Sagen Sie mal, …Herr Maly

Der Oberbürgermeister Nürnbergs und Präsident des Deutschen Städtetags, Dr. Uli Maly, im Gespräch

#362

Uli Maly Oberbürgermeister von Nürnberg Präsident des Deutschen Städtetags
Uli Maly
Oberbürgermeister von Nürnberg
Präsident des Deutschen Städtetags

Spüren Sie, was mich bewegt?

Ich glaub’ schon. Ich habe Sie ja beim Neptun-Brunnen erlebt und bei der Diskussion um den Neptun-Brunnen und auch bei anderen Diskussionen hier um das Thema Architektur, Denkmalschutz, Altstadtfreunde. Ich spüre, was Sie bewegt; ich teile nicht immer die Gefühle, die Sie bewegen, aber ich glaube schon, daß ich es spüre. Ich bin gebürtiger Nürnberger und verstehe schon, wie die meisten ticken.

Macht denn die Arbeit noch Spaß? Von der CSU und nicht zuletzt von diesem Blog hier werden Sie gelegentlich dafür kritisiert, daß Sie als OB mehr machen, mehr anstoßen könnten, als es tatsächlich der Fall ist. Was antworten Sie diesen Kritikern?

Erstens: Die Arbeit macht noch Spaß. Das, glaube ich, merkt man auch. Ich denke, daß die Menschen ein untrügliches Gespür dafür haben, ob einer nur noch eine Rolle spielt oder seinen Stuhl warm sitzt oder zum Zyniker geworden ist. Das können Sie in der Kommunalpolitik nicht sein; Sie müssen Empathie aufbringen, mit den Leuten reden können, auf sie zugehen können, und das kann man wiederum nur, wenn man mit seiner Arbeit halbwegs im Reinen ist.

Das zweite ist: Ihre Parteifreunde zeichnen gerne so ein Bild von einem Oberbürgermeister, der am Schreibtisch sitzt und dann mit der Faust gelegentlich auf die Platte haut und irgendwelche Dekrete unterzeichnet. So funktioniert aber Politik nicht. Sie müssen in der Kommunalpolitik die Menschen mitnehmen. Das sind die Menschen im Stadtrat, die der Kooperation; das sind die Menschen in der Stadtverwaltung – das ist auch eine Kleinstadt, diese 10.000 Leute –, und es sind natürlich die Menschen draußen. Wenn ich mir, ich habe ja mich sehr zögerlich nur bereit erklärt, eine Zehnjahresbilanz zu ziehen, wenn ich die Projekte einfach so Revue passieren lasse in diesen zehn Jahren, habe ich auch nicht das Gefühl, daß da irgendwelche Löcher sind. Also: ob es die Bauprojekte sind, ob es die Vorbereitungen sind für künftige Bauprojekte und vieles andere mehr: Die Liste ist schon ordentlich lang.

Wenn Sie es einmal runter beten wollen: Schauspielhaus, Z-Bau, Meistersingerhalle, Kultur auf AEG, Delphin-Lagune, Westbad, Südstadtbad, der Augustinerhof steht kurz vor der Baugenehmigung, der Frankenschnellweg ist – im Gegensatz zu Ihrer Annahme – komplett in meiner Zeit durchgeplant worden, und der Planfeststellungsbeschluß wird in wenigen Wochen hoffentlich kommen (wir setzen zumindest darauf, daß wir ihn kriegen). Wir haben, was die Wohnungsbaugeschichten anbelangt, eine deutliche Mobilisierung von Wohnbauflächen: ATV-Gelände, Kießlingstraße, Tucher-Gelände Schillerplatz, das Heumann-Areal, die Pixel-Stadt in Langwasser, Langwasser-T, dann draußen das Tiefe Feld – also, es sind eine Menge Projekte, wo ich sage, wir haben die Verwaltung zum Teil in diesen Projekten, die Hochbauverwaltung, aber auch die planende Verwaltung, sogar schon bis an die Grenze ihrer Belastung getrieben.

Sie erwähnten gerade den Frankenschnellweg. Dazu eine Zwischenfrage. Halten Sie es für realistisch, eine sechs- bis vielleicht sogar zehnjährige Bauphase des Frankenschnellwegs bei einer einspurig gemachten Fürther Straße durchzustehen?

