Ich bin ein Patriot.

#321

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Auf die Frage, ob er Deutschland liebe, antwortete der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau“.

Die vielleicht nicht schwerste, aber eben doch eine vorhandene Last des Nationalsozialismus ist dadurch entstanden, daß die Nationalsozialisten Worte, Werte, Institutionen, die sie vorfanden, für sich mißbraucht haben. Das ist nun wahrlich nicht alles, was sie taten, es mag nur eine Nebensächlichkeit gewesen sein im Verhältnis zu all ihren anderen Taten – aber auch dieses ist eben ein Teil dessen, womit wir eine richtige Weise des Umgangs zu finden haben.

Ich möchte keineswegs die Menschen kritisieren, die nach 1945 von vielen Dingen, die rund um den Begriff „Staat“ und „Deutschland“ kreisen, erst einmal nichts mehr zu tun haben wollten. Zu tief saß die Wirkung der Übernahme dieser Begriffe durch die Nationalsozialisten; zu anrüchig war es durch sie gemacht worden.

Allerdings kann es doch nicht richtig sein, diese Begriffe, diese Werte deswegen abzulehnen, weil die Nationalsozialisten sie mißbrauchten, sie usurpierten, sie pervertierten. Die Tabuisierung dieser Begriffe hat zu einer, wie ich meine, unzureichenden Beschäftigung mit ihnen geführt – was unerfreuliche Folgen hat.

Vaterlandsliebe wird in Deutschland vor allem dann zum Ausdruck gebracht, wenn elf Mann auf einen grünen Rasen laufen und dabei ein (meist) weißes T-Shirt tragen. Das mag ja gut und schön sein – aber wann sonst ist das noch von gesellschaftlich anerkanntem Wert? Mit einem deutschen Papst werden wir in unserer Lebensspanne nicht mehr wirklich rechnen können, und das war es auch schon.

Es ist ein alter Hut, und doch sei auf ihn verwiesen: Ein Nationalist ist einer, der andere Staaten verachtet. Ein Patriot ist einer, der sein Land achtet. Für Nationalismus kann man als denkender Mensch kein Verständnis haben. Aber Patrioten sollten wir doch sein.

Freilich, es ist keine unkomplizierte Beziehung. Wie könnte es auch anders sein? Jeder hat wohl, denkt er an Deutschland in der Nacht, eine Menge Empfindungen und Gedanken. Keinem wird alles gefallen, was er mit diesem Land verbindet. Jeder hat wohl so seine eigenen Anker, an denen er seine Bindung festmacht. Für mich sind das Karl der Große und Otto I., die natürlich beide keine Deutschen waren, sondern ein Franke und ein sächsischer Franke, die zeitlich am Beginn dessen stehen, was meine Bindung an dieses Land ausmacht. Und dann kommen viele, viele Namen, Orte, Gebäude, Kunstwerke. Da ist der Isenheimer Altar, der Bamberger Dom, die Grablege der Kaiser und Könige im Dom zu Speyer, die Nürnberger Kaiserburg – um nur ganz wenige zu nennen.

Aber neben diesen Artefakten, die nebst vielen, vielen anderen in meinen persönlichen Baukasten der emotionalen Bindung zu diesem Land und seiner Kultur gehören, gibt es auch solche, die sowohl den Verstand als auch das Gefühl berühren.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ein solcher Baustein. Freilich, niemand wacht morgens auf und freut sich erst mal eine Viertelstunde übers Grundgesetz, bevor er den Tag beginnt. Jedoch wäre es gut und richtig, wenn wir bei so mancher Gelegenheit, bei so mancher Kritik, bei so manchem Zweifel auch im Kopfe haben, daß unser Leben in diesem freiesten, rechtsstaatlichsten, demokratischsten Staat, den es jemals hierzulande gab, vor allem durch das Grundgesetz definiert wird.

Deswegen verstehe ich nicht recht und mag auch nicht akzeptieren, daß der Tag des Grundgesetzes, der Gründungstag der Bundesrepublik Deutschland – der 23. Mai 1949 – im Bewußtsein vieler gar nicht vorkommt. Freilich, eine Verfassung zu lieben ist ein noch weitaus abstrakter Ding denn einen Staat zu lieben. Ich weiß auch gar nicht, ob es so sehr darauf ankommt, dieses bestimmte Wort zu verwenden. Aber achten, wertschätzen, respektieren, dafür einstehen – das sollte doch wohl den meisten von uns möglich sein.

Warum aber ist dann der 23. Mai kein Tag, der allseits begangen wird?

André Freud

Bild: Reichtsagsgebäude, Berlin – von Jürgen Matern, CC3.0, aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Reichstag_building_Berlin_view_from_west_before_sunset.jpg

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