Ein wüster, trauriger und ungeheuer ominöser Jux

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1280px-Bundesarchiv_Bild_102-14597,_Berlin,_Opernplatz,_Bücherverbrennung

Das sagte Thomas Mann über die Bücherverbrennungen, die heute vor 80 Jahren in 22 deutschen Universitätsstädten vor sich ging. Im Wesentlichen vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisiert (und keineswegs vom Propagandaministerium, wie viele glauben), war die Bücherverbrennung ein erster Tiefpunkt der intellektuellen Selbstknebelung.

Das Datum scheint im Vergleich zu vielen anderen Daten, die mit der nationalsozialistischen Diktatur verbunden sind, auf den ersten Blick weniger herausragend zu sein. Was ist schon dabei, könnte ein flüchtiger Betrachter einwenden, wenn in ein paar Städten einige Studenten Bücher auf einen Haufen werfen und anzünden? Gewiß, keine sehr schöne Sache, aber ist das denn wirklich so ein besonderes Ereignis, daß man 80 Jahre später noch daran erinnern muß?

Oh ja, man muß. Denn ohne solche Vorgänge wie den der Bücherverbrennung hätte sich das nationalsozialistische Regime niemals in diesem Ausmaße, mit dieser Wirkmächtigkeit etablieren können. Der heutige Mensch muß sich, will er recht verstehen, zunächst einmal alle damals noch nicht existierenden Informationsmöglichkeiten wegdenken: vor allem natürlich das Internet, aber auch das Fernsehen. Es gab im allgemeinen zwei Radiosender, beide freilich staatlich und unter Goebbels‘ Ägide stramm auf NS-Kurs. Aber nur wenige hatten überhaupt ein Radiogerät, das drei bis vier Monatsgehälter kostete. Es gab also im Wesentlichen nur Zeitungen und Bücher. Beide hatten einen weit höheren Stellenwert, als sie ihn heute für die meisten Menschen haben.

Indem die Nationalsozialisten bestimmten, daß viele Bücher als „undeutsch“ abzulehnen seien, verbannten sie nicht nur etwas Altpapier aus deutschen Buchhandlungen, Büchereien, aus der öffentlichen Diskussion, letztlich auch aus den heimischen Regalen. Die eigentliche Wirkung bestand darin, daß die in diesen Büchern dargestellten Gedanken nunmehr verboten waren.

Denkverbote sind das Wahrzeichen fast jeden Unrechtsregimes, und wie die Nationalsozialisten in beinahe jeder Hinsicht das verworfenste Unrechtsregime der Geschichte waren, so waren sie es auch in Bezug auf das, was George Orwell – freilich in anderem Kontext – „Gedankenverbrechen“ nannte.

Aus einem Buch von, sagen wir: Tucholsky zu zitieren, konnte einen Menschen den Kopf kosten. Im Sinne des Wortes: die Todesstrafe, die etwa bei der sogenannten „Wehrkraftzersetzung“ verhängt wurde, wurde mit dem Fallbeil vollstreckt. So widerfuhr es vor 70 Jahren auch Hans und Sophie Scholl, die wegen ihrer Worte unterm Fallbeil starben.

Das alles scheint von heute so weit entfernt zu sein wie die Steinzeit. Es gibt keine Grenzen dessen, was man denken darf. Das produziert zwar auch viel Unsinn (dabei denkt gewiß jeder an etwas anderes, was er für unsinnig hält), aber das eben ist der Preis der Freiheit, wie immer und überall: man muß dem anderen seine Freiheit lassen, wenn man selbst frei bleiben will.

Einen Nachteil bringt die Freiheit allerdings mit sich: Man gewöhnt sich sehr schnell an sie. Nichts läßt das Gefühl für Freiheit so schnell abstumpfen wie ihr Vorhandensein. Der unfreie Mensch hingegen spürt seine Unfreiheit.

Deswegen ist dieser 10. Mai ein Tag, an dem wir uns daran erinnern sollten, welchen Wert die Freiheit des Geistes hat. Und welches Ausmaß das Böse annehmen kann, wenn diese Freiheit genommen wird. Oder, um es mit Heinrich Heine zu sagen, der bereits hundert Jahr zuvor schrieb: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“

Achten wir darauf, unsere Freiheit wahrzunehmen, zu achten und zu schützen.

André Freud

Hier für Interessierte die „Feuersprüche“, die auch in Nürnberg, auf dem Hauptmarkt, am Abend des 10. Mai 1933 zu hören waren:

1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.
2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.
3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster.
4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.
5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.
7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.
8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!
Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!
Bild: Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA
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