Nein, die wird ja auch deshalb nicht einspurig gemacht, sondern nach dem Durchbau des Frankenschnellwegs. So ist es beschlossen worden im Verkehrsausschuß und so wird es auch gemacht, weil wir sagen: Wir können das Verkehrsverhalten der Menschen ungefähr einschätzen. Wir bauen auf den Frankenschnellweg, wir bauen den ja eigentlich… Das ist die Aorta des Nürnberger Verkehrssystems, und deshalb haben wir gesagt, muß das Blut weiter fließen, in dem Fall der Verkehr. Wir werden Baustellenverkehre so organisieren, daß es immer vierspurig ist, bis auf die Schließungszeiten. Es wird ein paar Zeiten geben, wenn große Brücken abgebrochen werden, wo man dann auch wirklich komplett sperren muß, und für diese Umleitungszeiten wird eine Umleitung natürlich ausgeschildert, aber da verdrückt sich der Verkehr großräumig, und da wird auch die Fürther Straße zusätzlich belastet sein. Und darum haben wir gesagt, werden wir die Neuverteilung des Straßenraums in der Fürther Straße wie auch in der Schwabacher, Rothenburger, Gibitzenhofstraße, überall dort, wo es Entlastungen geben wird, erst dann machen, wenn der Frankenschnellweg fertig ist.

Zwischenfrage: Das beißt sich jetzt aber durchaus mit dem Beschluß im Verkehrsausschuß von letzter Woche, den sogenannten Ausbau der Fürther Straße, was ich für einen Euphemismus halte, bereits in die mittelfristige Finanzplanung zu geben, und das BIC-Verfahren einzuleiten, und zwar für sofort. Bürgermeister Förther soll auch nicht gerade begeistert gewesen sein.

Wenn Sie jetzt ins BIC-Verfahren und ins MIP-Verfahren (Mittelfristiges Investitions-Plan) gehen und wenn Sie sich den gültigen MIP anschauen, der ohnehin schon bis an die Grenze mit Projekten, die die Stadträte alle genauso lieb haben wie jetzt den Ausbau der Fürther Straße – manche haben sie sogar noch lieber – gefüllt ist, dann muß man realistisch sehen, daß der Realisierungszeitraum sich auch da noch hinziehen wird.

Also ein Schaufensterbeschluß. Aber es ist schön, daß es eine Entschärfung aus Sicht des Oberbürgermeisters gibt…

Das hat nichts mit Schaufensterbeschluß zu tun, Herr Freud. Wenn heute ein Verkehrsausschuß, der sowieso nichts beschließen kann für den MIP – das muß der Stadtrat machen –, so etwas beschließt, dann weiß er, daß er sich in einer langen Reihe von Projekten hinten anstellen muß.

Auf www.sueddeutsche.de erschien vor kurzem ein Artikel, in dem es heißt, daß Sie 2020 mit (zum voraussichtlichen Zeitpunkt der Wahl) 59 Jahren aufhören würden. Ist die Süddeutsche Zeitung gut informiert oder treibt sie Kaffeesatzdeuterei?

Sie treibt Kaffeesatzdeuterei. Richtig ist schon, daß ich um jeden Preis vermeiden will, daß an dem Tag, an dem man mich hier raus drückt, drängelt, zerrt, ein erleichterter Seufzer durch die Stadt geht – das muß nicht sein.

Ludwig Scholz, Ihr Vorgänger im Amt des OB, hat vieles angestoßen: Nürnberg als Austragungsort der WM (Sie waren ursprünglich nicht so dafür), die Blaue Nacht, das Klassik Open Air, das Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände. Womit möchten Sie – wann auch immer – in der Rückschau der Jahre 2002 bis 2014 in Verbindung gebracht werden?

