Wenn man nicht alles selber macht

#385

Auch der nur leidlich informierte Nürnberger dürfte inzwischen mitbekommen haben, daß auf Betreiben des Finanzministers Markus Söder die Kaiserburg instandgesetzt und aufgewertet wurde und daß im Zuge der Wiedereröffnung die ansonsten in einem Nebenkämmerlein des Foyers im Rathaus ausgestellten Repliken der Reichskleinodien für etwa ein Jahr auf der Kaiserburg ausgestellt werden. Das hat unter anderem den Vorteil, daß sie dort von den Menschen auch wirklich gesehen werden. Für das Rathaus allerdings brachte dies einen Nachteil mit sich: Was tun mit dem leeren Raum?

Ersatz für die Reichskleinodien: leere Vitrine mit Bild
Ersatz für die Reichskleinodien:
Leere Vitrine mit Bild

Freilich: Wäre Markus Söder am Morgen des 12. Juli ins Rathaus gestürmt und hätte er überfallartig die Vitrine geräumt, um die Exponate auf die Kaiserburg rauf zu schaffen, dann hätte gewiß ein jeder verständiger Nürnberger etwas Verständnis dafür, daß die Vitrine ein paar Tage lang leer bleibt, bis man eine vernünftige Lösung gefunden haben würde.

Aber so war es nicht und so ist es nicht. Daß die Reichskleinodien auf die Burg kommen, ist seit Monaten bekannt und zwischen dem Finanzminister und dem Oberbürgermeister so vereinbart. Auch die Altstadtfreunde, Eigentümer dieser schönen Stücke, sind einverstanden. Man wußte also im Rathaus seit Monaten, daß spätestens am 12. Juli die Vitrine leer sein würde. Und also brütete die Nürnberger Stadtverwaltung, womöglich unter Einschaltung der einen oder anderen Denkpause, was man denn stattdessen den Besucherscharen präsentieren könne. Schließlich setzte man den Nürnberger Trichter ein und gebar eine Idee, die in ihrer selbstbewußt-künstlerischen Gestaltung ihresgleichen sucht: man pappte ein Bildchen der Kaiserkrone an die leere Vitrine, voilá. Alleine dieser Akt von besonderer Peinlichkeit führte dazu, daß der Verfasser dieser Zeilen vorübergehend beinahe versucht war, gewissen mittelalterlichen Maßnahmen nachzutrauern, mit denen bewiesene Verachtung der eigenen Stadt gegenüber zu einer Entbindung der entsprechenden Pflichten führte.

Ist es zu billig zu denken, daß der Oberbürgermeister sich so verhält, weil er dem Söder Markus den großartigen Erfolg mit der Instandsetzung der Kaiserburg neidet? Gibt hier einer die beleidigte Leberwurst, indem er sich in die Ecke setzt und schmollt?

Wäre es an dem, daß man nichts anderes hätte, was man hier ausstellen könnte – nun, dann wäre die Lage eine andere. Würde der Söder der Stadt Nürnberg das einzige weggenommen haben, was es wert wäre, ausgestellt zu werden – nun, dann wäre ein Unmut bei OB und Stadtverwaltung durchaus nachvollziehbar. Aber, lieber Uli Maly, liebe Stadtverwaltung: dem ist nicht so. Es gibt städtische Museen, die womöglich sogar gerne die Gelegenheit nutzen würden, dort etwas aus ihrem Fundus auszustellen, um für sich an dieser Stelle Aufmerksamkeit zu schaffen und Besucher anzuwerben.

Aber nein, man ist lieber beleidigt. „Seht her, wir sind so arm, daß wir den Besuchern leere Räume, leere Vitrinen zeigen müssen!“, scheint die Botschaft zu sein. Das aber nimmt nicht einmal der größte Simpel ernst.

Vielleicht hat der großmächtige Herr Oberbürgermeister Maly, Uli, Doktor, aber auch etwas ganz anderes im Sinn gehabt. Als der Markus Söder auf der Kaiserburg im ehemaligen Wachlokal ein Hochzeitszimmer einrichtete, in dem geheiratet werden kann, setzte der OB zunächst vier (sic!) Termine pro Jahr dafür an. Denn, so die Begründung für diese absurde Verknappung, es wäre den Standesbeamten unzumutbar, den Anstieg zur Burg zu bewältigen. Und die Nürnberger würden dort eh nicht heiraten wollen. Immerhin, das muß man ihm zugute halten: Nachdem der OB merkte, daß er mit seinem Urteil an der Wirklichkeit etwa so falsch lag wie Christian Ude mit seiner Prognose, demnächst bayerischer Ministerpräsident zu werden, vervielfachte er die Zahl der Termine. Insofern kann man hoffen, daß der OB, wenn ihm einer mal das obige Bildchen zeigt (laut eigener Aussage liest er zwar diesen Blog nicht, aber bekommt Ausdrucke vorgelegt – woran erinnert mich das nur, Herr Dr. Kohl?), sich doch in Bewegung setzt und dafür sorgt, daß dieses Kämmerlein nicht gar so sehr aussieht wie eine Abstellkammer eines aufgegebenen Museums.

Es gibt aber nicht nur diesen Anlaß zur Hoffnung, sondern auch Grund zur Sorge. In der Debatte um den historischen Rathaussaal und seine Wirkung irgendwo zwischen zu groß geratener Zirbelstube und mißglückter Ikea-Einrichtung sagte Maly einen Satz, der ihm von hier aus noch während seiner gesamten OB-Dienstzeit, also bis 2014, vorgehalten werden wird. Maly sagte tatsächlich von sich selbst, er sei ein Freund der weißen Wand. Erweitert er nun diese Stellungnahme um das Bekenntnis, ein Freund leerer Vitrinen zu sein? Herr Oberbürgermeister, seien’S net länger beleidigt, weil der Söder das mit der Kaiserburg so toll hinbekommen hat, kommen’S aus Ihrer Schmollecke heraus und sorgen’S dafür, daß die leere Vitrine ordentlich bestückt wird. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

André Freud

(Bild & Text)

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Ein Kommentar

  1. Bernd Schäfer sagt:

    Ist ja nicht so, dass deine Parteifreunde nicht auch bei der Stadtverwaltung mit dabei sind..wer ist nochmal dritter Bürgermeister?

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