Liebe Genossen von der SPD,…

#319

SPD Stadtratsfraktion

…erst einmal ganz sachte. Es ist rührend von Euch, daß Ihr diesen freundlichen Blog zum Thema Eurer Fraktionssitzung macht. Ich danke auch recht artig für die darin zum Ausdruck kommende Wertschätzung, Eure treue Leserschaft und die darin sich manifestierende Fähigkeit mancher, nicht nur Nabelschau zu betreiben, sondern zur Kenntnis zu nehmen, was andere über Eure Politik denken.

Warum aber nur sind einige von Euch so bös‘ mit mir? Weil es zuweilen schmerzt, was ich schreibe? Ja, herrje, dafür ist dieses Dingens doch da, das Recht der freien Meinung.

Vielleicht bereitet es manchen auch Probleme, daß ich mich in der Sache um eine scharfe Zunge bemühe, in der persönlichen Begegnung aber trotzdem, naja, so etwas ähnliches wie ein netter Kerl sein kann. Ich denke, daß sich das so gehört: In der Demokratie setzt man sich mit den Meinungen auseinander – der eine tut es ruhig und versöhnend und wird Städtetagspräsident, der andere durchaus mal zuspitzend, pointiert und in Form einer Philippika und wird ganz gewiß niemals zum Gegenstand des Sammelposters im Vorwärts.

Ihr habt in der Nürnberger SPD sehr wohl Menschen, die (als Sozialdemokraten natürlich meist die falsche Ansicht, aber darüber hinaus) ausreichend Größe und Statur haben, um einerseits die gepflegte Auseinandersetzung zu betreiben und andererseits einen ordentlichen Umgang zu pflegen. Hierbei denke ich beispielsweise, aber nicht nur an Euren Bürgermeister Horst Förther. Bei einer Versammlung in Gostenhof gerieten Förther und ich über den Jamnitzer Park in der Sache einmal ordentlich aneinander – was uns nicht daran hinderte, hernach im Schanzenbräu ein Bier miteinander zu trinken. Und beim nächsten Mal werden wir uns wahrscheinlich wieder in der Sache streiten. Na und? Dafür ist die Demokratie doch da.

Oder nehmt Euren OB, den Maly Uli. Was haben wir uns nicht schon gefetzt! Freilich, der Maly nimmt allerhöchstens das Florett, während es bei mir zuweilen auch mal die Dampframme sein darf. Aber er ist ja schließlich auch der OB, während ich nur ein kleiner Schwarzer aus GoHo bin. Manche nehmen mir das übel. Schwarz, streitfreudig, und im Umgang mit dem Wort vielleicht nicht gänzlich unbegabt, wenn man mir diese Unbescheidenheit durchgehen lassen möchte, und im Kerngebiet der SPD bestandortet. Manchen mag das vorkommen wie ein Sex-Shop im Vatikan, aber da müßt Ihr durch.

Werdet inhaltlich, Genossen. Ihr verliert an Boden – und Ihr wißt es. Ich meine keine kurzfristigen Sachen wie die September-Wahlen; die wollt Ihr gar nicht gewinnen – anders lassen sich die beiden Kandidaten-Entscheidungen Ude und Steinbrück eigentlich nicht erklären. Nein, die Rede ist von langfristigen Entwicklungen. Auch in Nürnberg. Gestern in der U-Bahn: Zwei alte Sozialdemokraten, in der Wolle gefärbt, treffen auf zwei Schwarze aus GoHo. Und was wünschen die Roten beim Aussteigen? „Na, vielleicht klappt’s ja für Euch mit Eurem Brehm. So schlecht wär‘ des gar net“. Da staunt der CSUler und wundert sich. Naja, und etwas freuen darf er sich auch.

Diejenigen unter Euch, die auf diesen Blog verbal draufhauen, meinen den Esel, aber schlagen den Sack. Ihr habt in Eurer Politik so enorme Widersprüche, daß Ihr des Öfteren nicht mehr positiv für die eigene Position streiten könnt, sondern vor allem negativ auf diejenigen los geht, die bemüht sind, Eure politischen Irrtümer aufzuzeigen. Aber ist nicht das der Kern einer jeden wertvollen Ansicht: die Bereitschaft, sie immer wieder anzweifeln zu lassen? Ist es nicht gerade der Reiz der Politik, diese Auseinandersetzungen öffentlich zu führen, um möglichst viel an Zustimmung und Kritik zu erfahren und so die eigenen Gedanken zu erproben?

Gewiß macht Ihr aus mir keinen Roten, und ich werde nur aus wenigen von Euch einen Schwarzen machen. In diesem Sinne laßt uns streiten – und lauft nicht weg.

Als ob der OB geahnt hätte, daß manche von Euch Anhänger einer Wagenburgmentalität sind, hat er mir am Sonntag die Zusage für ein Interview mit dem Blog gegeben. Ich freue mich schon drauf. Bei aller Kritik an seiner Politik gilt, daß er die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner recht professionell handhabt. Und ansonsten darf ein Satz von FJS das Geleitwort zum Tage sein: „Irren ist menschlich, aber immer irren ist sozialdemokratisch“.

Einen schönen Dienstag, liebe Genossen!

André Freud

Bild: http://spd-stadtratsfraktion.nuernberg.de/

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