Der Mai ist gekommen

#320

Grundgesetz_1949 (1)

Der 1. Mai wird weltweit als Tag der Arbeit begangen. Nur wenige wissen, daß er in Deutschland seit 1933 Feiertag ist – die Nationalsozialisten machten ihn zum Feiertag. Wohl auch, um den bereits geschwächten, aber noch vorhandenen Gewerkschaften die Gelegenheit zu nehmen, gegen die sich etablierende Diktatur zu demonstrieren. Am nächsten Tag besetzte die SA die Gewerkschaftshäuser, wurde das Vermögen der Gewerkschaften beschlagnahmt – und wurden alle Gewerkschaften verboten. Freilich widmeten die Nationalsozialisten diesen Tag nicht der „Arbeit“, sondern der „nationalen Arbeit“; was immer das sein mag.

Nur ist es doch eigentlich falsch, diesen Tag als Tag der Arbeit zu begehen. Er ist vielmehr der Tag des Arbeiters. Am 1. Mai wurde dann im Nachkriegsdeutschland – also in dessen freiem Teil – vor allem auch die Tatsache begangen, daß die Gewerkschaften es zuwege brachten, daß zunehmend fairere Bedingungen in der Arbeitswelt herrschten.

Dies erklärt auch, warum der 1. Mai, der noch in den 1950ern und natürlich vor allem vor 1933 enorme Massen von Menschen auf die Straße brachte, heute vor allem eine Art von Besinnungstag geworden ist: die Forderungen sind längst erfüllt. Der Arbeiter ist heute bei weitem nicht mehr der ausgebeutete arme Kerl, der kaum dem Stand des Proletariers entrinnen konnte. Er ist auch bei weitem nicht mehr so häufig.

Vor allem aber: der Arbeiter von heute hat sein Auto, sein Mobiltelefon, seinen Urlaub auf Mallorca – er ist ein völlig normaler und voll gleichberechtigter Bestandteil der Gesellschaft, und wenn er ein gut ausgebildeter Arbeiter ist, dann kann er ohne weiteres zur guten Mittelschicht gehören mit Häuschen, zusätzlicher Betriebsrente und sicherem sozialen Stand.

Wer so dasteht, der muß nicht mehr zur Wahrung seiner elementaren Rechte gegen eine fiese Gesellschaftsordnung auf die Straße gehen. Deswegen tun es natürlich auch immer weniger. Der 1. Mai erlebt deshalb seine Transformation: vom Kampftag für aktuelle Probleme wird er zum Erinnerungstag für gelöste Probleme. Und so ist er heute doch vor allem ein Tag des Erinnerns an eine Zeit, die weit hinter uns liegt. Es werden alte Fahnen geschwenkt, es werden alte Lieder gesungen – aber das alles stammt aus einer Vergangenheit, die für die meisten lebenden Deutschen kaum noch erkennbaren Bezug zur Gegenwart hat.

Damit geht dem 1. Mai in gewisser Weise der Sinn abhanden. Das merkt man auch an der Namensgebung. In Nordrhein-Westfalen heißt der 1. Mai ganz offiziell „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. Da fehlt nur noch das Dosenpfand. Bitte mich recht zu verstehen: Alles gute Sachen, gegen die niemand etwas haben kann. Aber ein staatlicher Feiertag als „Tag des Bekenntnisses“ – hallo? Aber so ist sie, unsere Zeit: Man muß einer realen Nullnummer nur hinreichend plumpe Gutmenschensymbolik geben, dann wird das schon akzeptiert.

Das sind jedoch alles Werte, die für den 23. Mail viel besser passen. Freilich muß man dies nicht in diesem linken Sprachduktus tun, aber die dort genannten Werte sind gute Werte. Und sie haben einen Bezug zu unserer Verfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Gründungstag ist der 23. Mai 1949.

Wir dürften beinahe der einzige Staat sein, der seine Gründung nicht mit einem Feiertag begeht. Nun gut, wir haben den 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit, und insofern als nationalen Feiertag. Ich will hier auch nicht für die Einführung eines zusätzlichen Feiertags plädieren. Aber richtiger als der 3. Oktober oder davor der 17. Juni wäre das Datum des 23. Mai.

Die deutsche Einheit wird heuer ihren 23. Jahrestag begehen. Noch ein paar Jahre später, und die Phase der deutschen Zweistaatlichkeit wird in den Köpfen vieler Menschen nicht mehr präsent sein.

Das historisch größere Ereignis ist der 23. Mai. An diesem Tag, mit Inkrafttreten des Grundgesetzes, entstand der deutsche Staat, der wie keiner zuvor Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie – aber auch Wohlstand, Bürgersinn, Sicherheit brachte. Der letztlich im Kalten Krieg errungene Sieg über die kommunistische Weltanschauung, die Beseitigung der sozialistischen Diktatur durch die von ihr unterdrückten Menschen – das alles sind ganz wichtige Topoi deutscher Geschichte, deren Rang ich nicht bezweifle.

Warum aber nur wenige Deutsche sich des 23. Mai bewußt sind, verstehe ich nicht – und halte das für falsch.

André Freud

Faksimile der Urschrift des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949: gemeinfrei

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