Ich möchte eigentlich nicht unbedingt mit einem Projekt in Verbindung gebracht werden. Das ist immer die Annahme von Journalisten, daß man sein politisches Wirken jetzt mit einem in Stein gegossenen, in Beton oder auch in Asphalt gegossenen Projekt in Verbindung bringt. Wenn die Nürnberger irgendwann sagen „das war schon ganz ok so, die Zeit mit dem Maly“, dann ist das die höchste Form des fränkischen Lobs und das wäre eher, was ich anstreben würde, weil das auch die Ganzheitlichkeit unseres Tuns zum Ausdruck bringt. Wir bauen ja nicht nur Häuser, sondern wir versuchen auch, so eine Stadtgesellschaft im Inneren zusammenzuhalten, das Zusammenleben zu organisieren, und da sind viele Elemente dabei, die sich nicht in Steine fassen lassen.

Im April wurden Sie zum Präsidenten des Deutschen Städtetags gewählt. Das ist einerseits sicherlich eine honorige Funktion. Andererseits kam die Frage auf: Ist der Mann als OB nicht ausgelastet?

Das ist eine relativ giftige Frage, denn das ist ein Ehrenamt, das nur Oberbürgermeister einnehmen können. Meine Vorgänger waren Christian Ude (München, 1,3 Millionen Einwohner), Petra Roth (Frankfurt am Main, 750.000 Einwohner) – die haben es geschafft. Ich denke mal, wenn ich mich richtig anstrenge, schaffe ich es auch. Sie sind als Städtetagspräsident auch nur dann wirklich akzeptiert, auch in der „großen“ Politik, wenn Sie Ihren Job zuhause ordentlich machen. Das ist immer die Grundvoraussetzung und bleibt Basis für alles.

Sie sind nun als SPD-OB im Stadtrat mit einer Kooperation zwischen SPD und CSU gesegnet. Mit welcher der beiden Fraktionen ist die Zusammenarbeit besser?

Naja, mit der SPD ist sie natürlich besser. Erstens, weil wir alle Sozis sind. Wir streiten schon auch manchmal, so ist es nicht…

Aha!

…Zweitens, weil die doch immer – gelegentlich zumindest – auf mich hören, wenn ich gute Argumente bringe. Wobei ich jetzt sagen muß: In den vergangenen zehn Jahren habe ich in der Summe auch keine schlechten Erfahrungen mit der CSU gemacht. Wenn man im politischen Geschäft ist, versetzt man sich in die Seelenlage des Partners. Die Seelenlage des Partners CSU ist in Nürnberg nach der letzten Wahl keine einfache gewesen. Wenn man zehn Mandate weniger hat als die SPD, entspricht das nicht dem Selbstverständnis einer bayerischen CSU; darum weiß ich auch um manche Empfindlichkeiten. Daß es im letzten halben Jahr vor der Wahl ein bißchen zickiger wird in den Stadtrats- und Ausschußsitzungen, nehme ich hin. Es ist aber nicht so, daß mir das jetzt unbedingt gefällt.

Angenommen, die Kooperation zwischen SPD und CSU wird nach den Kommunalwahlen fortgesetzt: Welche konkreten Projekte – nicht nur Bauprojekte – werden Sie dann, ob nun weiterhin als OB oder in anderer Funktion, umzusetzen bestrebt sein?

Das Oder können wir streichen, denn umsetzen kann ich nur, wenn ich weiter OB bleibe, und eine andere politische Funktion in der Kommunalpolitik wird es nicht geben. Das ist auch, denke ich, völlig klar. Wenn man abgewählt wird, hat das einen Grund, und dann muß man sich auch zurückziehen. Wir haben eine Menge vor. Wir haben gerade für uns eine Mittelfrist-Prognose gemacht über die Investitionen. Wir wissen, daß wir im Geschäftsbereich vom Kollegen Gsell, im Bereich der Schulen, dadurch, daß wir immer noch eine wachsende Stadt sind und daß bei uns auch die Kinderzahlen zunehmen, ein riesiges Bauprogramm vor uns haben. Wir haben die zwei größten Schulbauprojekte der Nachkriegsgeschichte, das Sigmund-Schuckert und Bertolt-Brecht. Wir haben aber auch eine Menge kleinerer Bauprojekte, die wir gerade dabei sind, auch mit einer sehr feinen Detailanalyse – welche Kinder ziehen wohin, in welchem Alter, mit welchen Bedarfen – versuchen zu kategorisieren. Gleiches findet noch einmal statt im Bereich der Kinderbetreuung. Horte werden ein riesen Thema. Jedes Kinderkrippenkind wird später ein Hortkind. Wenn die Eltern, wenn die Kinder klein sind, arbeiten gehen wollen oder müssen, dann werden sie das, wenn die Kinder größer sind, auch noch tun. Wir haben das Thema Konferenz-Center, wir haben das Thema Konzertsaal, Meistersingerhallen-Sanierung, wir müssen den Z-Bau ausbauen. Der Frankenschnellweg wird in der Realisierungsphase auch kein Zuckerschlecken, weil wir mitten in der Stadt eine riesige Baustelle kriegen. Wir werden den Nahverkehrsentwicklungsplan, der jetzt Papier ist, in Schritten in die Praxis überführen müssen. Heiße Debatten. Altstadtquerung Straßenbahn. Solche Dinge mehr. Also – langweilig wird es uns nicht.

