8. Mai: Befreiung? Niederlage?

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8. Mai

Am 8. Mai 1945 kapitulierte das nationalsozialistische Deutschland vor den Alliierten. Der Nationalsozialismus verlor seine Macht über den Staat und die Menschen, jedenfalls seine unmittelbare Macht. Der Krieg endete, jedenfalls in Europa. An sich und zunächst müßte klar sein, daß der 8. Mai für die Deutschen ein Tag der Befreiung ist. Niemals gab es ein Regime, das so furchtbar erfolgreich darin war, das Böse selbst zu verkörpern. An diesem Tage endete es.

Wie kann man diesen Tag nicht als Tag der Befreiung sehen? Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich teile diese Meinung nicht, aber ich kann sie in gewissen Grenzen akzeptieren. Es sind ja keineswegs nur Alt-Nazis gewesen, die diesen Tag auch als Niederlage wahrnahmen. Es sind auch Menschen gewesen, die den Zustand Deutschlands im Frühjahr 1945 schlichtweg nicht zum Feiern fanden, die kein Gefühl der Befreiung erlebten, sondern ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, des Verlorenseins. Und man kann dem einzelnen schlecht einen Vorwurf machen, wenn er etwa angesichts der wüsten Ödnis, die Nürnberg an diesem Datum war, nicht feiern wollte.

Man muß jedoch einem Irrtum abhelfen. Jene Eindrücke, die viele den 8. Mai als Tag der Niederlage wahrnehmen lassen, sollten nicht mit dem 8. Mai verbunden werden. Diese – zurecht – beklagten Ereignisse, die Deutschland an den Rand der Existenz brachten und den alten Namen des Reichs wohl für alle Zeit abschafften, sind eben nicht mit dem 8. Mai verbunden. Ihre Daten lauten eher 30. Januar, 1. September, 22. Juni. Das, was zu beklagen ist, ist eine Folge dessen, was in Deutschland geschah – und keine Folge dessen, daß jene Taten, die in deutschem Namen geschahen, mit Wirkung zum 8. Mai endeten.

Der Fehler liegt also nicht darin, daß man das Verschwinden des Deutschen Reichs beklagt (kann man, wenn man will), daß man die Zerstörung der deutschen Städte beklagt (muß man), daß man den vorübergehenden Ausschluß aus der Weltgemeinschaft beklagt. Das ist alles in Ordnung, zumindest vertretbar. Der Fehler liegt darin, diese beklagenswerten Dinge mit dem 8. Mai in Verbindung zu bringen.

Ohne den 8. Mai hätten wir weder Freiheit noch Recht. Wir hätten keine Demokratie. Wir hätten keinen Frieden. Für mich ist der 8. Mai der Tag der Befreiung, der Tag, der den 23. Mai möglich machte: den 23. Mai 1949, den Tag des Grundgesetzes, den Tag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Der 8. Mai 1945 war ein guter Tag.

André Freud

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