Kleiner Preis der sinnentleertesten Debatte 2103

#384

Facebook bringt komisches hervor, und auch gelegentlich Komiker. Ich erdreistete mich, dieses Bild online zu stellen und – bitte beachten – wie folgt zu beschriften:

Stadträtin Andrea Loos, Michael Frieser MdB, Dr. Markus Söder MdL, Stadträtin Helmine Buchsbaum
Stadträtin Andrea Loos, Michael Frieser MdB, Dr. Markus Söder MdL, Stadträtin Helmine Buchsbaum

Fällt Ihnen an der Bildbeschriftung etwas auf? Finden Sie daran etwas ungehörig? Nein? Dann sind Sie vermutlich ebenso simpel gestrickt wie ich. Aber erfreulicherweise fand sich ein Facebook-Zeitgenosse, dem meine verbotene Sprache auffiel. Dankenswerterweise behielt er dieses sein Wissen nicht für sich, sondern beeilte sich, es mir auf freundlichste Art darzutun. Und so entspann sich eine Diskussion, die in ihrer Bedeutung nahezu alles in den Schatten stellt, was jemals auf Facebook zu lesen war. Die Zahlen in Klammern geben die (in-etwa-) Uhrzeit wieder. Das Gespräch begann an einem prächtigen Sommerabend, an einem Samstag, wurde quasi über Nacht fortgeführt und erst am Sonntag (jedenfalls) meinerseits beendet, nachdem ich wahrlich beim allerbesten Willen keine Überwindung mehr aufbrachte, es noch weiter, noch sinnloser, noch zeitraubender fortzuführen. Also lehnen Sie sich zurück, werte Leser, vielleicht mit einem Caffé fredo in der Hand, entspannen Sie und freuen Sie sich, daß ich für Sie solche Gespräche führe – dann bleiben Sie Ihnen nämlich erspart. Und los geht’s:

Zeitgenosse (2200): Gibt keine „Stadträtin“. Heißt „Stadtratsmitglied“. Unter uns Juristen: Art. 31 Abs. 1 BayGO.

Freud (0000): Das ist korrekt. Ich mag halt das generische Maskulinum; wenn allerdings ausschließlich Frau(en) angesprochen werden, habe ich kein Problem mit der weiblichen Form. Aber „Stadtratsmitglieder“ mag ich nicht; das klingt wie „Studierende“ oder „Auszubildende“. Irgend etwas ist aus der Zeit gefallen: entweder die Sprache oder ich.

Zeitgenosse (0005): Freilich gibt es jede Menge Argumente dafür. Aber insbesondere für die CSU muss gelten: Gesetz ist Gesetz.

Freud (0010): Ich bin kein Mandatsträger und mache von meiner Freiheit lustvollen Gebrauch. Ich schreibe „daß“, „Quentchen“, „Portemonnaie“, „Thunfisch“ – und habe Spaß dabei!

Zeitgenosse (0015): Dafür gibt es kein Gesetz. Für das „Stadtratsmitglied“ schon

Freud (0020): Amtliche Bezeichnungen gelten für den amtlichen Verkehr. Ich spreche auch weiterhin vom Arbeitsamt, ich sage „Hartz IV“, und ich darf das.

Zeitgenosse (0020): Aber in diesem Fall spricht auch die Logik völlig dagegen. Denn der Stadtrat ist das Gremium, und warum sollte ein Gremium exakt ebenso heißen wie eines seiner Mitglieder?

Freud (0025): Der Hinweis auf Logik verfängt bei sprachlichen Fragen nur bedingt. Die Bezeichnung „Rat“ für einen, der ein einem …rat genannten Gremium sitzt o.ä., ist (süddeutsch?) gängig. Hofrat, Geheimrat, Kommerzienrat, Landrat, Baurat. Das ist halt oft ein schmaler GRat.

Zeitgenosse (0030): Die Logik ist hier zwingend und der Verweis auf die Bezeichnung staatlicher oder kommunaler Funktionsträger ist schlichtweg falsch, weil sie nie Mitglied des Rats sind, der eine Vertretung der gesamten Bürgerschaft darstellt.

Freud (0035): Die „Logik“ überzeugt mich nicht. Erstens sind Teekessel keine sprachliche Unmöglichkeit; aus dem Umkehrschluß wird bestenfalls ein Schuh (nein, lieber Stadtrat – sic! – Konrad Schuh, Du bist nicht gemeint). Zweitens ist Sprache außerhalb des Behördenverkehrs kein Gegenstand der Gesetzgebung. Drittens ist Sprache auch stets regional geprägt (norddeutsch dann wohl eher und etwas atavistischer: „Ratsherr“), und hier ist die Bezeichnung ebenso wie die Anrede realiter zumeist (= gefühlt) oder zumindest oft (leicht belegbar) eben nun einmal „Stadtrat“. So auch regelmäßig in den lokalen Zeitungen zu lesen. Ich nehme es mir heraus, „Stadtrat“ zu sagen, und will, nachdem wir dieses Pferd allmählich zu Tode geritten haben, der Hoffnung Ausdruck verleihen, daß das akzeptiert wird.

