Pfingstschämen mit der NN

#333

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Dieser Artikel trägt die schöne Ordnungsnummer 333. Es ist Zufall – denn entschieden wird stets spontan, aus der Lameng heraus -, daß er sich wie der allererste Artikel dieses Blogs überhaupt u.a. mit der „Berichterstattung“ der Nürnberger Nachrichten befaßt. Als ob die NN nun lange genug nicht mehr für abstoßende Peinlichkeiten hier vorgeführt worden wäre, wird nun pünktlich zu Pfingsten etwas abgeliefert, was ganz erstaunlich ist.

Die NN schreiben nämlich:

„Die SPD hätte ihn gerne in ihren Reihen gesehen. Doch nun ist er eher der einzige ernstzunehmende Oppositionsführer im Stadtrat, aber für die Grünen: Die Rede ist von Achim Mletzko. Der Ausdauersportler ist innerhalb von vier Jahren vom Stadtrats-Neuling zum Fraktionschef aufgestiegen. Nun, zehn Monate vor der Kommunalwahl, hat die Partei den 56-Jährigen zu ihrem OB-Kandidaten gemacht. Ist es die Treue eines Parteisoldaten? Ist es Wagemut? Grüner Höhenflug? Oder liebt der passionierte Läufer und Rennradfahrer einfach nur den (politischen) Wettkampf?“ Und so geht es weiter.

Zunächst ist festzuhalten: Nein, das ist kein Kommentar – vielmehr läuft das Ganze unter der nachgerade lächerlichen Rubrik „Meldungen aus Nürnberg“. Als Verfasser dieses „Artikels“ zeichnet Andreas Franke. Nun denn, Herr Franke – ist es diese Art anbiedernder Hymnenschreiberei, die Sie einst vor Augen hatten, als Sie den Berufswunsch Journalist vor Augen hatten?

Man stelle sich vor, die NN würde eines Tages folgendes schreiben:

„Die CSU würde ihn gerne ganz oben sehen. Aber noch ist der am meisten ernstzunehmende, die besten Ergebnisse liefernde Politiker zwar Mitglied der Staatsregierung, aber bislang nicht an deren Spitze, sondern als Minister: Die Rede ist von Markus Söder. Der Einser-Abiturient und Ausnahme-Redner ist innerhalb von fünf Jahren vom kritisch beäugten Generalsekretär zum deutschlandweit anerkannten Finanzminister des mit Abstand erfolgreichsten Bundeslands geworden. Nun, vier Monate vor der Landtagswahl, hat die CSU den 46jährigen erneut als Landtagskandidaten für den Nürnberger Westen nominiert. Ist das die Bescheidenheit des Parteisoldaten? Ist es Geduld? Oder liebt der passionierte Mountainbike-Radler und Debattenkönig einfach nur den Wahlkampf?“

Nein, derlei wird man in den NN über Markus Söder gewiß niemals lesen. Das weiß schon der Herausgeber, der sich gerne „Papa Marx“ nennen läßt, zu verhindern. Was wurde denn berichtet, als die CSU den Markus Söder im September 2012 erneut als Landtagskandidaten nomninierte? Online kann man den Artikel bei der NN nicht mehr finden, aber er liegt mir vor. Kein Wort des Lobes. Es wird nur berichtet, daß er 77 von 78 Stimmen erhielt, und dann werden einige Aussagen in direkter und indirekter Rede wiedergegeben. Das war’s. Kein Bild, ein kleines Artikelchen. Viel kälter und distanzierter kann man es nicht machen. Wobei – das muß man schon einräumen: diese Form der Berichterstattung ist für sich genommen in Ordnung. Was nicht in Ordnung ist, ist die kritische Distanz hier und die triefende Lobhudelei dort.

Man möge bitte eines nicht vergessen, vor allem anderen: Die NN tun dem Leser gegenüber so, als seien sie eine unabhängige Zeitung. Das steht sogar drauf. Das früher ebenfalls in Anspruch genommene Attribut „überparteilich“ haben sie, womöglich aus einem letzten Rest von journanlistischem Schamgefühl, gestrichen. Dies hier, beispielsweise, ist ein Blog, der aus seiner Unterstützung für die CSU nicht nur keinen Hehl macht, sondern diese klar und für jedermann erkennbar  sogar zum Zwecke hat. Hier wird nicht so getan, als sei dies der neutralste Blog der Welt, um sodann die CSU zu unterstützen.

Indem die NN solcherart über Mletzko berichten – und kein Wort darüber schreiben, daß er sich in der Frühlingskrise der Rathauskooperation wie ein Polit-Praktikant von Maly hat durch die Manege jagen lassen -, ist das Tendenzjournalismus, ist das Wahlwerbung, ist das für die Grünen und für Mletzko persönlich noch erfreulicher, als hätten die NN den Jubelpressetext der Grünen wortgetreu abgedruckt und als „Meldung“ verkleidet.

Noch eines muß klargestellt werden: Natürlich darf Andreas Franke in den NN einen Kommentar schreiben, in dem er den Meltzko über den grünen Klee lobt. Das ist völlig in Ordnung. Dann hat aber auch gefälligst „Kommentar“ darüber zu stehen! Solange „Meldung“ darüber steht, ist das eine Mogelpackung.

Es ist ein Treppenwitz, wie die NN ihre Verantwortung verachtet und mit Füßen tritt, wie rudimentärer journalistischer Anspruch für ein paar wohlfeile Zeile in die Tonne gekloppt wird. Das Schöne aber an unserer Zeit ist, daß man derlei nicht mehr ganz so untätig hinnehmen muß wie in einer Diktatur der einzig veröffentlichen Meinung, sondern daß man dagegen halten darf. Was hiermit getan sein will.

An Pfingsten feiern die Christen die Entsendung des Heiligen Geists. Hervorgegangen ist das Fest aus dem jüdischen Schawuot, an dem die Offenbarung der Tora gefeiert wird. Es fällt in der Tat schwer, auf Anspielungen zur Kluft zwischen den hehren Inhalten jener Feste einerseits und dem schäbigen Werbetext in den NN andererseits zu verzichten. Eines jedoch sei festgehalten: Wieso läßt die Redaktion der NN einen solchen Text veröffentlichen? Ist ihr jeder Maßstab für journalistischen Anspruch abhanden gekommen? Oder begreift man sich längst nicht mehr als journalistisches Qualitätsprodukt, sondern als Speerspitze des rot-grünen Zeitgeists, für den die Devise gilt, daß der Zweck die Mittel heiligt?

André Freud

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