„Eine Demokratie muß auch nackte Frauen aushalten!“

#371

Femen-Mädels gegen die Fußball-EM © Femens Women's Movement, CC2.0 http://commons.wikimedia.org/wiki/File:We_don%27t_want_Euro_2012.jpg
Femen-Mädels gegen die Fußball-EM
© Femens Women’s Movement, CC2.0
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:We_don%27t_want_Euro_2012.jpg

Den titelgebenden Satz sprach ein Hamburger Mädel, das in Tunesien blank zog und dann überrascht war, als sie deswegen für ein paar Tage im Knast landete, wo zu ihrer Überraschung nicht ganz jene Hygiene-Standards galten, die sie aus Hamburger Studentenwohnheimen kennt. Dieser Satz offenbart ein Ausmaß an Desorientierung, das selbst in unseren verwirrten Zeiten staunenswert ist.

Zunächst einmal ist es ein Treppenwitz, daß die Femen-Mädels, die angeblich Sexismus bekämpfen wollen, selbst getreu dem Motto „sex sells“ handeln. Sie verwenden die Mittel, die sie angeblich bekämpfen. Wen das jetzt nicht an „Der Zweck heiligt die Mittel“ erinnert, der ist vielleicht noch nicht ganz wach. Und damit zeigen die „Femen“, die „Männerinnen“, wes Geistes Kind sie sind. Es geht ihnen natürlich nicht, wie der – in der Kernaussage wieder einmal irreführende – Wikipedia-Artikel behauptet, um „Frauenrechte“. Mal abgesehen vom Spaßfaktor, vom Versuch, prominent zu werden, ist das Politische an ihnen doch ziemlich überschaubar und arg simpel. Es gibt einen enormen Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Feminismus. Der Feminismus ist eine Ideologie, die den Geschlechterkrieg in die Gesellschaft tragen will und die Frauen für das wertvollere Geschlecht hält. Vor allem aber tut diese Ideologie so, als seien alle Unterschiede zwischen Mann und Frau (bis auf die Geschlechtsorgane) ausschließlich von der Gesellschaft gemacht.

Daß das blanker Unsinn ist, wissen Mediziner, Biologen, Anthropologen und alle mit gesundem Menschenverstand. Männer und Frauen ticken unterschiedlich. Die doch wohl zentrale Haltung zu dieser Frage lautet, daß diese Unterschiede nicht zu einem unterschiedlichen Wert führen. Wenn ein Mensch etwas sagt, dann hat es absolut irrelevant zu sein, ob dieser Mensch eine Frau oder ein Mann ist. Das ist die zentrale Forderung der Gleichberechtigung, und diese Forderung ist nur billig und gerecht.

Erstaunlich ist immer wieder, mit welcher Ahnungslosigkeit manche Menschen in die Politik hinein gehen. Aber das kann ja noch werden. Was jedoch in unseren Zeiten zunehmend augenfälliger wird, das ist die Verwechslung von Inhalt und Show. Als ob es darum ginge, wer die beste Show liefert! Als ob einer, der ein gefeierter Schauspieler ist, deswegen als politischer Mensch besonders ernstzunehmen sei, als ob einer, der ganz passable Romane schrieb, deswegen zum moralischen Gewissen der Nation prädestiniert sei – man faßt sich manchmal schon an den Kopf und fragt sich, ob wirklich so viele Menschen bei uns glauben, daß die freiheitlich-demokratische Grundordnung einfach vom Himmel gefallen sei und wir sie jetzt irgendwelchen Fernseh-Clowns überlassen können. Es steht zu befürchten, daß dahinter ein tendenziell undemokratisches Grundmuster zu erkennen ist, eine Sehnsucht nach einem Idol, das die Dinge schon richten wird.

Die Demokratie ist anstrengend, manchmal auch ermüdend. Sie ist meist nicht besonders schnell in ihren Entscheidungen, und es liegt in der Natur von Kompromissen, daß sie niemandem ein Triumphgefühl verpassen. Das ist ja alles wahr – aber das ändert nichts daran, daß es gerade jener oft ermüdende Streit ist, der uns dorthin brachte, wo wir heute sind. Es sind eben jene anstrengenden, manchmal faden Aspekte unseres politischen Lebens, die uns Frieden, Sicherheit, Wohlstand, Freiheit, Rechtsstaat brachten und bewahren.

Freilich schaut die Nation gebannt hin, wenn die Femen-Mädels eine ihrer reißerischen Aktionen machen. Aber ernst nehmen sollten wir das alle bitte nicht.

André Freud

 

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Ein Kommentar

  1. Frank sagt:

    Oweh 🙂

    Das Bild dort oben titelt: „Femen-Mädels gegen die Fußball-EM“
    wobei (ganz klar an den Brüsten erkennbar) nicht die WM an sich, sondern der Austragungsort Ukraine gemeint ist. Gegen den Sextourismus, den offenen Frauenhandel und die diktatorischen Zustände. „Femen activists protest against the Euro 2012 in Ukraine.“ ist das Bild übrigens bei wikipedia korrekt bezeichnet.

    Nun kann man dem Aktivismus und plakativem Protest kritisch sehen, aber sie erreichen mehr, als wenn sie dreissigseitige Theorieexkurse zur Weltrettung verteilen würden. Wir leben nun mal in einer medialen Gesellschaft.

    Sie bewiesen mit ihren Aktionen gegen die Frauenfeindlichkeit im Islam, in der Türkei, die Repressionen in der Ukraine und Russland wesentlich mehr als viele andere. Und sie haben Mut!

    Unsere Politikerinnen und Politiker von Union bis SPD erschöpfen sich darin, zu mahnen und ansonsten auch noch den schlimmsten Diktatoren die Hände zu schütteln und Waffen zu verkaufen.
    Gaddafi, ben Ali, Mubarrak, Assad und andere sind (solange an der Macht) die besten Freunde deutscher Politiker.

    Wo ist die deutsche Regierung, wenn deutsche Bürger mit Todesfatwas aus dem Iran und Ägypten bedroht werden? Warum werden atheistische und homosexuelle Menschen in den Iran abgeschoben? Warum liefern wir Erdogan Tränengas und IT-Überwachungssysteme? Warum geben wir hunderte Millionen € an den Muslimbruder Mursi? Warum liefern wir Waffen und bieten Logistik für islamistische und andere offene alQuaida-Gruppen in Syrien?

    Da erscheint mir Femen doch als Hort der Ethik und Moral.

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