Zeitgenosse (0425): Deutschland ist ein Rechtsstaat. Hier ist der Alltag durch Gesetze geregelt. Eine Trennung in zwei Welten wäre absurd. Im Norden wird der Begriff Rat immer als Bezeichnung für das Gremium verwendet. Dass die Miglieder eines Rats sich selbst als „Stadtrat“ bezeichnen, kommt daher, dass es einfach besser klingt. Alle möglichen anderen Sphären, also auch die Medien, tun das natürlich auch, weil sie es nicht besser wissen. Und freilich verteidigst Du Deine Haltung, weil Du von ihrer Eichtigkeit überzeugt warst. Wenn jetzt so ein Idiot wie ich kommt und Dir nachweist, dass das schon immer Quatsch war, dann ist man natürlich sauer, weil es einem die eigene Ignoranz vor Augen führt. Und die muss man natürlich bis aufs Blut verteidigen. So sind die Menschen, reaktionäre Menschen umso mehr.

Freud (0800): Rechtsstaat ist, wenn der Staat sich an seine eigenen Gesetze hält. Daß der „Alltag“ (der Sonntag nicht?) gesetzlich geregelt ist, hat mit Rechtsstaat nichts zu tun, sondern mit Rechtsordnung. Auch in Unrechtsstaaten gibt es Gesetze, die „den Alltag“ regeln. Es ist kein besonderes Merkmal des Rechtsstaats, daß es Gesetze gibt. Als freier Mensch in einem freien Land darf ich meine Ausdrucksweise frei wählen. Bei öffentlichen Äußerungen ziehen mir die Strafgesetze Grenzen – ich darf etwa nicht beleidigen – und sonst niemand. Es ist Ihr gutes Recht, meine Ausdrucksweise zu kritisieren und für „Quatsch“ zu halten. „Nachgewiesen“ allerdings haben Sie mir nichts, sondern eher etwas über sich selbst. Wenn Sie mich für ignorant halten wollen, dann tun Sie das bitte. Daß ich als Bürger keine amtlichen Bezeichnungen nachplappern muß, ist mein gutes Recht, das den Staat nichts angeht. Ich schreibe auch über Markus Söder öfters „Finanzminister“ statt „Bayerischer Staatsminister der Finanzen“. Ich sage „Arbeitsamt“ statt „Agentur für Arbeit“. Ich darf das. Und Sie werden das aushalten, auch wenn es Sie um den Schlaf bringt. Heute Mittag werde ich einige Stadträte sehen. Ich werde mir erlauben, diese Frage trotz ihrer Kafkaesken Irrelevanz zu thematisieren. Ich werde die Reaktionen gerne hier bekanntgeben.

Zeitgenosse (1000): Quod erat demonstrandum: Die eigene Ignoranz bis aufs Blut verteidigen. Wir argumentieren auf zwei verschiedenen intellektuellen Niveaus. Natürlich kannst Du alles mögliche sagen. Ebenso wird mir immer erlaubt sei, es als falsch oder richtig einzuordnen. „Stadträtin“ ist grundfalsch, daran ist nichts kafkaesk. Vielmehr ist das Wissen darum ein Ausfluss von Bildung.

Freud (1100): Sie wissen nicht, was „bis aufs Blut verteidigen“ bedeutet. Der zweimalige Gebrauch dieser Metapher macht es nicht besser. Die verschiedenen intellektuellen „Niveaus“ gebe ich ungeöffnet wieder zurück und verweise darauf, daß Sie im Zuge dieses recht lächerlichen Disputs konsequent jedes Eingehen auf meine Argumente verweigern. Res ipsa loquitur. Freuen Sie sich über Ihren Ausfluß an Bildung, gehaben Sie sich wohl, schreiben Sie gerne weitere Beschwerden darüber, daß ich weiterhin von Stadträten sprechen werde, und im übrigen: de hoc satis.

Zeitgenosse (1105): Habe leider keine Argumente gelesen, sondern nur Unsinn. Auch wenn Du Latein kannst.

Freud (1330): Diese Unterhaltung ist für mich der Kandidat für den kleinen Preis der sinnlosesten Diskussion 2013.

Zeitgenosse (1400): Endlich gewinne ich mal was.

Noch Fragen, liebe Leser?

André Freud

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