Der fränkische Mumpfler als solches

#373

In der Online-Ausgabe unserer Nürnberger Lokalzeitungen gibt es mehrere Bilderstrecken zu durchwandern, auf denen die am Wochenende stattgefunden habenden Abiturfeiern dargestellt werden. Es gibt bislang zwei Leser-Kommentare dazu. Sie lauten: „Mittlerweile werden die Abifeiern auch immer pompöser, prolliger und amerikanischer“ und „Da werden die von Papi gesponsorten 300€-Anzüge einmal präsentiert und landen dann für Jahre im Schrank“.

Im Freud’schen Lexikon der sozialen Erscheinungen geht es heute um den Mumpfler, und zwar um die Unterart des fränkischen Mumpflers, der einige besondere Eigenschaften hat. Der fränkische Mumpfler befolgt stur mehrere Regeln:

  • Wenn’s mich nicht direkt betrifft, dann ist es unnötig bis schlecht.
  • Wenn ich nicht eingeladen bin, dann braucht’s keiner. Und wenn ich eingeladen bin, dann braucht’s erst recht keiner.
  • Niemand darf nach seiner Façon leben, sondern alle müssen so leben, wie ich es für richtig halte.
  • Wehe, ein anderer freut sich über etwas, während ich schlechte Laune habe. Und ich habe immer schlechte Laune.

Im ach so mutigen Schutz der Anonymität des Internets muß der fränkische Mumpfler endgültig nicht mehr an sich halten, sondern kann seine Miesepetrigkeit der Welt mannhaft entgegenhalten. „Und wenn Ihr Euch des Lebens freut, ich werd’s Euch schon verdrießen!“, ist sein oberstes Gebot.

Aber Hoffnung naht. Sie naht in Gestalt derer, die unser Leben, unsere Stadt zu würdigen wissen. Die wissen, daß nahezu alles, was unser Leben beeinflußt, alles andere als selbstverständlich ist. Daß es eine Unmenge von Gegebenheiten gibt, die uns sagen lassen können, daß wir es weit, sehr weit gebracht haben.

Freilich: das Leben ist nicht immer nur ein Zuckerschlecken, aber die Voraussetzungen für ein gutes, selbstbestimmtes, freies Leben in einem vom Rest der Welt bestaunten Wohlstand sind für jeden Menschen bei uns gegeben. Das heißt nicht, daß es jedem glänzend geht – aber das wird auf Erden wohl auch nie erreicht werden können.

An dieser Stelle möchte ich eine kurze Geschichte aus dem wahren Leben erzählen. 1987, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, wird in einem mecklenburgischen Dorf ein Mädchen geboren. Wie sahen zur Zeit ihrer Geburt die Perspektiven aus? Eingesperrt zu sein im Ostblock, ein Leben zwischen polytechnischer Oberschule, wie das dort hieß, vermutlich kein Studium (die Familie war nicht besonders begeistert vom Regime der SED), ein Leben in grauer Tristesse. Aber durch den Beitritt der Länder der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes änderte sich alles – auch für diese Frau. Nach der Realschule erfolgte in einer norddeutschen Stadt eine Berufsausbildung und der erste richtige Arbeitsplatz. Dann verschlug es diese Frau nach Nürnberg, und dort machte sie ihr Abitur. Inzwischen studiert sie an der Friedrich-Alexander-Universität. Sie hat mittlerweile Länder auf drei Kontinenten besucht. Neben dem Studium arbeitet sie ein wenig nebenbei, wohnt mit einer Freundin zusammen in einer schön renovierten Wohnung, sie ist politisch aktiv, sie ist an jedem freien Abend auf einer Ausstellung, einem Vortrag, einer Diskussion, einem Poetry-Slam, einem Konzert. Ihr Leben ist frei von strukturellen Sorgen und Problemen. Das verdankt sie natürlich eigenem Fleiß, eigener Begabung, eigener Einsatzfreude. Aber das alles wäre doch wohl vergeblich gewesen, wenn sie in der DDR hätte aufwachsen und leben müssen. Nur deswegen, weil die DDR zu existieren endlich aufhörte, weil diese miese Diktatur von der Geschichte und den Menschen beiseite gefegt wurde, kann sie ein Leben in Würde und in Selbstbestimmung führen.

Als bei ihr nach bestandenem Abitur die Abiturfeier anstand, da gab es kein Halten. Auf das Kleid, auf die Schuhe, auf die Frisur, die Tasche, den Schmuck und so weiter wurde wochenlang hin gearbeitet, da wurde geplant und verworfen, da wurde gespart und da wurde sich darauf gefreut. Es war für sie einer der stolzesten Tage ihres Leben. Als erste ihrer unmittelbaren Familie kam sie aus dem mecklenburgischen Dorf heraus, als erste machte sie Abitur. Für sie war der Abend der Abiturfeier ein unendlich tief empfundener Tag des Triumphs, des Erfolgs.

Und dann kommen solche Mumpfler daher und wissen nichts außer schlechter Laune, Mißgunst und Kritikasterei zu verbreiten. Dafür fehlt mir jedes Verständnis.

André Freud

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