Wunsch und Wirklichkeit

#399

Die Nürnberger "Nachrichten"
Die Nürnberger „Nachrichten“

 

Das schreibt die NN: „Keiner hat sie kommen sehen, plötzlich stehen sie da. Direkt vor der Bühne entfalten sie ein Bettlaken. „Stoppt CSU!“ steht darauf. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft raubt“, rufen sie und fordern ein „Verbot derCSU!“ Eine Handvoll junger Leute lenkt für einen Moment die Aufmerksamkeit auf sich und hat spürbar Spaß daran, die CSU und ihr Publikum zu irritieren. Nach einer Schrecksekunde macht die Partei von ihrem Hausrecht Gebrauch.“ (NN vom 10./11.08.2013, S. 15)

Markus Söder besieht sich entspannt die Protest-Combo vor der Bühne
Markus Söder besieht sich entspannt die Protest-Combo vor der Bühne

Ich war dabei, ich stand keine zwei Meter von dem entrollten Transparent entfernt. Mir hat sich der Ablauf anders dargestellt.

Leider unscharf: ich stand zu nahe dran und hatte ein Teleobjektiv auf der Kamera. Dennoch gut zu erkennen: Das Entrollen war schlecht geprobt, das Laken hängt zunächst falsch herum
Leider unscharf: ich stand zu nahe dran und hatte ein Teleobjektiv auf der Kamera. Dennoch gut zu erkennen: Das Entrollen war schlecht geprobt, das Laken hängt zunächst falsch herum

Zum einen stimmt es nicht, daß sie „plötzlich“ da waren und niemand sie hat kommen sehen. Die sechs jungen Leute kamen vom Haupteingang und hatten knapp 100 Meter zurückzulegen. Sie rannten nicht, sondern gingen normal, bestenfalls zügigen Schrittes. Wahr ist, daß erst einige Meter vor der Bühne klar wurde, daß sie etwas vor hatten – freie Sitzplätze waren nämlich nur noch in den hintersten Reihen vorhanden. Ich selbst sah sie etwa 30 Meter vor der Bühne. Als klar wurde, daß hier jetzt irgendetwas geschehen würde, machte ich mich bereit, gegebenenfalls einzuschreiten, aber da sie nicht versuchten, auf die Bühne zu kommen, sah ich für mich keinen Handlungs-, sondern Photographierbedarf. Auf der Bühne stand Finanzminister Markus Söder und hielt seine Rede. Die jungen Leute entrollten ihr Bettlaken. Leider geschah es ihnen in der Aufregung ob des eigenen Auftritts, daß sie es falsch herum entrollten, aber sie bemerkten ihren Irrtum rasch und drehten es richtig herum. Markus Söder hielt inne und besah sich das Gaudium. Dann begannen sie, die in der NN wiedergegebenen Parole zu rufen. Wieder und wieder. Noch einmal und noch einmal. Markus Söder lehnte sich elegant ans Rednerpult und sah zu. Einige der Zuhörer riefen etwas, „aufhören“, „was wollt ihr denn“ – was man halt so ruft.

MP Horst Seehofer, MF, MS, MB, KF, PG, HI
Die jungen Leute zeigten ihr Transparent, riefen ihre Parolen und hatten ihre zwei Minuten. Die CSUler sehen sich den ungelenken Auftritt gelassen an.

Nach der gefühlt zehnten Wiederholung von „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft raubt“, merkten sie wohl selbst, daß eine weitere Wiederholung wirklich nicht mehr den Reiz des Neuen mit sich bringen würde, und sattelte um. In einem Refrain, der mir nun leider nicht mehr erinnerlich ist, wurde ein Verbot der CSU (sic!) gefordert. Auch das wiederholte man einige Male, stumpf und stumpfsinnig. Die Ordner waren inzwischen nähergekommen, aber noch nicht eingeschritten. Markus Söder wechselte das Standbein.

Liest man, wie die NN den kleinen Vorfall schildert, wirkt er weitaus imposanter, als er im wirklichen Leben war. Sei’s drum – was mich ärgert, das ist mehr die Tatsache, daß die Reaktion seitens des ganzen Publikums, seitens der Mandatsträger, seitens der anwesenden Polizei und der Ordner, vor allem aber die Reaktion seitens Markus Söder weit, weit entspannter war, als es in der Schilderung der NN nachklingt. Da gab es keine „Schrecksekunde“, und zwar weder „Schreck“ noch „Sekunde“. CSUler sind wahlkampferpobt. Ein aussortiertes Bettlaken mit einem einfallsreichen Spruch erschreckt bei uns sicher niemanden. Auch wurde nicht „nach einer Schrecksekunde“ reagiert, sondern man ließ sie erst einmal gewähren. Das Plakat wurde um 19 Uhr 17 Minuten 38 Sekunden entrollt, und noch um 19 Uhr 18 Minuten 45 Sekunden ist kein Ordner eingeschritten – das kann ich mit den Metadaten der von mir gemachten Bilder belegen. Lediglich ein älterer Herr mit Rollator, also ganz gewiß kein aggressiver Rambo-Ordner, hatte sich in dieser Zeit auf den Weg zu den jungen Leuten gemacht und sprach zu ihnen.

Dürfte dem jungen Sextett nicht wirklich bedrohlich erschienen sein: der ältere Veranstaltungsbesucher mit Rollator ergriff die Initiative und sagte den "Demonstranten", was er von ihrem Auftritt hielt, Markus Söder blieb entspannt.
Dürfte dem jungen Sextett nicht wirklich bedrohlich erschienen sein: der ältere Veranstaltungsbesucher mit Rollator ergriff die Initiative und sagte den „Demonstranten“, was er von ihrem Auftritt hielt, Markus Söder blieb entspannt.
Detailvergrößerung: Wie man sieht, ist Markus Söder weder "erschrocken" noch reagiert er unwirsch, sondern ist entspannt und ruhig.
Detailvergrößerung des obigen Bildes: Wie man sieht, ist Markus Söder weder erschrocken noch reagiert er unwirsch, sondern gelassen und ruhig.

Freilich kann ich nicht beurteilen, ob die beiden Schilderungen – die der NN und meine – beim Leser austauschbar oder unterschiedlich wahrgenommen werden; jedenfalls finde ich meine Wahrnehmung im NN-Bericht nicht wirklich wiedergegeben.

Muß man so etwas einfach akzeptieren? Ich denke: Nein, man sollte der Zeitung schon mitteilen, wenn man mit einer Berichterstattung nicht einverstanden ist. Dies um so mehr, je mehr es um einen Tatsachenbericht geht.

Zeitung geht meiner Meinung nach etwas anders. Aber in Nürnberg sind wir derlei fast schon gewöhnt. Fast.

André Freud (Bilder & Text)

PS: Zu dem Schmonzes, den jene Helden von sich gaben, demnächst mehr.

Advertisements