Politik als Satire

#370

Schlaraffenland Peter Brueghel d.Ä.
Schlaraffenland
Peter Brueghel d.Ä.

Willkommen im Land der Träumereien, der Spinnereien, in dem gebratene Täubchen durch die Luft fliegen. Und jetzt träumen Sie mal mit mir…

Sie sind ein Politiker einer kleinen Partei. Alle anderen wollen ein Projekt realisieren – Sie aber sind dagegen. Das Projekt ist beschlossen. Die Bürger wollen es mit überwältigender Mehrheit. Und nun steht, o Wunder über Wunder, das Geld dazu bereit. Es kann losgehen. Sie aber wollen nicht akzeptieren, was die Mehrheit beschlossen hat und die Mehrheit will. Daß Ihr eigenes Verhalten undemokratisch ist, lassen wir mal unberücksichtigt, denn wir sind ja in einem satirischen Traum. Und was kümmert in einer Satire einen Politiker der demokratische Wille, wenn er meint, er wisse besser, was die Menschen gefälligst zu wollen haben? Na also.

Was machen Sie? Sie wollen ja unbedingt der Spielverderber sein. Da sollen die anderen mal schauen, wo der Bartel den Most holt! Die haben sich zu früh gefreut! Was aber tun? Ha, das ist die Idee: Sie gehen zu einer Anwaltskanzlei. Sie wissen ja: zwei Anwälte, drei Meinungen. Und dann geben Sie dort ein Gutachten in Auftrag. Sie bezahlen dafür. Hm. Was werden Ihnen die Anwälte nun für ein Gutachten schreiben? Etwa eines, das zu einem anderen Ergebnis kommt, als Sie es wünschen? So weit geht unser Traum nicht!

Jetzt haben Sie also Ihr teuer bezahltes Gutachten. Sie legen es der Öffentlichkeit vor. Die erstarrt vor Ehrfurcht und legt den schon in die Hand genommenen Spaten wieder zur Seite, verabschiedet sich vom Projekt und sagt: „Wenn dieser tolle Politiker von einer von ihm bezahlten Anwaltskanzlei ein so tolles Gutachten bekommen hat – wer sind wir armen Bürger denn, daß wir es wagen könnten, hier noch zu widersprechen?“

Nun ja – ganz so weit soll unser Traum nicht gehen. Ich halte diese Vorgehensweise für reichlich unredlich. Hier will sich eine verkehrshassende Sonderideologie über den Willen der klaren Mehrheit hinwegsetzen und durch juristisch wirkende Auftragsarbeiten sich einen Anschein besonderer Redlichkeit verschaffen. Nicht mit uns, Zeitgenossen! Denn dies ist die Realität und kein Alptraum.

André Freud

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