Frankenschnellweg, Flughafen, Konzerthalle, Uni auf Quelle (gerade frisch auf dem CSU-Bezirksparteitag mit einem einstimmigen Beschluß, daß das Quelle-Gebäude wohl abgerissen werden muß, damit dort die Uni entstehen kann), Wöhrder See, Hafen, Sitzungssaal 600: Bei vielen Themen gilt die CSU, gelten Ihr Herausforderer CSU-Fraktionschef Sebastian Brehm und CSU-Bezirkschef Markus Söder als treibende Kräfte. Wie kommt’s? Was halten Sie von Adenauers Satz „Man muß auch gönnen können“?

Den Satz finde ich immer gut, weil Politik nie eine One-Man-Show ist, sondern in der Regel Ergebnis von Team-Arbeit. Ihre Frage ist natürlich trotz allem etwas parteipolitisch geprägt. Beim Frankenschnellweg haben wir einen völlig untauglichen Plan übernommen, haben völlig neu konzipiert, völlig neu untersucht und haben jetzt einen für die Stadt sehr guten Plan bis zur Planreife gebracht.

Die Idee, universitäre Nutzungen auf der Quelle unterzubringen, ist von mir das erste Mal öffentlich plaziert; nehme ich für mich in Anspruch, das Urheberrecht. Allerdings bin ich der Meinung, daß wir es nicht verknüpfen sollten mit der unabdingbaren Bedingung, daß der Neufert-Bau abgerissen werden muß dafür – ich hoffe da auch auf einen Bündnispartner bei Ihnen, Herr Freud, da Sie ja eine große Seele haben für denkmalgeschützte Gebäude – weil: dieses Haus kriegen Sie nicht so einfach weg. Es steht unter Denkmalschutz. Das ging bis in die höchsten Instanzen der bayerischen Landesdenkmalbehörden. Bis dahin kann das berühmte Fenster der Gelegenheit für die Universitätsverlagerungen schon vorbei sein. Also ich plädiere hier sehr dafür, daß man praktisch vorgeht und sagt: Geht es dort? Ist es finanzierbar? Ist es für den Freistaat vergaberechtlich darstellbar? Nach jetziger Lage der Dinge: ja. Es gibt ein sehr großzügiges Angebot von Sonae Sierra an den Freistaat für die Hochschulnutzung im Gebäude mit Teileigentum – also, das kriegen wir alles hin. Ich denke, da sind wir klug beraten, wenn wir nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander arbeiten. Das Memorium (Sitzungssaal 600) ist eine Erfindung der Justiz und vom früheren Muesumschef Sonnenberger. Natürlich kommt Geld vom Freistaat; das ist völlig klar. Das Memorium haben wir anteilig finanziert. Wir finanzieren den laufenden Betrieb und sind damit dauerhaft dabei; bei den Investitionen hat der Freistaat gezahlt, und ich gebe gerne zu, das sage ich auch öffentlich, daß die zugesagten 395 Millionen für den Frankenschnellweg eine große Erleichterung ausgelöst haben bei uns, weil wir immer befürchtet haben, wir kommen in eine sehr starke Verdrückung mit den Schul- und Kindergartenbauten; so kann man sagen: Wenn der Planfeststellungsbeschluß kommt, ist der Frankenschnellweg dank dieser Großzügigkeit des Freistaats finanziert.

