Wahlkampf

#346

Liquid_filled_compass (1)

Der Juni hat begonnen. Gut drei Monate noch bis zur Wahl. Der Wahlkampf hat längst begonnen, auch wenn die Plakate noch etwas auf sich warten lassen.

Wahlkampf ist nicht nur eine gute Zeit, dem politischen Mitbewerber, vulgo: dem Gegner, seine Irrtümer und Irrlehren vorzuhalten und sie als das darzustellen, was sie sind – nein, Wahlkampf ist auch die rechte Zeit, sich selbst zu überprüfen und, vor allem, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden. Es gibt nämlich einen Zeitgeist, der daran krankt, daß er die Verhältnisse nicht mehr beachtet. Manche Menschen neigen dazu, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Niemand bei Verstand wird ernstlich behaupten wollen, daß Bayern von der CSU nicht gut regiert werden würde. Die Ergebnisse sind so deutlich, für jedermann erkennbar und gerade im Vergleich mit den anderen deutschen Bundesländern so überzeugend, daß man auch dann, wenn man kein besonderer Freund der CSU ist, bekennen muß: Ja, die CSU regiert Bayern sehr gut.

Dabei gibt es natürlich auch immer wieder irgendwelche Einzelaspekte, denen auch mal der eine oder andere CSUler nicht viel abgewinnen kann. Man möge es mir nicht verübeln, daß ich jetzt kein reales Beispiel anpacke – aber derlei tue ich nur und ausschließlich intern. Ich wähle daher als Vergleichsbeispiel den Kauf eines Autos.

Wenn einer sich ein Auto kaufen will, dann schaut er sich die verfügbaren Autos an. Eines gefällt ihm sehr gut. Es ist sehr ordentlich motorisiert und verbraucht dabei wenig Kraftstoff. Es hat einen ordentlich gestalteten Innenraum, und die Karosserie ist gefällig. Vor allem aber überzeugt die Qualität. Je länger man sich das Auto ansieht, desto überzeugender ist es. Alle anderen verfügbaren Wagen kommen bei weitem nicht an dieses eine heran. Aber auf einmal passiert’s: Das Auge fällt auf die Uhr, und deren Design spricht die Sinne des Käufers nicht an. Nun kommt der Mensch in seinem Wankelmut vielleicht ins Grübeln: „Es ist ja rundum toll, aber dieses Uhrendesign geht gar nicht.“ Wird ein vernünftiger Mensch nun überlegen, eines der anderen Autos zu kaufen? Eines mit mehr Benzinverbrauch, also höheren Steuern? Eines mit weniger PS, also weniger politischer Gestaltungskraft? Eines mit einer weniger ansehnlichen Karosserie, also einem nicht überzeugenden Grundsatzprogramm? Eines mit einem schlechter gestalteten Innenraum, also weniger Freiraum für die Menschen? Eines mit einem kleineren Kofferraum, also weniger tatsächlicher und dauerhafter Möglichkeit, Schwächere mitzunehmen? Das alles wird sich ein vernünftiger Mensch eben nicht überlegen. Ein vernünftiger Mensch wird sich sagen, daß der Wagen insgesamt so dermaßen überzeugend ist, daß der kleine, randständige Kritikpunkt die Kaufentscheidung nicht beeinflussen darf; alles andere wäre Unsinn. Wer würde schon ein schlechtes Auto kaufen, nur weil die Gestaltung der Uhr ihm schöner zu sein scheint? Eben: niemand.

Und so steht am Beginn eines jeden Wahlkampfes ein Akt des Ordnung Schaffens. Ordnung im eigenen Hinterstübchen: Welche Werte sind mir wirklich wichtig, welche Partei vertritt sie? Wofür trete ich selbst ein – und welche Partei tritt für die gleichen Ziele ein? So kommt man zu einer Entscheidung. Und dann bleibt zweierlei zu tun: Bei allen für diese Entscheidung zu werben. Sie zu benennen, sie zu begründen. Und intern jemanden anzusprechen, damit künftig eine schönere Uhr ins Armaturenbrett eingebaut wird.

Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, ist ein wichtiger Vorbereitungsakt für den kommenden Wahlkampf. Nur wer selbst überzeugt ist, kann andere überzeugen. Nur wer selbst seinen Kompaß wieder flott gemacht hat, so daß er die richtige Richtung auch wirklich anzeigen kann, stellt Übereinstimmung zwischen sich und seinem Weg her.

André Freud

(Bild: Nicolas Kaiser, CC2.0, angerufen aus http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liquid_filled_compass.jpg)

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