Weg mit den Hausaufgaben?

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Wer hat sich nicht als Kind gefreut, wenn es am Ende einer Stunde ausnahmsweise mal keine Hausaufgaben gab? Wer hat nicht – der eine gelegentlich, der andere des Öfteren – mal in der Straßenbahn auf dem Weg zur Schule von einem Klassenkameraden abgeschrieben, nicht ahnend, daß der Lehrer natürlich die krakelige Schrift sofort auf das zurückzuführen wußte, was sie verursacht hat: das Ruckeln der Straßenbahn?

Da ist natürlich, gerade aus Schülersicht, die Abschaffung der Hausaufgaben eine prima Sache. Diese Forderung erhob Jutta Allmendinger. Sie ist Professorin an der FU Berlin, ist aber auch Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Kein Nobody, sozusagen.

Die Idee hat etwas Gutes, der Vortrag ist dennoch abzulehnen. Denn hier wird das Pferd falsch herum aufgezäumt. Wenn Kinder in eine Ganztagsschule gehen und wenn Kinder dort den Stoff der Unterrichtsstunden nachbereiten, vertiefen, wiederholen – dann kann (soll) man Hausaufgaben abschaffen. Dann, aber eben auch nur dann.

Vergessen wir mal den ganzen Kokolores linker Bildungspolitik. In den meisten Fächern ist Frontalunterricht nach wie vor der beste Unterricht. Gruppenarbeit ist etwa in Englisch, Latein, Chemie, Mathematik, Physik etc. reichlich unsinnig. Die Schüler müssen Wissen erst erwerben, dann kann es angewandt werden. Auch in Fächern wie Geschichte, Deutsch, Sozialkunde muß erst einmal das Wissen her, bevor man darüber diskutieren kann.

In unserer Zeit wird ein Popanz aus der eigenen Meinung gemacht. Jeder, der eine BILD-Schlagzeile lesen kann, meint sogleich, eine eigene Meinung zu haben – und wehe, die Welt hört nicht aufmerksam zu, wenn man diese zum besten gibt! Dabei ist doch eine Meinung dann beachtenswert, wenn sie auf einem Sockel von Wissen entstanden ist. In unserer Gesellschaft besteht eine Tendenz, daß viele ihre Meinung um so laut heraus brüllen, je weniger sie von der Sache verstehen. Guter Wille ersetzt hier allzu oft Wissen. Jedoch ist guter Wille, wie ein alter und wahrer Satz zu resümieren weiß, das Gegenteil von Qualität.

Kinder müssen lernen, sich selbständig durch einen Sachverhalt zu arbeiten. Damit soll nichts gegen Teamarbeit gesagt werden, die natürlich ihren Platz haben muß. Sie taugt aber nicht für alles. Spätestens im Abitur oder im Studium ist nämlich Schluß mit der Teamarbeit: da muß jeder ganz alleine und für sich zeigen, was er kann. Man wird ja wohl kaum beim Abitur eine Gruppenprüfung einführen wollen, à la: „Die Gruppe, der Thomas angehörte, zeigte gute Leistungen bei der Übersetzung aus dem Lateinischen“ oder so.

Leistung ist zunächst immer etwas Individuelles. Dazu gehört auch, daß man lernt. Und zunächst einmal, daß man zu lernen lernt. In einem gewissen Bereich – dem des Faktenlernens – geht das nur höchstselbst. Da ist jeder auf sich alleine gestellt. Diesem Zweck, und gerade diesem, dienen Hausaufgaben. Auch das Wiederholen – eines der unverzichtbaren Markmale jedes Lernprozesses – geht nur individuell. Und alleine. Vokabeln pauken in der Gruppe? Langsam, ineffizient. Und es fehlt das Erlernen der Fähigkeit des Lernens. Einer, der in der Schulzeit sich nie selbst durch Vokabeln, durch Formeln, durch Faktenwissen gequält hat, der wird vielleicht später gut darin sein, seinen Namen zu tanzen – aber er wird versagen, wenn er mit eigenem Wissen, mit eigenen Fähigkeiten im Studium oder im Beruf etwas aus eigener Kraft leisten soll.

Hausaufgaben sind ein unverzichtbares Element des Lernens. Wenn Schüler eine Ganztagsschule besuchen, dann können Hausaufgaben auf eine neue Art gestellt werden. Dann kann gut differenziert werden zwischen solchen Aufgaben, die nur individuell gemeistert werden können, und solchen, die im Team – in der Klasse – gemeinsam gemacht werden.