Was halten Sie vom Urteil des Direktors der Wiener Albertina, Klaus Albrecht Schröder, der große Rathaussaal sei „eine zu groß geratene steirische Zirbelstube“?

Also, ich war dabei und habe herzhaft lachen müssen. Wer den Schröder einlädt, kriegt den Schröder, und der Schröder ist einer, der wirklich pointiert formuliert. Man muß auf der anderen Seite den historischen Rathaussaal so, wie er jetzt da steht, auch als ein Produkt von Diskussionsprozessen seiner Zeit sehen. Als diese Tonnendecke in dieser Holzfarbe und die Wandpaneele in dieser Holzfarbe restauriert worden sind, gab es ja noch keine Ausmalungsdiskussion.

Also muß ich das aus der Zeit heraus verstehen. Ich unterstelle, daß Otto Peter Görl, der damals Baureferent war, und die anderen sich ihre Gedanken gemacht haben. Was Schröder uns damit sagen wollte, nämlich daß auch durch eine Ausmalung – nach welchem historischen Vorbild auch immer – dieser historische Saal nicht mehr der wird, der er zur Dürer-Zeit gewesen ist, das ist die eigentliche Botschaft. Und die ist, glaube ich, an dem Abend relativ deutlich geworden.

Sie haben sich selbst einmal als „analogen OB“ bezeichnet. Das hat einerseits einen gewissen Charme; andererseits wirkt es doch ein wenig aus der Zeit gefallen. Gesetzt den Fall, Sie gewinnen die OB-Wahl: Wird das so bleiben? Anzufügen ist, daß es auf Facebook eine Seite der Nürnberger SPD gibt, auf der mittels Geldeinsatz (Facebook nennt das „gesponsort“) geworben wird. Haben Sie da neue Pläne?

Natürlich muß man elektrischer werden – ich gehe mittlerweile unfallfrei mit dem Blackberry und dem Tabloid um – als Arbeitsmittel, aber weniger als Kommunikationsmittel. Ich twittere selbst nicht und habe auch keine private Facebook-Seite. Das, sagen mir auch meine Berater, hätte nur dann Sinn, wenn das, was dort rein kommt, wirklich dann auch authentisch von mir produziert ist. Ich habe keinen Redenschreiber und will auch keinen Ghostwriter in den sozialen Netzwerken haben. Und solange ich nicht wirklich sicherstellen kann, daß ich das erstens mit Herzblut und zweitens auch mit der notwendigen Reaktionsgeschwindigkeit machen kann – denn diese Netzwerke geben einem nicht 36 Stunden Zeit, sondern da muß man schnell sein – solange lasse ich es lieber bleiben. Aber ich bin durchaus in der Lage, außer mit Bleistift und Kugelschreiber auch mit Tasten umzugehen.

Als eine Ihrer Begabungen wird Ihre (analoge) Kommunikationsfähigkeit genannt. Das durfte auch ich erleben, zu dem Sie immer netter, je schärfer die inhaltlichen Debatten wurden. Wenn der OB mal abends, für sich den Gedanken freien Auslauf läßt – welche dienstlich relevante Eigenschaft wird dann als ausbaufähig wahrgenommen?

Geduld. Ja. Ich bin zwar ein ruhiger Mensch, ich bin aber bei bestimmten Verfahrensabläufen, Prozeßabläufen innerhalb der Verwaltung, aber auch innerhalb der Politik insgesamt, also zwischen Kommune und Land, zwischen Land und Bund, bin ich schon immer ungeduldig gewesen. Denn man weiß ganz oft, was am Ende raus kommt. Und es finden aber oft so viele Indianerspiele statt, in Bund-Länder-Diskussionen, in Vermittlungsausschüssen, und ich denke mir immer, man könnte sich so viel Lebenszeit sparen, wenn man die Indianerspiele verkürzen würde, weil alle Beteiligten eh wissen, was als Ergebnis raus kommt. Und da werde ich gelegentlich ungnädig mit der eigenen Branche, und deswegen sage ich: ich bin schon geduldig, aber noch ein bißchen geduldiger werden, wäre sicherlich nicht verkehrt.

