, wie man ein neues Handy auf lautlos stellen kann, und statt einer vernünftigen Antwort bekommt man einen Vortrag in Elektrotechnik zu hören.

Für die grandiose Unreife der jungen Menschen spricht, daß sie – wer es miterlebt hat, wird mir zustimmen – ihre Aktion zwar durchaus vorbereitet hatten. Sie mußten irgendwo ein Bettlaken organisieren, schwarze Farbe beschaffen und die Parole „Stoppt CSU!!“ darauf pinseln. Dann mußte man das trocknen lassen. Daraus erkennt man: das ganze war nicht besonders spontan, sondern durchaus vorbereitet. Positiv formuliert könnte man sagen: sie haben sich bemüht. Allerdings steckt in diesem Satz auch das Urteil, daß das Bemühen nicht ausreichend war. Das kann, ja: das muß man feststellen, denn offenkundig reichte der Plan nur bis zum Entrollen des Lakens; für das, was danach geschehen sollte, existierte kein Plan mehr. Zu fest, zu sicher waren sich unsere sechs Jungmenschen in der Annahme, daß sie von der Polizei des Platzes verwiesen oder gar festgenommen werden würden, daß es einen Tumult gäbe – kurz und gut: daß sie ohnehin nicht mehr in der Lage sein würden, selbst zu handeln. Als dann aber quasi gar nichts geschah, als Markus Söder seine Rede unterbrach und sich deren Auftritt besah, als auch recht lange niemand einschritt (was sehr richtig war), da waren sie auch schon am Ende angelangt. Ihr Schwung, ihre Energie, ihre Vorbereitungen reichten gerade einmal aus, um sich vor der Bühne aufzubauen. Aber etwas Konstruktives zu tun – dafür reichte es nicht aus.

Nun hat der Verfasser dieser Zeilen mit Markus Söder nicht über diesen kleinen Vorfall gesprochen – eben deswegen, weil er zu klein war. Ich glaube aber, mutmaßen zu können, daß sehr wohl die Möglichkeit bestanden hätte, daß er spontan einen der sechs ans Mikrophon geholt hätte: „So, du hast Deine zwei Minuten, wenn du uns etwas zu sagen hast, dann leg los“. Allein – man konnte beim besten Willen nicht den Eindruck gewinnen, daß von den sechs einer wirklich etwas zu sagen gehabt hätte, etwas Inhaltliches.

Sie mögen die CSU nicht, und das ist ihr gutes Recht. Aber das alleine ist ja wohl kaum ein politischer Inhalt. Welche Inhalte vertraten sie denn? Das wurde nicht klar. Lediglich die Worte „weil man uns die Zukunft klaut“ gaben einen sanften Hinweis, wie es wohl in ihnen denkt.

Nun wäre es einfach, ihnen folgendes zu sagen: „In Bayern haben Jugendliche mehr Chancen als in jedem anderen Bundesland. In Bayern machen nahezu alle Jugendlichen einen Schulabschluß, der auch etwas wert ist. Nirgendwo in Deutschland wird mehr Geld in die Bildung investiert als in Bayern. Es gibt in Bayern keine Jugendarbeitslosigkeit – ganz im Gegenteil suchen viele Betriebe händeringend nach Auszubildenden. Der Freistaat Bayern tilgt seine Schulden. Finanzminister Markus Söder konnte die Rückzahlung von 2,6 Milliarden Euro Altschulden bekanntgeben. Bis zum Jahr 2030 wird Bayern schuldenfrei sein. Dies ist eine so enorme, so besondere Leistung der bayerischen Politik, die den jungen Menschen von heute unvergleichbare Freiheit in der Zukunft sichert. Hier davon zu sprechen, daß man ihnen die Zukunft klaut, ist ein blanker Hohn, ist eine völlige Umkehrung der Verhältnisse, es ist schlichtweg absolut nicht wahr“. Das könnte man also sagen und somit das Gespräch als erledigt ansehen.

Damit aber ist es nicht getan. Es ist doch richtig, wenn die Jugend aufbegehrt; dafür ist sie schließlich da. Es ist normal, wenn sie all das, was vorhanden ist und worum uns die allermeisten Menschen auf der Welt beneiden, als so selbstverständlich wahrnimmt wie die Luft. Und es ist auch normal, daß ein Mensch, in dem das Politische erwacht, auch mit der Frustration umzugehen lernen muß, daß die anderen 81.999.999 Deutschen nicht auf diesen einen gewartet haben, um dessen politische Gedanken begierig aufzunehmen. In der Demokratie muß man erst einmal als Jugendlicher akzeptieren, daß man eben nur einer von 82 Millionen ist – um dann zu verstehen und zu lernen, daß das dem einzelnen mehr politisches Gewicht verschafft, als die meisten Menschen auf der Welt haben.

Diese – ja, auch diese – Jugendlichen werden unsere Nachfolge antreten. Vielleicht nicht unbedingt in der CSU – obwohl auch das gut möglich ist -, aber in unserer Gesellschaft. Wir sollten sie betrachten wie Eltern ihren Nachwuchs betrachten, der die ersten Schrittversuche macht. Welche Eltern werden dabei bemängeln, daß das noch unsicher und tapsig vor sich geht? Keine. Sie werden sich über diese ersten Schritte freuen und sie als das sehen, was sie sind: erste Schritte.

Die Aktion der sechs war ein wenig lächerlich, und die werden das heute wohl auch kaum anders sehen. Aber immerhin war es etwas, sie haben etwas versucht, sie haben etwas getan. Daß es simpel gestrickt, nicht zu Ende gedacht, unbeholfen und natürlich politisch auch nur von mäßiger intellektueller Leistung kündet, lassen wir mal außen vor. Und weil sie etwas machten, weil sie damit vielleicht politische Ahnungslosigkeit an den Tag legten, aber eben auch den Beweis führten, daß sie politisch interessiert sind, sollten wir mit ihnen ins Gespräch kommen. Mag sein, daß dabei nicht viel Inhaltliches heraus kommt. Aber ihnen zuhören – wie wir es taten – und ihnen antworten sollten wir schon.

Ein junger Mensch lebt damit, daß ihm die restliche Welt erklärt, daß seine Ansichten unsinnig sind. Aber damit zu leben, daß einem nicht zugehört wird, ist schlimmer. Deswegen tat Markus Söder recht daran, sie ihren Auftritt absolvieren zu lassen. Und wir tun gut daran, bei Gesprächen zum Beispiel am Wahlkampfstand solche jungen Menschen nicht einfach abzutun. Sie irren sich, aber mit dem Sturm und Drang der Jugend merken sie es nicht. Sie sind so sehr damit beschäftigt, die Welt umkrempeln zu wollen, daß sie gar nicht merken, wie sehr sie sich verrannt haben.

Meine Großmutter hatte für derlei die Worte parat: „Das gibt sich beim Bügeln“. Da dürfte etwas dran sein. Wenn wir es dann noch schaffen, denjenigen von ihnen, die guten Willens sind, ein Gesprächsangebot zu machen, dann ist mir vor der Auseinandersetzung nicht bange.

André Freud

(Text & Bild)

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