Eine solche Lösung hat durchaus ihren Reiz. Es ist durchaus richtig, ein solches System zu erproben – wobei man mit dem Erproben bei derlei Dingen vorsichtig sein muß; schließlich handelt es sich dabei um Erprobungen, die am lebenden Menschen stattfinden. Bei Bildungsexperimenten muß man sich stets bewußt sein, daß sie von realen Auswirkungen für reale Menschen sind, weswegen man sie niemals leichtfertig und unvorbereitet wagen darf.

Deswegen ist die Forderung der Frau Allmendinger in dieser Form abzulehnen. Erst die Ganztagsschule verwirklichen – an einzelnen Standpunkten, in Umfeldern, in denen dies auf Zustimmung stößt. Gleichzeitig darf das System nicht zu strikt sein, um außerschulische Aktivitäten – Sportverein, Musikunterricht etc. – nicht auszubremsen. Und dann, wenn diese Ganztagsschulen stehen, dann wird man sehen, wie man dort das Hausaufgabensystem an die neuen Gegebenheiten so anpaßt, daß die Schüler das zu erlernende Wissen – denn dies alleine ist der Maßstab – auf die beste Weise erlernen. Aber ganz ohne Hausaufgaben (die bei der Ganztagsschule freilich auch nachmittags in der Schule gemacht werden können und sollen), wird das nicht gehen.

Um es mal ganz drastisch zu sagen: Der Zweck von Schulen ist nicht, daß Schüler sich wohlfühlen und dabei vielleicht etwas Wissen erwerben. Der Zweck von Schulen ist, daß die Schüler lernen. Dann, aber eben erst dann, kommt die Frage aufs Tapet, wie man alles so einrichtet, daß Schüler gerne in die Schule gehen. Aber man sollte nicht den Wohlfühlwunsch über den Zweck stellen. Dieser Gesellschaft geht es besser, wenn alle das lernen, wozu sie befähigt sind (und sich ein kleiner Teil der Schüler in der Schule nicht perfekt wohl fühlt), und es geht ihr schlechter, wenn alle sich in der Schule super knorke wohlfühlen, aber trotz „Allgemeiner Hochschulreife“ kaum lesen und schreiben können, keine vier deutschen Flüsse beim Namen kennen, beim Aufzählen der Bundesländer ab Nummer vier ins Stocken geraten und hinter „freiheitlich-demokratischer Grundordnung“ den neuesten McDonald’s-Burger vermuten.

Deswegen gilt: Ansätze, die dazu führen, daß (wieder mehr) Wissen erlernt wird, sind gut. Bei der Ganztagsschule mag dies teilweise ohne Hausaufgaben gehen. Die Förderung nach Abschaffung der Hausaufgaben ist jedoch abzulehnen. Sie befördert den Kuschel-Wohlfühlwunsch unserer Zeit, aber sie erweist den Schülern einen Bärendienst.

(André Freud)

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Ein Kommentar

  1. Hausaufgaben haben bei uns immer noch – wie im tiefsten Mittelalter – DIE QUALITÄT VON FRONDIENST. Wenn das Kind es nicht kann oder tun will, bekommt die Mutter Angst, an den Pranger gestellt oder in den Schuldturm geworfen zu werden und dann drängt sie das Kind und macht ebenso dumm DRUCK wie die Lehrer und macht ggf. die Hausaufgabe sogar selbst.

    Was hat man aus der PERSÖNLICHKEIT dieser Mutter gemacht als sie Schülerin war???

    Zu wirklicher PROBLEMLÖSUNG gehört als erstes, dass NICHT die SCHEINprobleme gelöst werden sondern das tatsächgliche SEINSproblem.

    Die neue Ich-kann-Schule zeigt, dass Probleme zwar als SACHprobleme erSCHEINen, aber immer PERSÖNLICHE Probleme SIND.

    Als echtes Beispiel für ProblemLÖSUNG führe ich die Lehrerin H.PREM an. Ihre Schüler lernten ALLE immer in 1/3 der üblichen Zeit ( = 1/2 Jahr statt 1 1/2 Jahre) RICHTTIG = FEHLERFREI lesen & schreiben. Dafür benötigte Frau Prem KEINE HAUSAUFGABEN. Die Kinder waren jedoch derart motiviert, dass sie VON SICH AUS selber etwas tun wollte. Dafür legte Frau Prem Aufgaben bereit, die über das Gelernte hinausführten und die sich jeder, der wollte, NEHMEN konnte.

    Fazit: HausAUFNAHME statt HausAUFGABE.

    Freundlich grüßt
    Franz Josef Neffe

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