Die SPD ist, wie alle Parteien, derzeit mit der Aufstellung für die Stadtratswahl befaßt. Mit Arno Hamburger wird ein unbequemer Rat in den Ruhestand gehen. Die jüdische Gemeinde wird dann erstmals seit Jahrzehnten keine Stimme mehr im Stadtrat haben, und dies in Zeiten, in denen das besonders wichtig ist. Welchen Handlungsbedarf, welche Handlungsmöglichkeiten sehen Sie hier für sich als OB?

Ich glaube, man muß die Funktionen differenzieren. Mit dem Arno geht ein erfahrener, gelegentlich unbequemer, streitbarer Stadtrat und auch Ratgeber von mir, wir telefonieren mindestens jede Woche und diskutieren auch aktuelle Themen, geht in den Stadtratsruhestand. Aber er geht ja nicht als Vorsitzender der IKG in Ruhestand; insofern hat die IKG weiter eine Stimme im Stadtrat, und wenn es meine ist, die ich ihr verleihen muß. Das heißt, die engen Beziehungen zur IKG werden dadurch nicht verloren gehen und insofern glaube ich, daß das, was das Wiedererstarken jüdischen Lebens in Nürnberg – das ist ja letzlich das Thema der Kultusgemeinde – und die notwendige Infrastruktur, die dazu notwendig ist, wir diskutieren im Moment ja, oder es ist schon konkret in der Planung, den Ausbau des Gemeindezentrums und etliches mehr, wird von uns mit der gleichen Leidenschaft begleitet wie das jetzt der Fall war, wie der Arno noch im Stadtrat war.

Der Wahlkampf naht. Es ist freilich kompliziert, wenn „Koalitions“-Partner gegeneinander Wahlkampf machen. Allzu persönlich dürfte er keinesfalls werden, sondern vor allem sachlich. Bei welchen lokalpolitischen Themen werden Sie Schwerpunkte setzen?

Wir bleiben bei unseren Oberbegriffen, die den politischen Stil charakterisieren sollen, das ist das Thema Stadtpolitik im Dialog und solidarische Stadtgesellschaft. Wir deklinieren das dann aber schon runter in die Praxis. Das sind dann die Themen Bildung und Betreuung, Ausbau der Schulen, Bekämpfung von Kinderarmut. Was die Hardware-Themen anbelangt, ist es die Frage der Stadtentwicklungspolitik. Wir haben jetzt mit den integrierten Stadtentwicklungskonzepten eigentlich unsere Nürnberger Tugend, nämlich Stadtquartiere ganzheitlich zu betrachten, wieder einmal unter Beweis gestellt. Wir haben einige Quartiere in der Stadt, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstanden sind, drüben die Steppe, zum Beispiel, die Zuwendung brauchen. Das heißt, das werden Themen sein. Wir haben das Thema Verkehrspolitik mit den drei Unterabteilungen Straßenverkehr, heißt Frankenschnellweg, Fahrradverkehr, heißt Streit um Straßenraum, und Nahverkehrsentwicklungsplan. Das wird uns prägen, denke ich. Auch die Auseinandersetzung sicherlich prägen. Die CSU wird versuchen, irgendein Gespenst rot-grüner Verkehrspolitik…

…das ist kein Gespenst…

…Sie machen den Fehler, daß Sie glauben, daß das sozusagen ideologisch ist, was da geschieht. Was wir im Moment machen, das sage ich jetzt einmal so frech, ist state of the art in allen europäischen Großstädten. Man muß sich da auf der anderen Seite mal überlegen, wer eigentlich noch auf der Höhe der Zeit ist in Bezug auf ÖPNV-Ausbau und auch Fahrradwege und manches mehr. Also, wir werden Punkte finden, um die es sich lohnt zu streiten. Wir sollten aber uns, und da bin ich bei Ihnen, hüten, um des Streits willen zu streiten. Es gibt vieles, fast alles, 90 % passiert einstimmig im Stadtrat, wo wir die Stadt in den letzten zehn Jahren gestaltet haben. Es ist für die CSU sicher schwierig, in einen Wahlkampf zu gehen, wo man sagt, alles was gut ist, haben wir gemacht, und alles, was schlecht ist, da ist der Maly dafür zuständig. Das hat schon das letzte Mal nicht geklappt. Das wird auch dieses Mal scheitern.

