Happy Birthday, Henry

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Heute vor 90 Jahren wurde in Fürth Henry Kissinger geboren. Nun haben die Fürther der Welt manches beschert; aber als Nürnberger bekomme ich von Fürth meistens und derzeit gehäuft das schlechte Wetter ab. Von daher ist es angezeigt, einen Anlaß aufzugreifen, der sowohl mit Fürth zu tun hat als auch positiv besetzt ist.

Kissinger hat nach Emigration in die USA, Erhalt der Staatsbürgerschaft und Dienst in der US-Army eine enorme Karriere gemacht. Aus der Army entlassen, studierte er in Harvard. Man muß sich diesen Sprung einmal vor Augen halten: Mit 15 Jahren ohne Geld und allein in New York angekommen, war er mit 25 Student einer der angesehensten Universitäten der Welt. Und das mit seinem heftigen fränkischen Akzent, den er bis heute hat.

Das ist zunächst einmal ein Beispiel gelungener Integration. Und die braucht immer beide Seiten: die des Staates, der Immigranten alle Chancen bietet, und die des Immigranten, der alles tut, um diese Chancen zu nutzen. Harvard konnte Kissinger sich nicht leisten, aber er bekam ein Stipendium. Das ist auch ein wichtiger Hinweis in Richtung guter Bildungspolitik: Die Kosten für Bildung sollen kein Hemmnis sein, jungen Menschen aus kleinen Verhältnissen Bildung zu ermöglichen.

Kissinger wurde nicht Politiker, sondern Professor. 1952 promovierte er – übrigens über Metternich. 1954 schon wurde er Lehrer in Harvard. Die Präsidenten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon holten sich bei Kissinger Rat. Noch aber war er nicht Politiker, sondern eben Professor einer angesehenen Universität. Nixon holte Kissinger dann raus aus der Uni und rein ins Weiße Haus als National Security Advisor, als nationalen Sicherheitsberater.

An dieser Stelle ist es geboten, kurz auf die Bewertung Nixons einzugehen. Das Urteil der Geschichte über ihn einerseits und sein Image andererseits sind sehr verschieden. Durch den Einbruch ins Wahlkamfhauptquartier der Demokratischen Partei hat der Republikaner Nixon sein Amt verloren und wurde abgesetzt, als einziger US-Präsident. Dabei kam so viel Negatives über seine Art der Führung ans Licht der Öffentlichkeit, daß der Mann gehen mußte – nichts anderes wäre angemessen gewesen. Das dürfte auch heute niemand anders sehen. Ganz anders aber verhält es sich mit der Bewertung der Politik. Die Präsidentschaft Nixons war nämlich durchaus von elementaren außenpolitischen Weichenstellungen geprägt, die sich bis heute auswirken – und zwar rundum positiv.

Nixon war es, der den unseligen Vietnam-Krieg beendete. Hingegen war es John F. Kennedy, der in den Vietnam-Krieg quasi hineingestolpert war. Man muß erkennen, daß eine der hierzulande als „Lichtgestalt“ wahrgenommenen Persönlichkeiten, nämlich JFK, eine politisch durchaus fragwürdige Bilanz hinterlassen hatte, während einer, der einen miserablen Ruf hat wie Nixon eine politisch sehr vorzeigbare Bilanz hinterlassen hat. Man erkennt daran, daß menschliche Qualitäten und die Leistung in der Politik durchaus nicht miteinander zusammenhängen müssen. Vielleicht sollte man manchmal daran denken, daß Leistung nicht mit Empathie korrelieren muß. Man sucht sich seinen Rechtsanwalt oder seinen Kfz-Mechaniker (oder wie immer das heute heißen mag) ja auch nicht nach dem Gesichtspunkt der Sympathie aus, sondern nach dem Kriterium der guten Arbeit. In der Politik wird zu oft der Aspekt, ob man jemanden sympathisch findet, zu hoch bewertet. Im Sinne einer guten Politik sollte dieser Aspekt irrelevant sein.

So also kam Kissinger von der Uni in die Politik. Er initiierte als Sicherheitsberater die Entspannungspolitik. Diejenigen unter den geschätzten Lesern, die ihren 45. schon gefeiert haben, werden mit Begriffen wie KSZE-Schlußakte, SALT, ABM usw. noch etwas anzufangen wissen: Abrüstung und Schaffung einer Grundlage für Menschenrechte. Sie gehen auf Kissinger zurück. Kissinger war es auch, der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zweimal heimlich zu Mao nach Peking reiste und neben Moskau auch China in die Politik der Entspannung und Abrüstung einband.

Für seinen Beitrag zur Beendigung des Vietnam-Krieges erhielt Kissinger 1973 den Friedensnobelpreis.

Kissinger wurde noch unter Präsident Nixon zum Außenminister ernannt und blieb es unter Präsident Ford bis 1977. Kissinger war also lediglich von 1968 bis 1977 an verantwortlicher Stelle in der Politik; aber seine Politik wirkt bis heute positiv nach.

Gibt es Kritikpunkte an Kissinger? Ja, gewiß. Am häufigsten wird der angebracht, daß er einer jener US-Politiker ist, die mit Diktatoren zu viel Kontakte hatten. Auf diesen Standpunkt kann man sich stellen. Man sollte dabei aber nicht außer Acht lassen, daß die Welt damals in zwei Blöcke gespaltet war, den der freien Welt und den der kommunistischen Welt, und daß es für die Welt als Ganzes wichtig war, daß der Kalte Krieg nicht in einen heißen Krieg überging. Dazu hat Kissinger mehr als einen wesentlichen Beitrag geleistet. Kissinger ist sicherlich keine Lichtgestalt, wie man überhaupt solche Anforderungen an Politiker nicht stellen sollte – das gehört doch eher in den religiösen Bereich. Aber Kissinger ist einer der wirkmächtigsten Politiker seiner Zeit; er ist einer, der mehrere, die ganze Welt bedrohende Konflikte entschärfte, so daß es eben nicht zum von vielen befürchteten Einsatz von Nuklearwaffen kam.

Kissinger ist unbestritten ein ungewöhnlicher kluger Mensch. So sind auch zwei bemerkenswerte Zitate von ihm bekannt – nebst zahlreichen anderen -, die hier anzuführen sind.

Welche Telefonnummer hat Europa eigentlich?

Damit macht Kissinger deutlich, daß Europa weltpolitisch so lange keine große, eigenständige Rolle spielt, so lange es nicht eine einheitliche EU-Außenpolitik gibt. Das heißt nicht, daß es eine solche geben muß – aber entweder spricht die EU mit einer Stimme, dann kann sie auch eine gewichtige Stimme haben, oder sie spricht mit mehreren dutzend Stimmen, dann wird sie kein besonderes Gewicht erlangen.

Der Kommunismus erfährt nur dort Zulauf, wo er nicht herrscht.

Mehr ist über eine der größten politischen Gefahren, Irrlehren und Gewaltherrschaften nicht zu sagen. Kissinger leistete einen großen Beitrag zum Zusammenbruch des Ostblocks, und dafür alleine gebührt ihm Anerkennung und Respekt.

Happy Birthday – oder: Mazel tov, bis 120.

André Freud

(Bild: President Gerald R. Ford Library and Museum; Public Domain)

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Ein Kommentar

  1. Bianca Siedenschnur sagt:

    Sehr guter Artikel. Im Vergleich zum Artikel aus der NZZ vom Samstag, den 25.5.2013, von Frau Augstein, ist dies ein pluralistisch und auf die Politik Kissingers reduzierter Artikel, der nicht die Außenpolitik der USA diffamiert. Danke dafür.

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