Würden Sie akzeptieren, wenn Ihnen einmal pro Woche zwangsweise (und auf diesem Wort liegt natürlich die Betonung) vegetarische Kost verabreicht werden würde?

Also: Zwangsweise verabreichen lasse ich mir grundsätzlich gar nichts. Einmal die Woche vegetarisch essen halte ich für kein Problem, obwohl ich eher ein Fleisch- und Fisch-orientierter Mensch bin, mit Salat und Gemüse.

Nürnberg ist eine lebenswerte Stadt, weil…? Und eines muß vor allem besser werden, nämlich…

Nürnberg ist eine lebenswerte Stadt, weil die Lebensqualität stimmt, weil die Preise bezahlbar sind, weil die Größe überschaubar ist und die Menschen eine ganz hohe Identifikation mit ihrer Stadt haben. Was auf jeden Fall besser werden muß, ist, daß wir das alles, was bei uns so richtig schön ist, mit noch ein bißchen mehr Selbstbewußtsein nach außen verkaufen.

War auch nach dem Interview noch guter Dinge: OB Uli Maly. Habe ich es ihm zu leicht gemacht?
OB Uli Maly.

Interview & Bilder: Freud

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2 Kommentare

  1. Dr. Gerhard Schönberger sagt:

    Lieber Andre,
    da hast Du Dich aber ganz schön einseifen lassen von unserem OB.
    Mit Recht hat Dr.Maly darauf hingewiesen, dass 90% der Entschei-dungen im Stadtrat von der CSU mitgetragen worden sind.
    Aber nun zu einigen Fakten:
    Unter einem OB Dr.Maly hat die Stadt Nürnberg im Jahre 2013 mit Abstand die meisten Arbeitslosen und Harz IV Empfänger in Bayern, und das bei bester Konjunktur.
    Vielleicht lässt Du Dir bei Gelegenheit mal vom CSU-Wirtschafts-referenten der Stadt Nürnberg erzählen, was die mehr als 450 Ange- stellten im Wirtschaftsreferat der Stadt eigentlich bewegen oder was sie vielmehr bewegen sollten.
    Im Jahr 2013 hat Nürnberg die mit Abstand höchste Pro-Kopf-Ver-
    schuldung unter allen Großstädten in Bayern, mit signifikanten Steigerungsraten unter einem OB Dr.Maly. Woran das wohl liegt,
    dass in den letzten fünf Jahren in allen Großstädten Bayerns, außer in Nürnberg, wohl aber in der Nachbarstadt Fürth, die Pro-Kopf-Verschuldung gesunken ist?
    Natürlich ist unter einem OB Dr.Maly keine Besserung in Sicht. Aber
    dieser Oberbürgermeister fordert dafür zur Besserung der finanziellen Situation der Stadt von seinen Mitbürgern im Jahr 2012 ein Bürger- darlehen mit 1% Verzinsung.
    Lieber Andre, dieses Interview war eine vertane Chance. Nach diesem Einseifen durch den OB solltest Du erst mal ganz kalt duschen, damit Du einige Dinge wieder klarer siehst!
    Liebe Grüsse aus dem auch liebenswerten München, jawohl Herr
    Dr. Maly,
    Dein Freier Wähler und Freier Geist
    Gerhard Schönberger

  2. Lieber Gerhard, danke für Deine freundliche Unterschätzung. Bitte bedenke: Das war ein Interview, keine Diskussion. Es ist das fünfte Interview dieses Blogs (Enderle, Vogel, Brehm, Söder). Alle laufen nach dem gleichen Schema; ich behandle Interviewpartner anderer Parteien nicht anders als meine Schwarzen. Würde ich die Interviewpartner zu sehr angreifen, dann hätte ich keine. Für mich kommt es besonders darauf an, ob bei den Antworten etwas gesagt wird, was so nicht stimmt oder höchst fragwürdig ist; das kann dann später wieder für den Blog Verwendung finden. Ich wäre gerne mit Herrn Maly von gleich zu gleich in die Bütt gesprungen, aber das ist eben nicht die Situation.

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